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Die Schriftstellerin Marion Kemmerzell

Autorinnen und Autoren in der Region : Literarische Suche nach dem Kind im Bärenfell

Marion Kemmerzell taucht mit ihren Romanen tief in die Vergangenheit ein. Aktuell arbeitet sie an einer rätselhaften Geschichte rund um ein Kindergrab aus dem 8. Jahrhundert.

Als Kind hat sich Marion Kemmerzell mit Winnetou durch die vielen kleingedruckten Seiten der Taschenbuchausgaben von Karl May gearbeitet, bis sie richtig lesen konnte. Geboren 1955 in Offenbach am Main, aufgewachsen in Hessen und Schleswig-Holstein, kam sie mit 15 Jahren an die Saar. Ihr mittlerweile 97 Jahre alter Vater Werner Klippert wird 1970 Hörspielleiter beim Saarländischen Rundfunk, dadurch kommt seine Tochter ins Saarland.

Hier ist sie – nach den Winnetou-Jahren – in der Schule beeindruckt von expressionistischen Gedichten, darunter „Der Gott der Stadt“ von Georg Heym oder „Weltenende“ von Jakob van Hoddis. Später wendet sie sich Science Fiction-Autoren wie Ray Bradbury oder Stanislav Lem zu oder liest Short Storys wie Defense Mechanism (1949) von Katherine MacLean oder Call Me Joe (1957) von Poul Anderson.

Nach dem Abitur studiert Kemmerzell erst vier Semester Jura, ehe sie in die Fächer Kunstgeschichte und Archäologie wechselt und diese auch in Saarbrücken abschließt. Nebenbei gründet sie mit anderen die Uni-Theatergruppe Thunis. „Jürgen F. E. Bohle kam aus Duisburg, heftete Zettel an die schwarzen Bretter der Philosophischen Fakultät und sah sich nach hübschen Mädchen zum Mitspielen um. Dann wurde lange diskutiert, um ein Stück zu finden, in dem es für all diese Mädchen eine Rolle gab. Wir kamen auf die Lysistrata von Aristophanes. Nach den noch fehlenden (hübschen) Jungs haben wir dann Ausschau gehalten‘‘, erzählt sie schmunzelnd. Schöne Bühnenfotos aus dieser Zeit befinden sich auf Kemmerzells Webseite.

Das Schreiben beginnt bei ihr mit dem Verfassen eines Tagebuchs. Zunächst kommt sie nicht über die Selbstbezüglichkeit hinaus. Dann gibt es jedoch zwei Schlüsselerlebnisse, die in ihr die Idee zu einem Roman keimen lassen: In München, wo sie von 1983 bis 1994 lebt, hört sie einer Trommelgruppe zu und erinnert sich dabei an einen Mann, den sie in Tunesien über eine Düne aus der Wüste hat kommen sehen, so als käme er aus dem Nichts.

Sie verbindet diese Eindrücke mit einem Teil ihrer Tagebucheinträge und Erlebnissen aus der Studentenzeit zu einem fantastischen Roman namens Udug. „Das ist ein sumerisches Wort für einen Dämon“, erklärt sie.

Etwa 1995 ist das Buch fertig, in dem sich eine junge Frau im Mesopotamien des vierten vorchristlichen Jahrtausends wiederfindet. Der Verlag Schneekluth will es zuerst herausbringen, entscheidet sich aber doch dagegen – weil das Happy End fehlt. „Wir haben keine Schublade dafür“, habe es gehießen. Alfred Diwersy vom Gollenstein-Verlag verlegt den Roman 1998. „Ich war ihm sehr dankbar dafür, aber die bunten Fantasy-Illustrationen haben mir nicht gefallen.“ Die Schriftstellerin und Kunstpreisträgerin des Saarlandes, Sibylle Knauss, liest das Buch: „Weiterschreiben!“, sagt sie.

Der nächste Roman „Abel oder der Untergang des Himmels“ erscheint erst 2011. Er verbindet eine heutige Liebesgeschichte mit der Barockzeit, kreist um die 1632 während des dreißigjährigen Krieges von den Schweden aus dem Mainzer Dom genommenen und in der Ostsee versunkenen Altartafeln des Matthias Grünewald.

Wieder nimmt sich der Gollenstein-Verlag des Buches an. Sie stellt „Abel“ im Literaturkreis von Sibylle Knauss vor. Das Echo sei sehr positiv gewesen, erzählt sie, sie habe aber auch gelernt, wie unterschiedlich jeder einzelne Leser die verschiedenen Ebenen eines Romans für sich wertet. Literaturredakteur Ralph Schock vom Saarländischen Rundfunk macht eine Sendung mit Kemmerzell: „Seitdem habe ich das Gefühl, mich mit Recht eine Schriftstellerin nennen zu können.“

Darauf folgen die nächsten Publikationen schneller. 2013 kommt „Windsbräute“ heraus, ein Band mit Erzählungen, woraufhin sie der renommierte Schriftsteller Wilhelm Genazino in einem Brief auffordert: „Ich kann Sie nur ermuntern so weiterzuschreiben!“ 2017 dann der nächste Roman: „Siebenschläfer“. „Ich erzähle aus der Innenperspektive einer sehr jungen Frau, die im 13. Jahrhundert auf Burg Schaubeck bei Marbach lebt. Eine Zeit, in der der Deutsche Orden in Preußen Christianisierung und Kolonisierung betrieb. Ich habe mich gefragt, was die jungen Leute, die sich heutzutage einen Sprengstoffgürtel umschnallen lassen, von denen unterscheidet, die in den Kreuzritter-Jahrhunderten gegen die Heiden gezogen sind.“

Auch in ihren Erzählungen beschäftigt sich die Autorin mit Fragen, über die sie sich selbst klarer werden möchte, wie etwa: Was ist Macht? Was ist Romantik? „Beim Schreiben kam ich den Antworten darauf näher.“

Derzeit arbeitet sie an einem Roman, der im siebten Jahrhundert spielt. „Völkerwanderungszeit ist gleich dunkles Zeitalter? Keineswegs. Das Nibelungenlied bedient sich der Geschichte merowingischer Könige, und es gibt ein Testament des Adalgisel Grimo aus dem Jahre 634, in dem er die Abtei Tholey der Kirche zu Verdun vermacht. Ich versuche mit den im Testament erwähnten Personen diese Jahrhunderte sichtbarer und begreifbarer zu machen. Es wird ein durchgehend historischer Roman.“

Kemmerzell macht es offenkundig Spaß, sich in diese vergangenen und teils vergessenen Zeiten hineinzudenken. In den Neunzigerjahren habe man unter dem Frankfurter Dom ein Kindergrab aus dem Beginn des achten Jahrhunderts gefunden. „Dort möchte ich gerne hin mit meiner Geschichte. Man hat damals ein vierjähriges Mädchen nach christlichem Ritus mit Goldschmuck und in vornehmer Kleidung beigesetzt, neben einem zweiten Kind, das in einem Bärenfell verbrannt worden war. Also eine sogenannte birituelle Bestattung. Den Tod dieser Kinder und ihr Begräbnis, als Ausdruck einer Verbindung christlich-fränkischer Adeliger mit einer mitteleuropäisch-skandinavisch geprägten Volksgruppe aus Alamannien/Thüringen, möchte ich am Ende meines Romans beschreiben. Ich hoffe, dass ich in einem Jahr etwa fertig bin mit dem Buch.“