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Lange Nacht der Industrie
Gusseisen ist elastischer, als man denkt

In dieser Halle werden die sechs Meter langen Rohre beschichtet.
In dieser Halle werden die sechs Meter langen Rohre beschichtet. FOTO: BeckerBredel
Saarbrücken. Saint Gobain in Saarbrücken stellt Rohre aller Art her. Wie das geschieht, war am Donnerstag zu sehen. Von Jörg Wingertszahn

Mit Herzschrittmacher kommt hier keiner rein. „Zu gefährlich“, sagt Tim Scheidhauer, Prozess-Ingenieur bei Saint Gobain PAM (Pont-à-Mousson) in Saarbrücken. „Der Rinnenofen arbeitet mit Induktion, das geht dann nicht“, erklärt er. Ein Rinnenofen ist ein induktiv beheizter Ofen, der zum Speichern, Warmhalten und Schmelzen von Metallen sowie als beheizbare Gießeinrichtung dient. Das elektromagnetische Feld des Ofens könnte einen Herzschrittmacher aus dem Takt bringen. Für eine Gießerei wie Saint Gobain ist solch ein Ofen aber unverzichtbar. Am Donnerstag hatten dutzende Besucher bei der „Langen Nacht der Industrie“ Gelegenheit, das Unternehmen in Brebach zu besichtigen und sich über die Produktionsabläufe zu informieren. Das Vorgängerunternehmen von Saint Gobain, die Halbergerhütte, hatte an diesem Standort schon im 18. Jahrhundert Gusseisen produziert. So ist es auch heute noch. Saint Gobain stellt Rohre in verschiedenen Größen und Beschichtungen für den Weltmarkt her. Sie werden unter anderem verwendet, um Trinkwasser oder Abwasser zu transportieren.


Es riecht nach Schwefel. Ein etwas fauliger Geruch wabert durch die Produktionshallen. „Schwefel entsteht beim Schmelzen, wenn Koks verbrennt“, erklärt Scheidhauer. 1460 bis 1500 Grad ist der Kupolofen heiß, in dem da Eisen geschmolzen wird. An diesem Abend ist er aber außer Betrieb, weil der Abfluss verstopft ist. Seit dem frühen Morgen versuchen Mitarbeiter, ihn wieder zum Laufen zu bringen. Gusseisen ist langlebig. Vor der Halle von Saint Gobain liegt ein Rohrstück, das über 100 Jahre alt ist und in Berlin verbaut war. „Das ist noch tadellos“, sagt Scheidhauer. Allerdings hat sich die Qualität des Gusseisens seit damals erheblich verbessert. Es ist duktil geworden, wie Fachleute sagen, sprich: elastisch und damit belastbar. „Rohre werden auch unter der Straße verlegt, wo Lkw drüber rollen, die müssen was aushalten“, sagt Scheidhauer.

Vor allem Schüler und Studenten sollen bei der „Langen Nacht der Industrie“ Kontakt zu Arbeitgebern aufnehmen. Das Angebot haben sich Marie Biegel (20) und Adrian Krüger (21) nicht entgehen lassen. Die beiden studieren an der Saar-Uni Materialwissenschaften. Einen Job bei Saint Gobain oder Woll Maschinenbau, das auch an der Aktion teilnahm, können sich beide gut vorstellen. Marie hat schon ein Praktikum bei Fresenius gemacht, Adrian bei einem Unternehmen, das Kupfer verarbeitet. Er findet es wichtig, „die Maschinen kennenzulernen, die tatsächlich im Einsatz sind“. Beide suchen die Verbindung von Theorie und Praxis. Und noch eine Studentin hat sich zur Gruppe gesellt: Xueting Li. Die 24-jährige Chinesin studiert in Saarbrücken und interessiert sich für Industriebetriebe. „Fascinating“, faszinierend, findet sie alles, was mit Industrie zu tun hat.



„In einer Gießerei ist grundsätzlich alles warm, wenn nicht sogar heiß“, hatte der Geschäftsführer von Saint Gobain, Burkhard Schmolck, gewarnt. Darum bekommt jeder Besucher eine PSA, eine persönliche Schutzausrüstung, zu der Helm, Warnweste, Brille und Handschuhe gehören.

Schmolck hatte recht: Das Eisengeländer auf der Aussichtsplattform ist ganz schön warm. Und staubig. Nach dem Besuch sollte man sich schon die Hände waschen.

Die gusseisernen Rohre, die Saint Gobain herstellt, werden in einem aufwändigen Verfahren beschichtet. „Die Rohre sind sozusagen die Lebensmittelverpackung für Wasser, die absolut hygienisch sein muss“, sagt Schmolck. Wenn die Rohre beschichtet werden, ist ein Kreischen zu hören, so, als würde das Gusseisen ein letztes Mal aufheulen, bevor es für immer versiegelt wird. Marie und Adrian hat der Trip gut gefallen – und er hat sich gelohnt. Die beiden haben Chancen, als Werkstudenten bei einem der Unternehmen unterzukommen.