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Konsumterror
Eine Tube „Ham Ham“ für die Spaghetti

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Mit dem Konsum ist es schon ein Kreuz, man kann ihm irgendwie nicht entgehen. Zumindest am Kauf-Nix-Tag hat unsere Autorin das aber geschafft. Bis auf Weiteres... Von Ruth Rousselange

Kaufen Sie Gold zum Schnäppchenpreis als Anlagemodell! So steht es in der Anzeige. Ja, warum kaufe ich mir nicht einen Haufen Gold und deponiere ihn als Sicherheit in meinem Keller? Wie Dagobert, um darin zu baden. Wobei ein Kopfsprung auf gestapelte Barren Gold wahrscheinlich nicht wohltut. Vielleicht dann doch lieber Taler… Jedenfalls gibt es offenbar raffinierte Wertanlagen, auf die ich selber gar nicht kommen würde. Die Frage ist, wovon kaufe ich mir das Gold? Und was muss ich von meinem Hab und Gut verscherbeln, um genügend finanzielle Rücklagen für den Golderwerb anzuhäufen? Will das überhaupt jemand haben, was ich zu verscherbeln hätte? Die ganzen alten Bücher, durchgebogene Regale, jede Menge noch kopierergängiges Papier, erst einseitig bedruckt, auch als Anzündware erstklassig, kistenweise gespülte Marmeladengläser zum Einmachen, vielleicht noch ein paar gebrauchte Schuhe… Ob es da einen ansehnlichen Batzen Gold für gibt? Mit dem Konsum ist es einfach ein Kreuz, weil man nie damit fertig wird. Selbst wenn man gar nicht konsumieren will. Und beispielsweise mal läuft, statt Auto zu fahren. Das gibt Minusstunden, bis man endlich im Büro ist. Bis man die wieder raushat, braucht man lange gar nicht mehr zu Hause aufzutauchen, verbraucht aber über Gebühr Strom im Büro. Gibt es die Nachtspartarife noch? Selbst bei den Grundbedürfnissen wie Essen nutzt man das Geschirr ab, und gespült werden muss es auch noch. Ergo, Verbrauch von Spülmittel und Wasser. Und baut man keinen Frischkäse im Garten an, muss man ihn halt kaufen. Schön, wie Sempé schon in den 1970ern solch fatale Zusammenhänge erfasste, als er auf riesigen Plakaten einen frech grinsenden Tiger nebst Spruch „Pack den GRRR in den Motorrrr“ zeichnete oder die Familie, die ihre Spaghetti mit einer Tube „Ham Ham“ verfeinert. Unter den Plakaten schleicht eine gebückte, blicklose Menge auf dem Weg zur Arbeit, etwa um sich „Ham Ham“ zu erwirtschaften, zu finden in dem Band „Sempés Konsumgesellschaft“ (Diogenes Verlag). Tja, Ende November war der „Kauf-Nix-Tag“, ich glaube, zumindest daran werde ich mich halten. Vorerst….