Die Geheimnisse der Ritter: Die Ritterrüstung steht im Bücherzimmer

Die Geheimnisse der Ritter : Die Ritterrüstung steht im Bücherzimmer

In Saarbrücken wohnt ein ausgewiesener Ritter-Experte, der sein Zuhause fast schon in ein kleines Museum verwandelt hat.

Die prächtigste Rüstung, die er besitzt, steht in einem kleinen Zimmer umgeben von hohen und prallgefüllten Bücherregalen mit Schmökern wie „Wie geschah es wirklich“, „Das Wissen unserer Welt“ und „Selbermachen – Do it yourself“. Dantes Göttliche Komödie steht da, Murakamis „Gefährliche Geliebte“ liegt daneben. Der Boden knarrt ein bisschen, als der Mann mit zwei Flaschen Sprudel und Gläser zum runden Holztisch kommt und sie abstellt. Draußen ist es furchtbar heiß. Das schmälert die Chancen, ihn doch noch zu überreden, in eine seiner Rüstungen zu schlüpfen.

Das wäre aber mal was. Saarbrücken hat nämlich einen echten Experten, was Ritterrüstungen angeht. Sein Name ist Klaus Hanfried Schneider. Wobei Experte eigentlich schon zu wenig ist, um seine Leidenschaft für das Thema zu beschreiben, er ist mehr ein Liebhaber. Wenn er erzählt, kann man durch seine Augen sein Herz für sie brennen sehen. Deshalb klingen seine Beschreibungen bisweilen schon wie echte Warnungen. „Ringpanzerung niemals ohne Polsterung!“ scheint offenbar gleich hinter die Ohren zu gehören.

Wer zu Schneider will, muss an seinem Haus eine schmale, steile Steintreppe bewältigen. Und kaum ist der Durst nach dem schweißtreibenden Aufstieg in der Mittagshitze gestillt, legt er auch schon los. Denn es ist ganz wichtig zu wissen, dass es die Ritterrüstung an sich nicht gibt. Vielmehr hat sie sich im Laufe der Zeit angepasst. Und woran? An die Waffen, auf die die Ritter getroffen sind. Die gefährlichste war bis ins 13. Jahrhundert die Armbrust. Dann kamen die Feuerwaffen auf. Entsprechend musste sich ein Ritter schützen, wobei die Mode schon immer eine Rolle spielte. Schon früh waren die Rüstungen an die höfische Kleidung angelehnt. Es gab Unter-, Ober- und Übergewand. Zunächst dominierten Ringhemden – aber bitte nicht ohne Polsterung. Denn ohne Polsterung vermag auch ein Ringhemd nicht, die Kraft eines Pfeiles von seinem Träger fernzuhalten. Erst sie federt die Wucht ab. Im Laufe der Zeit umhüllten die Ritter ihre Körper immer mehr, und auch der Kopfschutz wandelte sich vom Nasalhelm mit einem robusten Steg vor der Nase zu einem Topfhelm, den man sich wie einen umgekehrten Eimer über den Schädel stülpte. Die prachtvolle Rüstung in Schneiders Bücherzimmer ist eine Nachbildung aus der letzten Zeit der Ritter. Sie ist eine Plattenrüstung maximilianischer Art mit Visierhelm nach Kaiser Maximilian I. von Habsburg, der als „der letzte Ritter“ gilt. Er hat Ende des 15., Anfang des 16. Jahrhunderts noch einmal an der Ausfertigung der Rüstungen gefeilt, sie sollte leichter werden, effektiver. Nach ihm dann kam das Bürgertum so stark zum Tragen, dass die Ritter praktisch verschwanden.

