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Ein Cadillac, ein Trabi und die Hitlerjugend

Kolumne : Strafzettel für einen Fleck Geschichte

Das, was meine Mutter da getan hatte, war wirklich nicht ganz sauber. Da kannst du nichts sagen. Mit allen vier Rädern stand sie auf dem Gehsteig vor ihrem Haus und freute sich oben in der Küche schon auf den zweiten Kaffee am Morgen, als ein Stockwerk tiefer auf der Straße eine Dame vom Ordnungsamt der dortigen Gemeinde leicht in die Knie ging, um ihr Auto zu fotografieren.

Wenige Tage später lag der Bescheid hinter der Tür, durch dessen Briefschlitz sonst gern die Katze ihre Pfote steckt. 20 Euro Strafe, gezeichnet Frau W. Der Zettel war Thema bis in den Abend.

Warum? Frau W war zwar die erste, aber sie kam viel zu spät. Seit über 60 Jahren parkt unsere Familie auf dem Bürgersteig vor dem Haus in der abgelegenen Straße, die im Wald endet, um Holzlastern und Traktoren neben dem Bordstein noch genug Platz zu lassen. Das hätten Schnappschüsse werden können. Ein Kleinwagen macht da auch nicht mehr viel her. Auf dem Fleckchen hat Geschichte geparkt. Der Trabi der Verwandten auf der Flucht stand mit allen Vieren drauf, vielleicht nicht ganz der Cadillac von Bill bei dessen Besuch kurz vor dem Abflug nach Vietnam: Dafür war das Auto zu breit. Das wären Strafzettel gewesen, Frau W, da hätte das ganze Rathaus gestaunt.

Wer jetzt aber in der Verwaltung auf die Idee kommt, öfter jemanden zu uns zu schicken, sollte sich das noch mal überlegen. Dort, wo unser Haus ist, stand früher ein anderes, bis mein Opa kam und es abriss. Ein Foto von dem alten Haus liegt noch im Dorfarchiv, geknipst mit einer anderen Kamera als der von Frau W. Mächtige Sandsteine umfassen die Fenster. Im Vordergrund marschiert quer über den Trottoir: die Hitlerjugend. Es ist manchmal also gar nicht so schlecht, genau dort zu parken, wenn das dann bestimmten Gestalten den Weg versperrt.