Die Redner bringen Kolumbus und Steve Jobs auf die Bühne

Premiere : Zwei Welt-Veränderer mit uns am Abgrund?

Die Redner feiern morgen Premiere. In ihrem spannenden Projekt „Plus Ultra“ nähern sie sich zwei Persönlichkeiten, die die Welt verändert haben: Christoph Kolumbus und Steve Jobs.

 Ihre letzte „Show“, wie sie ihre Produktionen selbst nennen, kam 2015 heraus. Jetzt präsentieren „Die Redner“ endlich wieder eine Premiere und spannen dabei ganz ungewohnt einen Bogen über gleich mehrere Jahrhunderte: „Plus Ultra“, eine Kooperation mit dem Saarländischen Staatstheater, widmet sich den Gründen und Abgründen von Innovation und Forschergeist, von Eroberung und Neuverteilung, von Glanz und Schande.

Dabei haben sich die Redner diesmal keine Politiker oder Denker ausgesucht, sondern zwei durchaus umstrittene, ja geradezu machiavellistische Charaktere: Mit dem Amerika-Entdecker Christoph Kolumbus und dem Apple-Gründer Steve Jobs stehen zwei repräsentative „Macher“ im Rampenlicht, deren Wirken die Welt unwiderruflich verändert hat.

Auf der einen Seite ein zwar missionarisch beseelter, aber aggressiver und ausbeuterischer Eroberer; auf der anderen ein als Ikone verehrter Vorantreiber der digitalisierten Vernetzung von Wirtschaft, Kunst und Kultur, der unsere Art zu kommunizieren und konsumieren, maßgeblich beeinflusst hat.

Der 500 Jahre umspannende Rückblick aus unserer digitalisierten Gesellschaft auf die Renaissance soll verdeutlichen, dass Globalisierung keine Erfindung der Gegenwart ist. Und nicht zwangsläufig heilsbringend: Wo der Mensch forscht und findet, wird er zum Heiligen oder zum Monster, lautet die Botschaft.

„Kann Technologie uns retten, oder schickt sie uns endgültig in den Abgrund?“, fragt Florian Penner (Kontrabass, Film und Animation), der mit Oliver Strauch (Schlagzeug, musikalische Leitung) den harten Kern der medialen Performance-Truppe bildet.

Die Erzählstruktur der Redner hat sich im Lauf ihres Bestehens verändert. Wurden anfangs einzelne Reden berühmter Persönlichkeiten der Geschichte in einem Wechselspiel aus Sprache, Elektronik, Livemusik, Film und Animation assoziativ durchdekliniert, flossen bei den folgenden Shows die Reden weiterer Personen in die Collagen ein. Die Performance „Élysée 63“ schließlich wagte den Versuch, durch die Integration von Live-Schauspiel formal auf eine neue Ebene zu kommen.

Die mittlerweile sechste Redner-Produktion „Plus Ultra“ birgt mit dem sozialen und kulturellen Wandel der Jahrhunderte nun einen ästhetischen Schatz für eine Formsprache, in der sich Zeit- und Handlungsebenen übereinander schieben: Die epische Langsamkeit auf See kontrastiert mit der rasenden Schnelligkeit digitaler Datenverarbeitung; Kolumbus’ Bordbuch aus dem Jahr 1492/93 wird als eher abstrakter Text gegengeschnitten mit Jobs’ berühmter Rede „Stay hungry. Stay foolish“ an der Stanford University 2005.

Diesmal ist eine Tänzerin (Lucyna Zwolinska) involviert, um der Welt des Digitalen etwas abstrahiert Körperliches gegenüberzustellen: Wird der Mensch überhaupt noch gebraucht, wenn die Intelligenz und möglicherweise auch das Bewusstsein ins Anorganische übergehen?

Wie immer arbeiten Strauch und Penner mit Gästen zusammen. Die kommen aus der freien Szene sowie dem Umfeld der Hochschule für Musik und der Hochschule für Bildende Kunst, wovon die Redner auch infrastrukturell profitieren. Für das Bühnenbild zeichnet diesmal Gregor Wickert, den man etwa vom Korso-op.Kollektiv kennt, verantwortlich. Er stellt einen Kubus in die Szenerie, der als Projektionsfläche für Animationen in effektiv minimalistischer Jobs-Ästhetik und reale Filmaufnahmen dient – für letztere sind die Redner tatsächlich auf einem Schiff aus dem 16. Jahrhundert mitgesegelt.

Entdecken und Verhüllen, Entstehen (lassen) und Zerstören, heißt das Thema: Navigation und Bewegung werden zur Metapher für unendliches Suchen. Neben Manuel Krass (Keyboards) spielt diesmal Posaunistin Alisa Klein mit. Via Surround-Design wird der Jazz- und Pop-Sound vorheriger Produktionen um atmosphärisch-psychologische Klanglandschaften erweitert, denn bei Kolumbus und Jobs geht’s auch um Religion, Verführbarkeit und das Bedürfnis nach Exklusivität: „Man kann viel von diesen beiden Typen in sich selbst entdecken“, meint Strauch.