Dieter Meier, der Tot und die Weihnacht

Im Gespräch : Dieter Meier, der Tod und die Weihnacht

Er ist ein Lustiger, er kann aber auch böse. Und zu Weihnachten wird Dieter Meier sogar fast besinnlich. Eine Begegnung mit dem Mimen.

„Ich bin am Ende, ich hab den Tod gespielt. Schöner kann man nicht aufhören.“ Sagt Dieter Meier. Und nachdem er die kurze Schrecksekunde seines Gegenübers ausgekostet hat, grinst er fröhlich.

Denn wenn einer nicht aufhört, mit dem Theaterspielen, dann ist das natürlich dieses Theater-Urviech Dieter Meier. Beim Treffen in einem Saarbrücker Café kommt man mit ihm flott vom Hundertsten ins Tausendste, plaudert kurz über Thomas Bernhard, sehr lang über Kafka, freut sich über Fotos seines zweijährigen Enkels und landet über einen Umweg zur AfD bei Weihnachten und wieder bei Kafka;  man weiß gar nicht, wo man anfangen soll mit Schreiben.

Der Tod jedenfalls ist derzeit Dieter Meiers liebste Rolle – er spielte sie im Sommer im „Brandner Kasper“ in der Homburger Hohenburg-Ruine. Und das Ganze war ein solcher Erfolg, dass die Wiederaufnahme 2020 schon beschlossene Sache ist. Da hatte wohl sein Freund und Vorbild, der Schauspieler Martin Leutgeb recht, als er auf Meiers Bemerkung mit dem Aufhören nur sagte: „Den Brandner Kasper kannst du Jahrzehnte spielen!“

Dieter Meier treibt sich seit Jahren kreuz und quer in der Saarländischen Amateurtheaterszene herum – und zwar in der professionellen Amateurszene, also in jenen Produktionen, die landesweit von sich reden machen. Beim Neunkircher Musical-Projekt war er als „Merlin“ dabei und schwärmt vom Kulturwunder der ehemaligen Hüttenstadt: „Was der Fries mit Kultur für die Menschen dort getan hat, kann man nicht hoch genug schätzen“, sagt er und schickt eine Spitze hinterher: „Diesen kontinuierlichen Willen erkenne ich in Saarbrücken nicht.“

Als er seinerzeit mit dem Dudweiler Statt-Theater versuchte, das ehemalige Scala-Kino zum Theater zu machen, war die politische Hilfsbereitschaft jedenfalls nicht so erkennbar wie in Neunkirchen. Das alte Dudweiler Statt-Theater ist heute ein Antiquitätenladen, und aus der Scala wurde auch nie mehr ein Kulturort.

Aber die Scala-Träume sind Vergangenheit. Ohnehin steht der 61-Jährige lieber selber auf der Bühne als hinter ihr die ganze Organisation zu machen. Der Brandner Kasper ist so ein Stück, das ihn beglückt. „Wir spielen ihn auf Saarländisch.“ Und mit riesigem Erfolg: „Die Vorstellungen waren rasend schnell ausverkauft, und  vom 21. bis 31. August 2020 spielen wir, außer Mitwoch“, preist er schonmal den nächsten Sommer an. Außerdem spielt er beim Volkstheater von Martin Leutgeb in der Saarbrücker Alten Kettenfabrik – allsommerlich werden die viel zu wenigen Aufführungen dort regelrecht gestürmt.

Und er macht seit 15 Jahren ein anderes Erfolgsprodukt mit: „Soulful Christmas“. Diese überaus beliebten Abende mit viel Musik, tollem Ambiente und ihm als Erzähler erfreuen sich von Jahr zu Jahr größerer Beliebtheit und sind für Dieter Meier eines seiner Lieblings-Projekte. „Seit ich da mitmache, ist Weihnachten wieder schön“, meint er – und seine hellblauen Augen leuchten fröhlich hinter den Brillengläsern. Diese Gemeinschaft mit dem Ensemble, schwärmt er, sei großartig: „Jeder trägt dazu bei, dass es insgesamt schön ist, und jeder, der nicht da ist, würde fehlen – wie in einer Familie.“

Die Keimzelle von Soulful Christmas war wie auch die vom Brandner Kasper das Neunkircher Musical-Projekt – „Wahnsinn, was das für Wellen geschlagen hat“. Dort lernten sich alle kennen. Der Darsteller vom Homburger Brandner Kasper war dort in der „Merlin“-Produktion der Bischof – und später übrigens im wirklichen Leben auch noch Meiers Trauzeuge. Saarland halt.

Wie Kultur funktioniert, warum Menschen in welche Theater kommen, diese Frage treibt Dieter Meier um. „Warum kommen die Leute in die Kettenfabrik?“. Der Ort sei beliebt, Volkstheater vielleicht auch – obwohl sie ja durchaus keine Komödien spielen dort. Aber warum findet manch anderes, Anspruchsvolles kein Publikum? Ein Rätsel, das er immer wieder wälzt.

Aktuell grübelt er über Kafkas „Bericht an eine Akademie“. Das Stück mit seiner Botschaft von der freiwilligen Unfreiheit, die mancher Mensch der Selbstbestimmung vorzieht – gerade ja auch wieder aktuell – reizt ihn, seit er es in Wien auf der  Bühne sah. Zugleich fragt er sich, ob und wie er das spielen könnte. Weil die Leute von ihm ja immer auch ein bisschen was zum Lachen erwarten. „Aber das wird nicht witzig.“

Dabei hat Dieter Meier ja gar nicht nur dieses  komödiantische Talent, auch wenn er natürlich ein lustiger Erzähler ist. Er mag auch das Böse, etwas Abgründige. Und: Ja, der fröhliche Herr Meier kann auch zornig werden. Zum Beispiel darüber „Wie wenig Geld in die Hand genommen wird, etwas Sinnvolles zu tun, um die Menschen  kulturell zu bilden.“ Kulturelle Bildung ist für ihn das beste Mittel auch gegen beunruhigende politische Entwicklungen. „Man merkt doch bei der AfD den Versuch, die Grenzen des Sagbaren zu verschieben – genau, wie es die Nazis getan haben.“ Kulturelle Bildung könne Menschen da aufmerksamer machen.

Er kann auch böse: Dieter Meier (vorne) als der alte Grutz mit dem Ensemble des Volkstheaters in der Kettenfabrik. Foto: Kerstin Krämer

Auch Facebook sieht er überaus kritisch, weil dort alles bleibt und sich verbreitet. „Vor 30 Jahren hat irgendein Dummbeutel in der Kneipe dummes Zeug geschwätzt, und am nächsten Tag war es weg.“ Bei Facebook leider nicht: „Es ist, als würde man 20 mal den Müll raustragen, und wenn man zurück kommt, ist er wieder da.“ Leider halten sich zu wenige Leute an die Weisheit seines Opas: „Der hat immer gesaat: Dumm derf ma sinn, aber nit frech.“ Über soviel saarländische Weisheit kann er dann zum Glück wieder lachen.