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Saarbrücken
Die todbringende Kunst des Jacob Walster

Diese Pistolen fertigte Jacob Walster für Fürst Ludwig (die kleinere Pistole) und für Fürst Wilhelm Heinrich an.
Diese Pistolen fertigte Jacob Walster für Fürst Ludwig (die kleinere Pistole) und für Fürst Wilhelm Heinrich an. FOTO: Martin Rolshausen
Saarbrücken. Die teuersten Pistolen der Welt wurden in Saarbrücken hergestellt - vor rund 240 Jahren. Von Martin Rolshausen

Die Männer, die sich in einem Nebenraum des Hotel Leidinger über zwei Pistolen beugen, wollen ihre Begeisterung nicht verbergen. Es sind aber keine Waffen­narren, die an einem Abend im Oktober im Domizil in der Mainzer Straße ehrfürchtig zwei todbringende Kunstwerke betrachten. Es geht um Geschichte. Es geht um eine Zeit, in der Saarbrücken ein kleiner Teil von etwas Großem war.


Die beiden Pistolen, die vor Hotelchef Gerd Leidinger, dem Stadtführer und Barockexperten Klaus Friedrich, dem Direktor des Deutsch-Amerikanischen Instituts im Saarland, Bruno von Lutz, und Guido Grohmann von der in Saarbrücken ansässigen Uhrenmanufaktur Nivrel liegen, gehörten den Saarbrücker Fürsten Wilhelm Heinrich und Ludwig. Mitgebracht hat sie der Homburger Kunst- und Antiquitätenexperte Gerd Steuer. Die Waffen, die die Fürsten wohl zur Jagd benutzt haben und die Gerd Steuer nur sehr  vorsichtig und mit weißen Handschuhen anfasst, wurden von Jacob Walster hergestellt.

Um an solche Stücke zu kommen, müsse man gut vernetzt sein und wissen, wonach man bei Antiquitäten-Auktionen suchen muss, sagt Steuer. An diesem Abend dienen die beiden wertvollen Stücke allerdings nur als Anschauungsmaterial. Als eine Art Muster für viel Wertvolleres: die Pistolen, die der Marquis de Lafayette George Washington geschenkt hat. Pistolen, die als die zurzeit teuersten der Welt gelten. Für 1,986 Millionen US-Dollar wurden die Sattelpistolen 2002 bei Christie’s in New York versteigert.

„Man ist lange davon ausgegangenen, dass es sich um französische Pistolen handelt, weil ,Walster à Sarrebruck’ eingraviert ist“, sagt Klaus Friedrich. In der Liste des Auktionshauses ist die Herkunft des 1775/1776 hergestellten „Lafayette-Washington“-Pistolenpaars mit „SAARBRUCK, FRANCE (NOW GERMANY)“ verzeichnet. Aber wie kommen Saarbrücker Pistolen in den Besitz des ersten Präsidenten der Vereinigten Staaten?
Klaus Friedrich erklärt das so: Der Marquis de Lafayette sei in Metz stationiert gewesen, habe Kontakte zum Hof in Saarbrücken gehabt. Dort habe er die beiden Pistolen beim Büchsenmacher, Eisenschneider und Graveur Jacob Walster, dem Hoflieferanten der Fürsten von Nassau-Saarbrücken, gekauft. Die beiden Waffen hat er dann seinem Freund George Washington, an dessen Seite er im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg kämpfte und zum Kriegsheld wurde, geschenkt.

Die beiden berühmt gewordenen Pistolen waren nicht der einzige Saarbrücker Beitrag zum amerikanischen Freiheitskampf. Die Franzosen stellten sich im Kampf gegen die Briten an die Seite der Unabhängigkeitsarmee. Einen Teil der Soldaten, die mit Washington und Lafayette in den Kampf zogen, „mieteten“ die Franzosen von den Fürsten im deutschen Südwesten. „Zwischen Saar und Pfalz rekrutierten die Fürsten eine ,französische  Hülfarmee’, weil sie Geld brauchten. Unter anderem wurde Schloss Karlsberg so finanziert“, erzählt Klaus Friedrich.



Als die Briten 1781 nach der Schlacht um Yorktown in Virginia kapitulierten und den Weg für eine unabhängige USA frei machten, war dieser Sieg auch gut 1000 Soldaten aus dem Saar-Pfalz-Raum zu verdanken, sagt Friedrich.
Die beiden Sattelpistolen, die Teil der französischen und amerikanischen Geschichte wurden, sind nicht die einzigen Waffen aus der Alt-Saarbrücker Werkstatt, die es zu einer gewissen Bedeutung gebracht haben. Im Besitz der englischen Königin zum Beispiel ist bis heute eine „Pirschbüchse“ mit der Gravur „.Walster à Sarrebruck“.

Im Hotel Leidinger wurden die Waffen in diesen Tagen bestaunt, von links: Gerd Leidinger, Klaus Friedrich, Bruno von Lutz, Guido Grohmann und Gerd Steuer.
Im Hotel Leidinger wurden die Waffen in diesen Tagen bestaunt, von links: Gerd Leidinger, Klaus Friedrich, Bruno von Lutz, Guido Grohmann und Gerd Steuer. FOTO: Martin Rolshausen