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Frauen unter sich. Führung speziell für Frauen in der Stadtgalerie
Der weibliche Blick ist noch immer ein Skandal

 Ein Blick in die Ausstellung „In the cut“ in der Stadtgalerie. Im Hintergrund ist ein Bild von Joan Semmel zu sehen, im Vordergrund die Bilder und ein Video von Eunice Golden.
 Ein Blick in die Ausstellung „In the cut“ in der Stadtgalerie. Im Hintergrund ist ein Bild von Joan Semmel zu sehen, im Vordergrund die Bilder und ein Video von Eunice Golden. FOTO: Anton Minayev.
Saarbrücken. Eine Führung nur für Frauen durch die Ausstellung „In the cut“ in der Saarbrücker Stadtgalerie brachte interessante Einsichten. Von Isabell Nina Schirra

„Kunstgenuss für Frauen“ - unter diesem Motto führte Andrea Jahn, Direktorin der Stadtgalerie Saarbrücken, durch die Ausstellung „In The Cut – Der männliche Körper in der feministischen Kunst“. Eine Führung, nur für Frauen – in der Stadtgalerie „eine Premiere“, sagt sie. Die Idee dahinter leuchtet ein: Bei solch einer Thematik fühlen sich Frauen schlichtweg wohler, wenn sie unter sich sind. „Schließlich spricht man auch ganz anders über den männlichen Körper, wenn kein Mann dabei ist“, findet Jahn.


Dass es ein absolutes Privileg ist, dass solch eine Führung, und vor allem solch eine Ausstellung überhaupt stattfinden kann, wird schnell klar. Immer wieder betont Jahn, dass solch eine Schau in Frankreich oder Spanien immer noch undenkbar sei. Der weibliche Blick auf den männlichen Körper – im 21. Jahrhundert noch immer ein Skandal. So wurden die Werke von Betty Tompkins, die banale Pornobildchen vergrößert, stark beschnitten und dann fotorealistisch nachgemalt hat, gleich zwei Mal vom französischen Zoll beschlagnahmt. Zuletzt 2004. Ein Raunen geht durch die Gruppe. Solche Zensur stößt auf wenig Verständnis bei den Frauen.

Doch die Konsequenzen für Künstlerinnen, „die aus der Reihe tanzen“, reichen noch viel weiter. Jahn erzählt von Carolee Schneemann, die als 16-Jährige vom Bard College verwiesen wurde, weil sie es wagte Aktzeichnungen von sich selbst anzufertigen. Und von Eunice Golden, der eine Professur wieder aberkannt wurde, weil ihre exzentrischen Bilder zu viel Anstoß erregten. Auch hier können die Frauen wieder nur mit dem Kopf schütteln.



Dass sich das männliche und weibliche Verständnis von Erotik anscheinend grundlegend unterscheiden, kristallisiert sich besonders dann heraus, als sich Andrea Jahn mit ihrer Führung den Werken von Anke Doberauer zuwendet. Als eine der ersten Künstlerinnen in Deutschland überhaupt hat sie in den 1980er-Jahren Männer gemalt. Drei dieser Werke hängen in der Ausstellung der Stadtgalerie.

Bei der Führung fragt Andrea Jahn die Frauen ganz direkt, welchen der drei Männer sie am anziehendsten finden. Die Wahl fällt einstimmig auf „Sayed“ - im Gegensatz zu seinen beiden Konkurrenten zwar vollständig bekleidet, allerdings mit einem durchdringenden Blick ausgestattet. „Als wir den ausgepackt haben, blieb uns die Spucke weg“, erzählt Jahn. Auf die Männer in anderen Führungen habe er allerdings keine Wirkung gehabt. Im Gegenteil, oft fragten sie, wo denn nun das „Erotische“ in diesem Werk sei. Die Frauen müssen schmunzeln.

Auffallend ist: Es sind vor allem ältere Frauen, die an der Führung teilnehmen. Ganz junge Damen fehlen gänzlich. Das gilt allerdings nicht nur für die Rezeptionsseite, sondern auch für die Produktionsseite. Sowieso habe man nach ausführlicher Recherche nur 19 Künstlerinnen weltweit gefunden, die sich aus einem weiblichen Blickwinkel mit dem männlichen Körper befassen. Ihr Alter: Ab 50 aufsteigend. Mit einer einzigen Ausnahme – die deutsche Fotografin Paula Winkler. Sie ist mit 33 die jüngste Künstlerin in der Ausstellung. Die Arbeit von Ingrid Mwangi sei ferner die einzige auftreibbare Arbeit einer farbigen Künstlerin gewesen, die sich mit dem Körper des farbigen Mannes auseinandersetzt.

Die Thematik scheint also noch lange nicht im Mainstream angekommen zu sein. Dennoch, oder gerade deswegen, hofft Andrea Jahn, dass „In The Cut“ vor allem auch junge Frauen dazu bewegt, genau das zu tun, was ihnen wichtig ist und sie für richtig halten. Im August ist auch eine Führung speziell für Männer geplant. Wie sie die gestaltet, weiß Andrea Jahn allerdings noch nicht. Am liebsten würde sie die Aufgabe an einen männlichen Kollegen übertragen. Aber: „Es gibt hier leider keine feministischen Kollegen“.

„In the Cut“ ist bis 30. September in der Stadtgalerie am St. Johanner Markt zu sehen.