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Die Stadtgalerie zwischen Kunst und Chefsuche

Was es Neues gibt : Stadtgalerie zwischen Kunst und Chefsuche

Eine neue Ausstellung, virtuelle Angebote, pfiffige neue Einladungs-Flyer und einen neuen Image-Film: In der Stadtgalerie gibt es einiges Neues zu entdecken.

Am 19. Februar beginnt in der Stadtgalerie eine neue Ausstellung. Im Moment sieht alles danach aus, als könnte die Schau mit drei Künstlerinnen und Künstlern nur digital eröffnet werden. Aber diese Möglichkeit hat Katharina Ritter (38), seit August 2020 Interimsleiterin der Stadtgalerie, selbstverständlich schon mit eingeplant.

Überhaupt hat Ritter im zurückliegenden Corona-Jahr eine ganze Menge auf die Beine gestellt. Gerade auch digital. Noch vor ihrem Wechsel zum Saarlandmuseum hat Ritters Vorgängerin Andrea Jahn Förderung für drei digitale Projekte durch das Corona-Hilfsprogramm „Neustart Kultur“ beantragt: für eine 3D-Visualisierung der Ausstellung, einen Audioguide und einen Imagefilm.

„Die Projekte waren bis dahin erst mal nur grob umrissen“, sagt Ritter. Sie hatte sie dann mit Inhalt zu füllen – und konnte so eigene Schwerpunkte setzen. Der Imagefilm etwa sei dadurch mehr ein „Porträtfilm“ geworden, sagt Ritter, die die Stadtgalerie schon lange kennt, nicht nur, weil sie Saarländerin ist und an der Hochschule der Bildenden Künste Saar studiert hat. Sie hatte als wissenschaftliche Mitarbeiterin von Jahn den Betrieb auch von innen kennen gelernt.

Mit dem „Porträtfilm“ wollte Ritter zeigen, „dass ganz viele verschiedene Personen die Stadtgalerie zu dem machen, was sie ist“. „Viele Beteiligte“, so Ritters Credo, „machen sie zu einem lebendigen Ort.“ Nicht nur die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die ausstellenden Künstlerinnen und Künstler gehören für sie zu den Beteiligten, sondern auch die Besucher.

Für Teil eins des Image-/Porträtfilms hat Ritter daher Besucherinnen und Besucher eingeladen, Fragen zu Kunst und Kultur zu beantworten. Entstanden ist ein sehr frisches, kurzweiliges Video, das man sich auf dem Youtube-Kanal und der Facebook-Seite der Stadtgalerie ansehen kann. Es soll als Serie mit weiteren Personengruppen fortgesetzt werden.

Die 3D-Version der aktuellen Ausstellung könne natürlich nicht die leibhaftige Begegnung mit dem Kunstwerk ersetzen, helfe aber, eine Ausstellung im Corona-Lockdown zumindest digital für die Öffentlichkeit sichtbar zu machen, sagt Ritter. Und sie sei auch ein wichtiger Beitrag, um Barrierefreiheit herzustellen. Ritter hat die 3D-Version, die ihre Studierenden an der HBKSaar mitentwickelt haben, gleich sinnvollerweise mit Audioguides verknüpft. Denn was nützten separate Audioguides, wenn man eine Ausstellung gar nicht besuchen kann.

Auch bei den Audioguides, so sagt sie, ging es ihr darum, möglichst unterschiedliche Gruppen partizipieren zu lassen. In den Guides, die Kunstvermittlerin Saskia Riedl mit der von ihr selbst entwickelten App Arcs Audio realisiert hat, erläutern daher nicht, wie es klassisch gemacht wird, ausschließlich Kunstfachleute die Werke. Auch Kinder und erwachsene Besucher dürfen hier vor den Exponaten ihre Eindrücke aus ganz persönlichem Blickwinkel schildern.

Bei der Realisierung der digitalen Projekte war es Ritter wiederum auch wichtig, möglichst viele verschiedene Kulturschaffende der Region mitwirken zu lassen. So hat etwa Katharina Bihler von Liquid Penguin Audioguides eingesprochen, Musiker Manuel Krass die Musik für den Porträtfilm komponiert. Mit „framekit“ hat Ritter die Produktion schließlich an ein mittelständisches Unternehmen vergeben, das sonst Unternehmensfilme realisiert, bei dem aber auch Künstler wie Florian Penner (Die Redner) mitarbeiten.

Ein weitere Porträtvideo-Reihe hat Ritter zusammen mit dem Regionalverband Saarbrücken produziert. Unter dem Titel „Nahaufnahme“ stellt sie Künstlerinnen und Künstler der Region vor. Die bisher erschienen Folgen widmen sich Caroline Streck, Katharina Krenkel, Joni Majer, O.W. Himmel, François Schwamborn, Stoll& Wachall und Christiane Wien. Im Februar sollen weitere Folgen fertig werden.

Ende Februar endet auch Ritters Vertrag für die kommissarische Leitung der Stadtgalerie bis zur Neubesetzung der Stelle. Vorher wird sie noch eine neue Ausstellung eröffnen, die erste, die sie selbst kuratiert hat.

Dafür hat sie drei künstlerische Positionen ausgesucht, die sie, wie sie sagt, in der aktuellen Debatte für extrem relevant hält. Besonders gespannt sein darf man wohl auf Natascha Sadr Haghighian. Die iranisch-deutsche Installations- und Videokünstlerin vertrat Deutschland 2019 auf der Biennale in Venedig. „Wir werden von ihr zum Teil Arbeiten zeigen, die direkt an diejenigen im deutschen Pavillon anknüpfen“, erklärt Ritter.

„Sadr Haghighian zeichnet die komplexen Verflechtungen und Durchdringungen von Technologie, Biologie und Wertschöpfungssystemen nach und stellt in Frage, dass nur der Mensch einen Eigenwert zugeschrieben bekommt“, beschreibt sie, was die renommierte Künstlerin ausmacht.

Florian Huth und Joni Majer hat Ritter dazu ausgewählt, weil es sich bei ihnen um besonders junge Positionen handelt, die einen Bezug zum Saarland haben. Huth, 1980 in Saarbrücken geboren und in München lebend, beschäftigt sich, so Ritter, mit Fähigkeiten und Erfolg von Künstlern. Joni Majer, 1985 in Berlin geborene Wahlsaarländerin, besticht durch ihre Fähigkeit, höchst komplexe Gegebenheiten in ihren Schwarz-Weiß-Zeichnungen extrem einfach ausdrücken zu können. Von beiden will Ritter neueste Arbeiten zeigen, die bisher noch nicht ausgestellt waren.

Auch den Faltblättern für die neue Ausstellung hat Ritter ihren eigenen Stempel aufgedrückt: Sie zeigen aufgeklappt auf der einen Seite je ein Kunstwerk, das man sich gerne an die Wand hängt, statt es nach dem Lesen zu entsorgen.

Vielleicht wird diese Ausstellung ja nicht ihre letzte hier sein. Denn für die Nachfolge von Andrea Jahn hat auch Katharina Ritter ihren Hut in den Ring geworfen.

Zwischen Biologie, Technologie und Kunst sind die Arbeiten von Natascha Sadr Haghighian angesiedelt. Sie stellte jüngst  bei der Biennale in Venedig aus und zeigt nun neue Arbeiten in Saarbrücken. Foto: Jens Ziehe
Joni Majer ist mit ihren Arbeiten ziemlich erfolgreich. In der Ausstellung sind unter anderem diese zwei Köpfe aus ihrer  Serie „Faces“ zu sehen. Foto: majer
Ein Motiv aus der Serie "Faces" von Joni Majer. Foto Majer Foto: Majer
Katharina Ritter hat einiges geleistet in ihrer kurzen Zeit als kommissarische Leiterin der Stadtgalerie. Nun eröffnet sie ihre erste selbst kuratierte Ausstellung dort. Foto: Iris Maria Maurer

Ausstellung Natascha Sadr Haghighian, Le lion malade; Florian Huth, Kunst des 20. Jahrhunderts; Joni Majer, I‘ll fix you. Eröffnung: 19. Februar.