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Die Galerie Neuheisel zeigt Fotografien der Schauspielerin Katja Flint.

Ausstellung : Furcht erregende Gefühle, meisterhaft fotografiert

Katja Flint zeigt in der Saarbrücker Galerie Neuheisel entindividualisierte Emotionen und ein großes künstlerisches Können.

Langeweile hatte Katja Flint in den letzten Jahren sicher nicht. In mehr als 110 Filmen hat die 60-Jährige mitgewirkt. Doch Flint wollte unabhängiger von Rollen­angeboten werden, vor allem aber auch unabhängiger kreativ sein. So kam sie zur Fotografie. Wie viele Menschen spielte sie anfangs am Handy und hielt Alltagsszenen fest. Dabei entdeckte sie, dass sich beim Fotografieren der Blick intensivierte.

Die Wahl-Berlinerin bekam Lust, eine der existenziellen Fragen der Schauspielerei von einer anderen Seite zu beleuchten: Was bedeutet es, Mensch zu sein? Wie drücken wir Emotionen aus, und welche Macht haben Emotionen auf Individuum und Gesellschaft?

Flint wendete sich bald von der dokumentarischen Fotografie ab, rückte Porträts in den Vordergrund und versuchte abstrakter zu arbeiten. Inspiration waren dabei Francis Bacons Gemälde mit den unscharf verzerrten Gesichtern. Die Fotografin spielte mit Bewegungsunschärfen und längeren Belichtungszeiten, um die Porträtierten zu entindividualisieren und den Fokus auf den Ausdruck der Emotionen zu legen: „Ich versuche nicht, den Charakter eines bestimmten Menschen zu ergründen, sondern wesentliche Emotionen festzuhalten“, so Flint.

Liebe, Sehnsucht und Fröhlichkeit sind einige der gezeigten Gefühle, richtig interessant ist aber die dunkle Seite des Menschen. Geradezu beängstigend die Serie mit schreienden, angsterfüllten oder Zähne bleckenden Gesichtern, die sogar an Totenköpfe erinnern. Angst, Entsetzen, Aggression, Wut und kalte Brutalität scheint Flint den Modellen mühelos entlocken und festhalten zu können, ohne dabei voyeuristisch zu sein.

Die Schwarzweiß-Fotos sind extrem reduziert. Anfangs waren noch Kleidung und Schultern sichtbar, in neueren Arbeiten ist nur noch das Antlitz vor einem schwarzen Hintergrund zu sehen. So konzentriert sich der Blick des Betrachters auf den Ausdruck des Gesichts.

Die Porträtierten sind Kollegen, Freunde und Familienmitglieder. Mit ihnen trifft sie sich im Atelier und arbeitet zwei bis drei Stunden intensiv: „Wir erarbeiten Emotionen. Wie Schauspieler müssen die Modelle diese aus sich herausholen.“ Nicht immer ist das Gefühl offensichtlich,  und es bleibt oft diffus, was den Bildern Spannung verleiht und zum genauen Hinschauen verleitet. Es gibt auch kein narratives Element, so muss der Betrachter selbst enträtseln, was er da sieht.

Nur bedingt helfen die Titel weiter. Während sich bei „Angry young Man“ mit dem starren Oberkörper und in Verzweiflung schüttelnden Gesicht erahnen lässt, was man da sieht, ist „Holy Antje“ ein androgynes Wesen, das dem Betrachter furchteinflößend herrisch entgegenblickt. „Joker K.“ hingegen ist fast schon ein abstraktes Spiel mit Linie und Fläche und „Feather Selina“ zwar gegenständlich, aber zwischen Angst und Erstaunen erstarrt. Und in „Pensive K.“ wird die „nachdenkliche Katja“ mit erhobenem Zeigefinger fast zum Totenschädel.

Technisch setzt Flint ihre Ideen geradezu meisterhaft um. Spannend etwa „Cup Jasna“, in dem die Abgebildete den Betrachter durchdringend anschaut. Durch eine längere Belichtungszeit und ein ruckhaftes Schauen nach unten während der Aufnahme entsteht ein zweites Gesicht ohne Bewegungsunschärfe. Es scheint so, als würde die Schauspielerin Jasna Fritzi Bauer eine Maske abnehmen oder tief in ihr Inneres blicken.

Requisiten benutzt Flint selten. Mal sind es Schnürsenkel, die das Gesicht der Schauspielerin in äußere Repression schnüren, dann Schatten von Gittern oder glitzernde Kosmetik. Manchmal nutzt sie auch eine Lampe, um Lichtspiele in die Augen zu setzen, die seltsam fremd und irritierend wirken. Nachbearbeitet oder retuschiert werden die Bilder kaum: „Ich arbeite nur am Kontrast“, versichert Flint. Das spricht für ihr künstlerisches Können.

Ausstellung bis 7. März in der Galerie Neuheisel, Johannisstraße 3 A.