Diese Prachtrüstung ist bei Weitem aber nicht die einzige, die Schneider zuhause hat. Auf körperähnlichen Ständern und an Bügeln hängen und sitzen mehrere Ringhemden und ganze Ensembles in verschiedenen Varianten. Schneider hat sich in den rund 25 Jahren, in denen er sich mit dem Thema intensiv beschäftigt, beigebracht, die Teile selbst anzufertigen. Er nennt das experimentelle Archäologie, wobei er, grob ausgedrückt, durch das Ausprobieren zu neuen Erkenntnissen kommt. Aus dem 13. Jahrhundert zum Beispiel gibt es keine originalen Rüstungen mehr. Die Dinge sind wieder eingeschmolzen worden. Schneider weiß aber von Schilderungen in der ritterlichen Literatur, von Bildquellen in Büchern wie der Kreuzfahrerbibel und Gebäudeschmuck an Kathedralen wie die „Naumburger Figuren“, wie Rüstungen damals ausgesehen haben müssen. Und an Feinheiten in der Darstellung versteht er Kleinigkeiten, zum Beispiel wie ein Ärmel in einem handschuhähnlichen Gebilde endet und wie der wohl angebracht gewesen sein musste.

Ringhemden, Polsterungen, Waffen, Schilde und Helme – da lastete schon ein ordentliches Gewicht auf dem stolzen Kämpfer. „Man darf aber nicht vergessen, dass heute ein Infanterist auch bis zu 30 Kilo tragen muss“, sagt Schneider, um die 28 bis 35 Ritter-Kilo mal ein wenig zu relativieren. Und bei der Anfertigung schlüpft er dann auch in sie hinein. Aha! Na klar, er muss sie schließlich auch testen. „Was glauben Sie, wie oft ich diese schon anprobieren musste“, sagt er und zeigt auf die Prachtrüstung: „Ab und zu ziehe ich die Rüstung mal an und gehe dann damit ums Haus.“ Wie jede andere ist auch sie genau auf ihren Ritter angepasst, also auf ihn. Ein anderer könnte sie nicht tragen.

Aber auch Schneider will heute lieber nicht. Allein geht das schon mal gar nicht. Er bräuchte einen oder besser zwei Knappen, die mit anpacken, und wenn die ungeübt sind, dauert es manchmal bis zu einer Stunde. Und außerdem ist es viel zu heiß. „Wenn ich damit rausgehe, fange ich vielleicht noch an zu braten.“ Er muss nicht auch das noch experimentell nachvollziehen, das, wie es den Kreuzrittern in Syrien erging, denen mit den für die Waffen der dortigen Reitervölker ungeeigneten Rüstungen nicht nur die Augen rausgeschossen wurden, sie haben auch noch Temperaturen aushalten müssen, die sich kaum einer vorstellen kann. Wer da nicht genug getrunken hatte, dem verdickte das Blut, erzählt Schneider. Es kam zum Herzinfarkt. „Manch einer fiel dann einfach tot vom Pferd.“

Und auch wenn Mitte August die Mittelaltertage im Deutsch-französischen Garten steigen, wird man ihn dort wohl kaum in einer Rüstung finden. Solche Feste sind nicht so die seinen. Das ist mehr Fantasy. Schneider begeistert sich für die Forschung. Schon immer hat er sich für Geschichte interessiert. Ohne dass sein Vater es wusste, stellte er als Jugendlicher mit dessen Schmalfilm-Kamera und Freunden im Garten als Griechen, Makedonier und Römer die historische Schlacht von Kynoskephalai nach. Den Film gibt es heute noch. Dann preschten die Ritter in seinen Kopf hinein wie sonst nur mit untergeklemmter Lanze und 50 Kilometern pro Stunde auf dem Pferd in die gegnerischen Linien. Das saß. Davon kommt er jetzt nicht mehr los.

Schneider blickt auf die Rüstungen. Und dann lässt er sich doch noch überreden, etwas überzustreifen: ein Ringhemd samt Knappen-Eisenhelm und dazu einen Spieß, mit dem die Knappen damals kämpften. Aber zuerst muss die Polsterung her. Die darf nicht fehlen.

Klaus Hanfried Schneider wie früher die Knappen – mit Ringhemd, Eisenhelm und Spieß. Foto: Iris Maria Maurer
Für ein Ringhemd braucht Schneider viel Fingerspitzengefühl. Foto: Iris Maria Maurer
In seiner kleinen Werkstatt stellt Klaus Hanfried Schneider auch selbst Ritterrüstungen her. Foto: Iris Maria Maurer

Klaus Hanfried Schneider teilt sein Wissen auf seiner Webseite unter: