Der VVN/BdA Saar warnt vor einem Ende der Erinnerungsarbeit wegen drohender Steuernachzahlungen

Naziverfolgte fürchten Steuernachzahlung : Nazi-Opfer-Verband fürchtet Berliner Fiskus

Die VVN/BdA Saar warnt vor einem Ende der Erinnerungsarbeit wegen drohender Steuernachzahlungen.

Horst Bernard, 87, ist in Begleitung jüngerer Familienmitglieder auf Einladung des Bundespräsidenten nach Berlin gereist. Im Schloss Bellevue erhält der Saarbrücker an diesem Mittwoch von Frank-Walter Steinmeier das Bundesverdienstkreuz, auch auf Vorschlag des ehemaligen Saar-Kultusministers Ulrich Commerçon (SPD) und des Chefs des Landesinstituts für Pä-
dagogik und Medien, Burkhard Jellonnek, wie der Landeschef der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten (VVN/BdA), Bernhard Fox, 66, der SZ am Dienstag mitteilte.

Bernard war lange Jahrzehnte Saar-Chef der VVN/BdA und hat in dieser Zeit Tausende Schüler, Jugendliche und Holocaust-Überlebende über das Gelände der Gedenkstätte Gestapolager Neue Bremm geführt. Bis heute gelingt es Bernard bei den Führungen an diesem ehemaligen Nazi-Terror-Ort eindringlich zu schildern, was dort vor allem in den Jahren des Zweiten Weltkriegs an Gräueltaten geschah. Bernard hatte als kleiner Junge selbst mit seinen Eltern nach der Saar-Abstimmung 1935 vor den Nazis nach Frankreich fliehen müssen, wo er unter französischem Namen von Widerstandskämpfern vor dem Zugriff der Nazis bewahrt wurde.

Doch die späte Ehrung für Bernard in Berlin steht in einem scharfen Kontrast zu einer Entscheidung, die Anfang November ebenfalls in Berlin getroffen wurde. Das Finanzamt Berlin entzog dem VVN/BdA-Bundesverband den Status der Gemeinnützigkeit, weil dieser im Verfassungsschutzbericht Bayerns als „linksextremistisch“ eingestuft werde. Damit sei die politische Neutralität als Vorausstzung der Gemeinnützigkeit nicht gegeben, heißt es.

Saar-VVN/BdA-Chef Fox, ein ehemaliger Lehrer der Mügelsberg-Berufsschule in Saarbrücken, befürchtet nun Schlimmes auch für den saarländischen Landesverband. Dem Bundesverband drohten nach der Finanzamtsentscheidung Steuerrückzahlungen in bis zu sechsstelliger Höhe. „Die werden dann auf die Landesverbände umgelegt. Das können wir nicht stemmen, das geht an unsere Existenz“, sagte Fox. Die Berliner Finanzamtssicht sei unverständlich, denn ein Finanzamt in Nordrhein-Westfalen habe dem dortigen VVN/BdA-Landesverband noch kürzlich die Gemeinnützigkeit attestiert. „Der Wind dreht sich in Deutschland“, vermutet Fox mit Blick auf das Erstarken der AfD.

„Wir wünschen, dass die Gemeinnützigkeit der VVN/BdA erhalten bleibt“, sagte der Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Erinnerungsarbeit im Saarland, der evangelische Kirchenrat Frank-Matthias Hofmann, der SZ. Die VVN/BdA gehöre zu den Gründungsmitgliedern der LAG. „Das ist ein persönlicher Angriff auf die Naziverfolgten. Wir möchten, dass deren Stimme erhalten bleibt“, so Hofmann. Er vermutete, dass die Einstufung der VVN/BdA als „linksextremistisch“ noch aus dem Denken des Kalten Krieges stammt. In der VVN/BdA waren viele Kommunisten, die im Widerstand gegen die Nazis die meisten Opfer brachten, aber von Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) nur als „Fünfte Kolonne Moskaus“ abgestempelt wurden. Auch der Vorsitzende der Synagogengemeinde Saar, Richard Bermann, nannte die Entscheidung des Berliner Finanzamtes „unverständlich“. „Ich finde das persönlich unmöglich. Ich kann darin keinen Sinn erkennen“, sagte Bermann der SZ. Die VVN/BdA sei nicht linksextremistisch, man müsse sich mit ihr solidarisch erklären.

Der VVN/BdA-Chef Fox betonte, dass die Naziverfolgten im Saarland nie militant aufgetreten seien, wie etwa die jungen Aktivisten der Antifa. Deshalb seien die VVN-Mitglieder oft als „Latscher“ verhöhnt worden, weil sie bei den Demonstrationen gegen die NPD und andere Rechtsradikale „nur“ mitmarschierten. „Wir haben in Gesprächen mit der Polizei sogar deeskalierend gewirkt“, sagte Fox.

Bernhard Fox, Landeschef der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN). Foto: Dietmar Klostermann

Fox berichtete, dass er während seiner Zeit als Berufsschullehrer mit dutzenden Schulklassen zum ehemaligen KZ Natzweiler-Struthof im Elsass gefahren sei. „Ich werde heute nach Jahrzehnten von ehemaligen Schülern noch darauf angesprochen, denen dieser Besuch in Erinnerung geblieben ist“, sagte Fox.