| 20:06 Uhr

Bio-Grillkohle aus Saarbrücken
„Der Regenwald gehört nicht auf den Grill“

Jakob Hemmers, Aaron Armah und Rolf Wagner (v. l.) haben sich nach einem Besuch in Ghana zum Ziel gesetzt, Grillkohle ökologisch herzustellen.
Jakob Hemmers, Aaron Armah und Rolf Wagner (v. l.) haben sich nach einem Besuch in Ghana zum Ziel gesetzt, Grillkohle ökologisch herzustellen.
Saarbrücken. Weltweit gibt es nur eine Grillkohle mit Bio-Zertifikat. Und deren Holz stammt zu hundert Prozent aus dem Saarbrücker Stadtwald. Von Alexander Stallmann

Sobald die ersten Frühlings-Sonnenstrahlen auf der Saar flimmern, fällt für viele Saarbrücker der Startschuss zur Grillsaison. Dann treffen sich die Massen am Staden und zelebrieren die Zubereitung von Würstchen und Schwenkern. Manche reduzieren ihr gesamtes Abendessen über Monate hinweg auf Grillgut.


Doch was viele nicht wissen: Damit hierzulande Leckereien über der glühenden Kohle brutzeln können, wird in anderen Teilen der Welt hektarweise der Regenwald abgeholzt. Denn ein großer Teil der Grillkohle stammt aus Afrika und Südamerika und wird dort aus illegal gefälltem Regenwaldholz gewonnen. Laut einer Untersuchung der Umweltorganisation WWF haben Verbraucher bei den meisten Kohle-Produkten kaum eine Möglichkeit, zu erkennen, woher das Holz tatsächlich kommt. Und ob für ihren Grill-Abend womöglich sogar vom Aussterben bedrohte Arten abgeholzt wurden. Es gibt allerdings eine Ausnahme. Ein junges deutsches Unternehmen bietet die weltweit erste bio-zertifizierte Grillkohle an und garantiert, dass das verwendete Holz aus Deutschland kommt – und zwar zu hundert Prozent aus dem Saarbrücker Stadtwald. Somit ist die Saarbrücker Grill-Kohle die einzige weltweit, die eine Naturland-Zertifizierung hat.

„Der Regenwald gehört nicht auf den Grill“, sagt Jakob Hemmers, der zusammen mit Aaron Armah und Rolf Wagner die Firma Nero gründete. Sie ist im baden-württembergischen Kirchberg ansässig. Doch wie kommt man überhaupt auf die Idee, ökologisch korrekte Grillkohle herzustellen? Und wieso bezieht ein Unternehmen aus Baden-Württemberg sein Holz ausschließlich aus der saarländischen Landeshauptstadt? „Wir waren im Jahr 2011 zu dritt in Ghana. Dort wurden wir auf das Problem aufmerksam“, erzählt Hemmers. Die drei jungen Männer sahen, dass dort, wo früher Mahagoni- und andere tropische Bäume standen, nur noch leere, gerodete Flächen waren. Ein großer Teil des Holzes sei für die Herstellung von Kohle benutzt worden, so Hemmers. „Wir haben uns danach intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt und errechnet, dass allein in Deutschland pro Jahr eine Regenwaldfläche von etwa 2000 Fußballfeldern auf dem Grill landet“, sagt der Unternehmer.

Zunächst suchten Hemmers, Armah und Wagner ein möglichst umweltbewusst arbeitendes Werk, das Holz zu Grillkohle verarbeitet. Sie wurden in Frankreich fündig. „Das Werk produziert Ökostrom aus der Restwärme, die bei dem Herstellungsprozess von Kohle entsteht“, sagt Hemmers. Danach haben die drei Unternehmer einen Wald gesucht, der eine Zertifizierung von Naturland hat. „Davon gibt es in Deutschland nur zwölf“, so Hemmers. Der Saarbrücker Stadtwald ist einer von ihnen. Wegen der kurzen Transportwege nach Frankreich entschied Nero sich für das Holz aus der Landeshauptstadt. Naturland-Wälder unterliegen strengen Regularien. Es darf in ihnen keinen Kahlschlag geben, Pestizide sind verboten und es dürfen keine standortfremden Bäume angepflanzt werden. Die Nero-Grillkohle gibt es derzeit in 700 Läden in Deutschland, Österreich und Luxemburg. Auf der Internetseite des Unternehmens sind die Händler verzeichnet.

„Die meisten sind bereit, einen oder zwei Euro mehr zu zahlen, wenn wir mit ihnen über das Problem sprechen. Aber die wenigsten wissen davon. Uns geht es auch darum, darauf aufmerksam zu machen“, erklärt Jakob Hemmers. Wie groß das Problem mit der Grillkohle ist, zeigt eine WWF-Untersuchung aus dem vergangenen Jahr. Die Umweltschutz-Organisation hat 20 Grillkohle-Produkte von Discountern, Tankstellen und Baumärkten getestet. Das Ergebnis ist erschütternd. Bei keinem der Produkte gab es Angaben dazu, woher das Holz stammt. Bei 17 der 20 getesteten Kohlen waren andere Holzarten als angegeben enthalten, bei fünf Produkten Hölzer, die auf der roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten stehen. „Es handelt sich um eine Täuschung der Verbraucher“, sagt Johannes Zahnen vom WWF. Trauriger Spitzenreiter dieser Täuschung sei ein Hersteller gewesen, der auf der Verpackung damit warb, kein Tropenholz zu verwenden, letztlich jedoch ausschließlich solches nutzte. Insgesamt habe es bei 80 Prozent der getesteten Produkte Abweichungen oder erhebliche Risiken wie nicht deklariertes Tropenholz gegeben.



Laut WWF ist Deutschland mit einem jährlichen Verbrauch von 250 000 Tonnen Holzkohle Spitzenreiter in der Europäischen Union. Die Holzmenge, die dafür gebraucht wird, ist allerdings noch deutlich höher. „Je nach Anlage braucht man das Fünf- bis Zehnfache an Holz, um die Kohle zu produzieren“, sagt Zahnen. Im besten Fall werden für den deutschen Grillkohle-Bedarf also pro Jahr 1,25 Millionen Tonnen Wald abgeholzt. „Dafür müsste kein Regenwald abgeholzt werden“, sagt Hemmers. Die Menge könne man mit Holz aus Deutschland problemlos gewährleisten, ohne dass der deutsche Wald einen Schaden davontragen würde. Wie dramatisch es um Teile des Tropenwaldes steht, zeigt das Beispiel Nigeria, einer der Hauptexporteure von Grillkohle nach Deutschland. Der Waldbestand vor Ort leidet immens. Laut WWF hat das Land von 1990 bis 2011 über acht Millionen Hektar Wald verloren – etwa die Hälfte des gesamten Bestandes. „Die Grillkohle ist natürlich nicht der einzige Faktor, unter dem der Regenwald leidet. Aber sie ist ein bedeutender Faktor“, erklärt Hemmers. Auch die Gründer von Nero sind begeisterte Griller. „Wir wollen allerdings mit gutem Gewissen grillen. Und das ist mit herkömmlicher Kohle nur schwer möglich“, sagt Hemmers.