Die Saarbrücker Rezitative lädt in den Pinguisson-Bau

Sommerlesung : Tante Gerdas Tisch und die Literatur-Geschichte

Die „rezitative“ feiert ihr 30-jähriges Bestehen mit einem Sommerfest des Lesens im Pingusson-Bau. Zehn Stunden lang Lesungen, Musik, Kaffee und Kuchen.

„Bei einem Stadtspaziergang, entwickelten Armin Schmitt und ich die Idee, gemütliches Beisammensein bei Kaffee und Kuchen und literarische Lesungen miteinander zu verbinden“, erzählt Stefan Schön, „ganz so, wie es die Mönche im Refektorium tun“. Soweit der Gründungsmythos der „rezitative – eine Lesinggesellschaft im Saarland“.

30 Jahre ist das nun her. Und seitdem ist die „rezitative“ fester Bestandteil der saarländischen Kulturwelt. Alleine im KuBa – Kulturzentrum am Eurobahnhof hatte „die lockere Vereinigung – ein Verein sind wir schließlich nicht“, betont Schön, in den letzten zehn Jahren rund 30 Solo- oder Gruppenauftritte. Unvergessen auch die Großlesung „Göttin Maschine“ in der Gebläsehalle des Weltkulturerbes Völklinger Hütte oder die Lesung von Homers Odyssee bei „Geist begeistert Saarbrücken“ im Innenhof der Stadtgalerie.

So wie die „rezitative“ zum Kulturgeschehen gehört, ist auch der Pingusson-Bau nicht aus dem Stadtbild wegzudenken. Warum also nicht diese beiden Größen einmal zusammenführen? Und so findet kommenden Samstag, anlässlich des 30-jährigen Bestehens der „rezitative“ im Pingusson-Bau in Alt-Saarbrücken das Sommerfest der Literatur statt. Das Motto: „text ist klang, melodie!“.

Angeregt wurde diese Zusammenarbeit von Uschi Macher, Leiterin des Referats Internationales und EU-Angelegenheiten, mit dem Ziel, den Pingusson-Bau durch ein Kulturprogramm zu beleben. Auch die „rezitative“ profitiert von diesem Ort. Das architektonisch spannende Gebäude bietet viele Freiheiten. Die Gäste können kommen und gehen, wie sie wollen, sie können sich einzelne Programmpunkte aussuchen oder spontan reinhören. Bei schönem Wetter kann man auch einen Spaziergang im Garten machen. Mann kann nur Literatur genießen oder dazu Kaffee und Kuchen haben. Die eindrucksvolle Eingangshalle des Pingusson-Baus erinnert durchaus an ein klassisches Kaffeehaus.

Stefan Schön findet, dass mit dem literarischen Sommerfest „gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden“. „Eine Belebung des Baus muss sein, gerade auch mit Großveranstaltungen. Und für uns ist es kein Problem, mehrere Stunden Programm abzufackeln“, sagt er und lacht.

Die Möglichkeiten des Ortes will man voll ausnutzen: „Ein Flügel ist da, also wird er bespielt“, sagt Schön. So wird es zwischen den Lesungen immer wieder Klaviereinlagen geben. „Nur Text ist auf die Dauer ja auch langweilig“.

Der Frage, wie man so ein Mammut-Projekt finanziert, konnte durch Unterstützung der Heinrich-Böll-Stiftung, insbesondere aber auch des Ministeriums für Bildung und Kultur schnell eine Antwort folgen. So wird es sogar für jeden Künstler und jede Künstlerin eine kleine Entlohnung geben, das Sommerfest kann wie alle anderen Veranstaltungen der „rezitative“ bei freiem Eintritt angeboten werden. „Ohne diese Unterstützung wären wir weniger schlagfertig“, betont Schön.

Inhaltlich erwartet die Besucher am Samstag ein bunter Ritt durch verschiedenste Sphären der Literatur, Modernes und Klassisches sind bunt gemischt. So wird aus dem Hohelied Salomos, aber auch aus Werken von Virginie Despentes und Benjamin von Stuckrad-Barre gelesen.

Insgesamt werden neun Mitglieder der „rezitative“ lesen, dabei konnte Stefan Schön sogar Mitstreiter der ersten Stunde reaktivieren. Hinzu kommen die Autoren Jörg W. Gronius, Ralph Schock und Markus Waldura, die aus ihren eigenen Texten lesen, auch Performerin Katharina Bihler liest – Eigenes und Fremdes.

Als „special guest“ wird der Percussionist Oliver Strauch Wolfgang Korb begleiten, während dieser Lyrik von Walt Whitman vorträgt. Und Uschi Macher wird Stefan Schön und Armin Schmitt bei einem Couchgespräch zu den Anfängen der „rezitative“ befragen.

Neben dem Lesungs-Programm ist auch eine kleine Ausstellung geplant. Mit Briefen, Plakaten, Rezensionen, Manuskripten und Fotos aus 30 Jahren „rezitative“. Mit dabei: Schöns Originalmanuskript zu „Göttin Maschine“. An Hörstationen können sich die Besucher außerdem Aufnahmen vergangener Lesungen anhören – die älteste davon aus dem Jahre 1991.

Während Stefan Schön eines der alten Lesungs-Fotos betrachtet, sagt er plötzlich hellauf begeistert: „Ach schau, das ist doch der Tisch von Großtante Gerda, den hatte sie uns damals geliehen“. Das Sommerfest wird also nicht nur für die Besucher eine Reise durch 30 Jahre „rezitative“-Geschichte sein.

Armin Schmitt hat die „rezitative“ vor 30 Jahren mitgegründet. Foto: Iris Maria Maurer

Das Sommerfest der Literatur findet am Samstag, 25. Mai, von 14 bis 24 Uhr im Pingusson-Bau, dem ehemaligen Kultusministerium in Alt-Saarbrücken, statt. Der Eintritt ist frei.

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