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Spend dein Instrument
Ein Erbe, das Kindern die Musik bringt

Gisela Neys verstorbener Mann Peter liebte Geigen und sammelte auch andere Instrumente. Ein Großteil davon hat seine Witwe nun der Musikschule Saarbrücken gespendet. Auf den Instrumenten sollen jetzt Kinder spielen, deren Eltern sich kein eigenes Instrument leisten können oder wollen.
Gisela Neys verstorbener Mann Peter liebte Geigen und sammelte auch andere Instrumente. Ein Großteil davon hat seine Witwe nun der Musikschule Saarbrücken gespendet. Auf den Instrumenten sollen jetzt Kinder spielen, deren Eltern sich kein eigenes Instrument leisten können oder wollen. FOTO: Iris Maria Maurer
Saarbrücken. Bei der Aktion „Spend’ dein Instrument“ werden Saarländer aufgefordert, Instrumente, die zuhause niemand mehr spielt, den Musikschulen zu schenken. Gisela Ney vom Saarbrücker Rastpfuhl war eine der Ersten, die mitmachte. Von Nicole Baronsky-Ottmann

Gisela Ney sitzt am Esstisch in ihrer Wohnung auf dem Saarbrücker Rastpfuhl. Neben ihr an der Wand hängen fünf Geigen, allesamt in einem guten Zustand. Sie sind die letzten von einer ganzen Reihe von Instrumenten, die Gisela Ney in der letzten Zeit verschenkt hat.


„Eigentlich müssten Sie mit meinem Mann sprechen. Von ihm sind die Instrumente“, sagt Gisela Ney. Die große Leidenschaft ihres verstorbenen Mannes Peter war das Geigenspielen, waren überhaupt Instrumente. „Er hat im Alter von fünf Jahren angefangen, erhielt Unterricht. Später spielte er im Schulorchester im Gymnasium Völklingen“, erzählt seine Frau. Zum Beruf wollte er das Geigenspiel aber nicht machen, wurde stattdessen Elektrotechniker. Aber die Leidenschaft zur Musik und zur Geige hat ihn nie losgelassen.

„Und er hat nicht nur Geige gespielt, er hat Instrumente repariert, restauriert, und auch einige geschenkt bekommen.“ Die Musik verband das Ehepaar. Denn Gisela Ney, die von sich selbst sagt, sie sei nicht sehr musikalisch, liebt Konzertbesuche. Viele Abende sei sie in Konzerte gegangen, während ihr Mann zuhause die Instrumente gestimmt, gereinigt und gespielt hatte. „Nach so einem Abend waren wir beide froh“, erinnert sie sich wehmütig.



Letztes Jahr im April starb Peter Ney plötzlich. Und Gisela Ney wusste nicht, was sie mit den Instrumenten machen sollte, die nun nur noch zur Dekoration dienten. „In meinem Italienisch-Kurs hat mir dann meine Nachbarin gesagt, ich solle sie doch spenden“, erzählt Gisela Ney. Und so wandte sie sich an Thomas Kitzig, den Leiter der Musikschule Saarbrücken.

„Das war noch vor dem eigentlichen Beginn der Aktion „Spend´ dein Instrument“. Anfang des Jahres habe ich ihm fünf Geigen, eine Gitarre, eine Mandoline, ein Banjo und sogar eine griechische Bouzouki gegeben“. Denn Gisela Ney will, dass die Instrumente weiter gespielt werden. Die Idee, sie an die Musikschule zu verschenken, damit sie dort von Schülern, die sich ein solches Instrument nicht leisten können, ausgeliehen und gespielt werden können, behagte ihr. „Und dann wurde ich auch gleich noch Mitglied im Förderverein der Musikschule“, erzählt sie lachend.

Auf die Frage, ob denn in ihrer Familie niemand die Instrumente haben wollte, antwortet sie, dass ihre Tochter, die zwar als Kind Gitarrenunterricht beim Vater hatte, heute kein Interesse daran habe. Und so hat sich Gisela Ney entschieden, von den fünf verbliebenen Geigen im Rahmen der Aktion „Spend’ dein Instrument“ noch drei weitere an die Musikschule abzugeben. Eben jene, die bei unserem Besuch noch an der Wand hängen. „Ich kann nicht sagen, ob die einen guten Ton haben“, schränkt sie zwar ein, aber sie sehen sehr gepflegt aus.

Nur zwei Geigen wird sie als Erinnerungsstücke an ihren verstorbenen Mann Peter behalten. Eine kleine, sogenannte halbe Geige, die Kindergeige, auf der er spielen lernte, und eine weitere, deren Rückblatt mit wunderschönen geschnitzten Efeuranken verziert ist. „Zu der Geige gibt es eine kleine Anekdote“, sagt sie und erzählt, dass das junge Paar Ney in den 1970er Jahren häufig Gast in der  Saarbrücker Kneipe „Musikus“ war. Dort hatten Sinti und Roma einen Abend gezecht und die Geige als Pfand zurückgelassen, weil sie erst am nächsten Tag bezahlen wollten. „Sie sind aber nie mehr erschienen, sodass die Geige immer über dem Tresen hing. Und irgendwann hat mein Mann dann zum Wirt gesagt, du brauchst die doch gar nicht“, erinnert sich Gisela Ney und lächelt.

Und dann erzählt sie gleich noch eine weitere Geschichte. „Ich gebe die Instrumente ohne Kästen weg, die habe ich nicht. Und ich habe auch nicht ausreichend Bögen. Aber ein Bogen hat eine ganz besondere Geschichte“: Als Peter Ney noch im Schulorchester spielte, hatte ein Mitschüler bei ihm einen Bogen ausgeliehen. Sein misstrauischer Vater markierte ihn, indem er „PN“ für Peter Ney einschnitzte. Aber es kam wie es kommen musste: der Mitschüler verließ die Schule, und der Bogen war verschwunden.

„60 Jahre später fragte eine Nachbarin meinen Mann, ob er einen Geigenbogen haben wollte, sie hätte ihn im Sperrmüll gefunden. Und mein Mann bekam seinen Bogen mit den geschnitzten Initialen wieder. Unglaublich, oder?“.

Wer weiß, vielleicht erlebt Gisela Ney eines Tages ja wieder so einen Zufall. Sie will weiterhin viele Konzerte besuchen. Womöglich begegnet ihr da ja eines Tages auch ein Instrument ihres Mannes wieder.