Theaterabend : Drei Frauen, schwere Kost, großer Abend

Eva Kammigan, Nina Schopka und Verena Bukal gestalteten drei eindringliche Solo-Stücke vor Publikum auf dem Theaterschiff.

Harte Kost, ja schon, aber auch: Theater, wie es sein muss, das bot der „3D“-Abend im Theaterschiff in Saabrücken mit den drei Monologen von Verena Bukal, Eva Kammigan und Nina Schopka.

Frank Lion, Chef der Theatercompagnie Lion, hatte die Idee zu dem Programm mit Monologen, weil ja etwas anderes derzeit kaum möglich ist auf der Bühne, Stichwort Abstandsregeln. Unter jenen Schauspielerinnen und Schauspielern, die Lion angefragt hatte, kristallisierten sich letztlich jene drei Protagonistinnen heraus, die den Abend gestalteten.

Und der hatte es in sich. Die Parallelen der drei starken Auftritte bestanden darin, dass Bukal, Kammigan und Schopka jeweils in die Rolle eines verzweifelten Menschen stiegen: Einmal in den „Kellerloch-Menschen“, den Dostojewski einst erfand, dann in die Kindsmörderin, die als Dreizehnjährige vom Lehrer schwanger verlassen wurde, und zuletzt in den krebskranken Prometheus, der die Götter wegen der Erfindung des Todes anklagt.

Schon als die 20 Zuschauer den Bauch des Schiffes betreten, liegt auf der Bühne die Staatstheater-Schauspielerin Verena Bukal auf dem Rücken in einem Ballettkostüm und brabbelt verloren vor sich hin. Dann richtet sie sich auf und lässt erstmal ein Diktiergerät für sich sprechen. Dostojewskis depressiver Monolog voller Wut auf die Gesellschaft beginnt.

Bukal bringt es fertig, fast gleichzeitig eine Zigarette zu rauchen, einen Rohesser in sich hineinzustopfen und dazu einen Energy Drink zu trinken. Dann wiederum zieht sie sich Boxhandschuhe an, fordert die Schiffswand heraus oder gibt sich selbst Schläge auf den Kopf. „Ich bin kein lustiger Mensch“, „ich bin ein böser Mensch“ und „ich bin ein abstoßender Mensch“ lauten die Einleitungssätze von drei Abschnitten. Zuletzt holt sie eine Axt und schlägt auf den Boden. „Es lebe mein Kellerloch“, schreit sie und erklärt, dass zwei mal zwei gleich fünf ihr Wollen sei. Heftig, aber eindringlich ist dieser Aufschrei gegen den Konformismus.

Auftritt der Saarbrücker Schauspielerin und Regisseurin Eva Kammigan – sie kommt verängstigt auf die Bühne, beginnt stockend und kommt dann doch in Fahrt mit ihrer schaurigen Geschichte. Als 13-Jährige wird sie von ihrem Lehrer verführt, mit 14 lässt dieser sie sitzen, weil sie ein Kind erwartet. Den Sohn nennt sie Billie, weil der Lehrer ausschließlich die Sängerin Billie Holiday hört. Als der Junge 14 Jahre alt ist, macht sie dessen Vater ausfindig und vereinbart ein Treffen. Um sich am Erzeuger zu rächen, bringt die Mutter Billie um.

Kammigan fesselt die Zuschauer bei diesem Auszug aus Neil LaButes Stück „Bash“ mit ihrem psychopathischen Mienenspiel und dem tief verzweifelten Klang ihrer Stimme – mehr braucht sie dazu nicht.

Auf die Bühne kommt danach das Mitglied des Korso.op-Ensembles, Nina Schopka, die vielen noch als Staatstheater-Schauspielerin geläufig ist. Einen Dialog des Dramatikers Wolfram Lotz aus dem Korso.op-Stück Tristesse Royale hat sie zum Monolog umgearbeitet.

Im Schlabberlook und mit schauderhafter Siebzigerjahre-Brille steht sie nun vor dem Publikum. Sie gibt sich als Prometheus zu erkennen und packt zuallererst mal die Leber aus – eine Attrappe, die sie sich um den Bauch gebunden hat. Wie es sich gehört, verflucht die Gestalt aus griechischen Mythologie die Götter – hier allerdings dafür, dass diese den Tod erfunden haben. Nur die Seegurke hätten sie dabei vergessen, da diese mit dem Enzym Telomerase ihre Körperzellen unsterblich machen könne. Da wird im Publikum zum ersten Mal herzhaft gelacht an diesem Abend.

Dann aber wimmert Schopka/Prometheus, dass er/sie nicht sterben möchte und rastet regelrecht aus im Hass auf die Götter. Und überhaupt, was solle das mit der Wirklichkeit? „Warum sollten wir hinnehmen, dass die Wirklichkeit die Bedingungen unseres Lebens gestaltet?“, ruft Prometheus und fordert, dass die Wirklichkeit nicht mehr so ist, wie sie ist. Das ließ sich gut auf die derzeitige Corona-Situation übertragen, die ja bei den meisten den starken Wunsch entstehen lässt, dieser Alptraum möge nun  bald vorbei sein.

Für die drei Schauspielerinnen war es fantastisch, wieder vor Leuten zu spielen und nicht vor einer ins Internet streamenden Kamera. Auch wenn es nur an zwei Abenden vor jeweils 20 Zuschauern war. „Vielleicht machen wir’s auch noch mal“, meinte Schopka hinterher. Unbedingt – der Abend hatte mehr Zuschauer verdient.