Interview mit Rebekka Kricheldorf : Der Werwolf geht ins Theater

In der Alten Feuerwache wird es mörderisch. Bettina Brunier inszeniert die Uraufführung von Rebekka Kricheldorfs „Werwolf“.

Rebekka Kricheldorf gilt als eine der interessantesten jüngeren Theaterautorinnen. Das Saarländische Staatstheater (SST) hat schon mehrere ihrer Stücke inszeniert. Jetzt gibt es sogar die Uraufführung eines Auftragswerks. SST-Chefdramaturg Horst Busch hat sie mit einem besonderen Thema gelockt: „Werwolf“ heißt das Stück. Wir wollten von Rebekka Kricheldorf wissen, wie sie an dieses spannende Thema herangegangen ist.

Werwolf, bei dem Wort allein setzt sich ja die ganze Fantasie-Maschine im Hirn in Gang. Was war Ihr erster Gedanke, als das Staatstheater Sie nach einem Werwolf-Stück fragte?

Rebekka Kricheldorf Mein erster Gedanke war: „Endlich!“ Ich trug mich schon länger insgeheim mit dem Gedanken, irgendwann mal ein Werwolf-Stück zu schreiben. Horst Busch kennt mich und meine Vorliebe für Märchen, Mythen und Monster schon seit langem gut; er hat bereits vor über zehn Jahren mein zweites Theaterstück „Kriegerfleisch“, ein Vampir-Stück, in Münster betreut. Mit der Anfrage traf er bei mir also ins Schwarze!

Wie sind Sie an das Thema rangegangen? Haben Sie sich dem Ganzen eher mythologisch genähert, oder haben Sie sich auch mit den Werwölfen der modernen Unterhaltungsliteratur, sei es Harry Potter oder die Twilight-Saga von Stephenie Meyer, beschäftigt?

Rebekka Kricheldorf Sowohl als auch. Ich habe allerhand zu echten Wölfen, mythologischen Wölfen, historischen Werwolf-Prozessen in Frankreich und so weiter recherchiert, mich aber auch sehr mit dem Werwolf in der Trash-Kultur beschäftigt, also den Klassikern des Werwolf-Films. Ein paar ganz aktuelle Auslegungen in Form von Serien habe ich auch noch mitbedacht, aber Harry Potter und Co. habe ich eher links liegen gelassen. Die Frage an jeden Film und jede Serie lautete: Welchen interessanten, neuen Aspekt kann diese Geschichte dem Mythos hinzufügen? Ich bin jetzt absolute Werwolf-Expertin!

Werwolf, das ist ja auch das Fremde, das Gefährliche, mitunter natürlich auch gefährlich Reizvolle. Also eine sehr zeitgemäße Figur in den heutigen aufgeregten Tagen zwischen Fremdenangst und Wolfs-Hysterie. Welche Rolle spielt das in Ihrem Stück?

Rebekka Kricheldorf Ja, das alles spielt mit eine Rolle. Es ist ja weniger ein Stück über den Werwolf selbst als eines über die ihn umgebende Gesellschaft. Wie sie mit dem Werwolf umgeht, warum sie ihn verteufelt oder verklärt, jagt oder schützt. Mal ist er eine Bedrohung, mal ein erotischer Reiz. Im Stück treten verschiedene selbsternannte Experten auf, die die Projektionsfläche „Werwolf“ mit ihren eigenen Ängsten und Sehnsüchten füllen.

Ihr „Werwolf“-Stück spielt, wenn ich die Ankündigung des Staatstheaters richtig lese, in einem dörflichen Idyll, und der als Werwolf verdächtigte Fremde ist ein Künstler. Warum haben Sie diese Figur so gewählt? Weil Künstlerinnen und Künstler gern mal aus dem Rahmen fallen, oder weil Sie in ihnen die dunkle Seite besonders stark vermuten?

Rebekka Kricheldorf Es gab für die Berufsgebung der Hauptfigur viele Gründe. Ein Aspekt ist natürlich auch das Klischee vom wilden, unbezähmbaren Anteil in der Künsterseele. Die Vorstellung, dass der (männliche) Künstler das Recht habe, Grenzen zu überschreiten und Tabus zu brechen, vor allem auch sexuelle, wird nicht erst seit der Metoo-Debatte kritisch diskutiert. Außerdem gefiel mir die Idee der Diskrepanz zwischen feinfingrigem Virtuosen und den wölfischen Klauen der Bestie.

Sie erzählen in „Werwolf“ auch eine Krimi-Geschichte. Am Anfang stirbt erstmal jemand. Gibt es am Ende eine Auflösung? Wird es spannend?

Rebekka Kricheldorf Ja, das Stück hat sich nach und nach zu einer Art Krimi entwickelt. Es hangelt sich dramaturgisch von Vollmond zu Vollmond und wird noch so einige Opfer präsentieren. Ich hoffe, dass ich dem Mythos die eine oder andere überraschende Neuerung abgewinnen konnte, auch wenn ich dem Narrativ des klassischen Werwolf-Film-Plots folge, der ja seine eigenen (manchmal etwas vorhersehbaren) Gesetze hat. Es gibt auch einen echten Schluss, kein nebulöses offenes Ende.

Das Wort Werwolf leitet sich ja vom germanischen Wer gleich Mann ab. Es ist also eigentlich ein Mannwolf, Frauwölfe sind nicht bekannt. Eigentlich schade, finden Sie nicht? Schließlich könnte doch auch zum Beispiel in einer Theaterautorin eine bestialische Seite stecken, oder?

Rebekka Kricheldorf Ja, interessante Frage. Unter den moderneren Werwölfen gibt es auch die eine oder andere Werwölfin, etwa die Protagonistin der Serie „Bitten“. Für meine Geschichte war aber ein männlicher Werwolf vonnöten, denn es gibt (unter anderem) eine unterschwellig mitschwingende Analogie zu sadistischen Sexualmördern. Diese Pathologie ist, trotz gender main­streaming, immer noch eine ziemlich männliche Angelegenheit.

Das Saarländische Staatstheater hat dem Saarbrücker Publikum schon einige Ihrer Stücke gezeigt, „Villa Dolorosa“, „Das kalte Herz“, und „Robert Redfords Hände Selig“ gab es hier sogar auf Französisch im Rahmen des Festivals Primeurs. Haben Sie eine besondere Beziehung zu Stadt und Theater hier?

Rebekka Kricheldorf kommt zur Uraufführung. Foto: Karoline Bofinger

Rebekka Kricheldorf Die Stadt und das Publikum bleiben ja immer, aber die jeweiligen Führungsteams der Theater wechseln. Die beiden anderen Stücke wurden noch unter der alten Leitung gezeigt, jetzt ist die neue dran. Es besteht schon eine längere Verbindung zu einzelnen Menschen wie Horst Busch oder Bettina Bruinier, die letztes Jahr das von Ihnen genannte Stück „Robert Redfords Hände Selig“ am Theater Nürnberg inszenierte. Insgesamt kann man schon von einer längeren fruchtbaren Arbeitsbeziehung zwischen mir und der Stadt Saarbrücken sprechen.

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