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Die Badende von Kirchner und ihre GEschichte

Vor der Ausstellung : „Die Badende im Raum“: Geschichte eines empfindlichen Bildes

Übermalt und in aller Welt unterwegs: Ernst Ludwig Kirchners Schlüsselwerk ist der Stolz des Saarlandmuseums.

„Das Gemälde zählt zu den wichtigsten Werken der Künstlergruppe „Brücke“, erzählt Dr. Kathrin Elvers-Švamberk, Stellvertretende Leiterin des Saarlandmuseums, mit leuchtenden Augen. Sie steht vor dem berühmten Gemälde „Badende im Raum“ von Ernst Ludwig Kirchner in der Restaurierungswerkstatt der Modernen Galerie.

„In vielen internationalen Publikationen über den deutschen Expressionismus ist dieses Werk abgebildet“, sagt auch Dr. Andrea Jahn, frisch gebackene Direktorin des Saarlandmuseums.

Noch ist das großformatige Kunstwerk ohne Rahmen, denn es wurde gerade erst genau untersucht, es wurden Röntgen- und Infrarotaufnahmen von ihm gemacht, eine langwierige Konservierung wird folgen. Aber vorerst wird es wieder gerahmt und verglast.

Dann wird es das Hauptwerk der Ausstellung „Welt–Bühne–Traum – Die ‚Brücke’ im Atelier“ sein, die am 14. November in der Modernen Galerie starten soll, wenn Corona-Bestimmungen das nicht verhindern. Die Ausstellung dreht sich mit rund 110 Gemälden und Grafiken der Künstler Ernst-Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Max Pechstein und Karl Schmidt-Rottluff um dieses Schlüsselwerk des deutschen Expressionismus.

Und das Werk hat eine besondere und spannende Geschichte. Denn zuallererst ist es Eigentum der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz, es gehört dementsprechend zu den bekanntesten Kunstwerken der Modernen Galerie. Aber neben dem farbintensiven, damals radikal modernen Äußeren der fünf abgebildeten weiblichen Akte in einem Atelier existiert noch eine Geschichte hinter dem Werk.

„Die erste Fassung des Gemäldes stammt aus den Jahren 1909/10“, erklärt Dr. Kathrin Elvers-Švamberk, die auch die Kuratorin der Ausstellung ist. Jedoch hat Ernst Ludwig Kirchner das Gemälde später vordatiert auf das Jahr 1908. „Er hat auf die Rückseite der Leinwand groß und deutlich notiert „E. L. Kirchner, Badende im Raum“ und dann seine Anschrift angegeben, an der er aber erst ab November 1909 gelebt hat“.

Da drängt sich die Frage auf, warum ein Künstler ein Werk falsch datiert? „Man vermutet, dass das mit einer aufsehenerregenden Henri Matisse-Ausstellung im Jahr 1909 in Berlin zu tun hat“, antwortet die Kuratorin. Diese Ausstellung hat damals die Entwicklung auch der deutschen Kunstwelt sehr beeinflusst. Ernst Ludwig Kirchner wollte aber als autonomes Erfindergenie gelten und mit seinem stilbildenden Gemälde der Badenden zeigen, dass er schon vor der Begegnung mit dem französischen Avantgarde-Künstler so radikal gemalt hat. Und was lag da näher, als das Gemälde einfach vorzudatieren?

Aber dies ist nicht die einzige Geschichte, die es über das Werk zu erzählen gibt. Denn nach dem Ersten Weltkrieg lebte Ernst Ludwig Kirchner in Davos, ließ sich seine Arbeiten aus dem Berliner Atelier dorthin schicken. Für den Transport wurden die Gemälde ausgerahmt, abgespannt und zusammengerollt. „Leider hat man damals die Gemälde nach innen gerollt, die Farbschichten sind daher aufgebrochen“, erklärt die Kuratorin weiter.

Nach dem Jahr 1926 hat Ernst Ludwig Kirchner dieses Gemälde in der Schweiz überarbeitet, neue Malschichten auf die gesplitterte Erstbemalung aufgebracht. Eine Fotoaufnahme der vorherigen Fassung hat sich erhalten. Sie zeigt, dass der Künstler da noch einen deutlicheren Pinselstrich hatte, dass die Formen weniger rund und geschlossen waren. Außerdem zeigt sich am Rande noch ein Akt, der in der späteren Fassung bis auf den Kopf übermalt wurde. „Das sieht man auch auf den neuen Infrarot-Aufnahmen.“ Nach der Überarbeitung blieb das Gemälde im Besitz des Künstlers. Er muss es sehr geschätzt haben, auch da er selten so großformatig malte.

Nach seinem Tod und über seine Erben konnte im Jahr 1960 der damalige Museumsdirektor Rudolf Bornschein das Kunstwerk direkt aus dem Nachlass für die Moderne Galerie ankaufen. Und da es sich um ein Schlüsselwerk von Kirchner handelt, wurde es in den Jahren danach in vielen Ausstellungen weltweit gezeigt. Auch das kann man dem Gemälde heute noch ansehen, denn auf der Rückseite befinden sich jede Menge Aufkleber der jeweiligen Museen, von New York, über Bosten, Bern, Hamburg, Florenz oder Zürich.

Erst seit den 1980er Jahren hat das Gemälde Saarbrücken nicht mehr verlassen. „Die damaligen Restauratoren warnten vor dem hochfragilen Zustand der verschiedenen Malschichten“, erklärt Dr. Kathrin Elvers-Švamberk. Eine intensive Sicherung und Konservierung des Gemäldes ist unerlässlich. Sie wird in nächster Zeit in enger Zusammenarbeit mit internationalen Kirchner-Restauratoren durchgeführt werden.

Aber bis dahin ist es das Herzstück der neuen Ausstellung. „Wir wollen bewusst machen, was wir hier für großartige Kunstwerke in Saarbrücken haben, an denen großes, weltweites Interesse besteht“, sagt Dr. Andrea Jahn.

„Welt–Bühne–Traum – Die „Brücke“ im Atelier“. Eine Sonderausstellung vom 14. November 2020 bis zum 7. März 2021 in der Modernen Galerie Saarbrücken. Ob sie tatsächlich stattfindet, ist wegen der Corona-Situation nicht mehr sicher. Das Saarlandmuseum will in Kürze Klarheit schaffen.