Porträt : „Theker, Sänger, Lesungen – das ist perfekt für mich“

Das Multitalent Lee Hollis leidet unter den Corona-Maßnahmen und feiert, dass Trump die Wahlen verloren hat.

In dieser Reihe werden wechselweise Musiker und Schriftsteller vorgestellt. Selten ist es so, dass beides zutrifft. Beim Amerikaner Lee Hobson Hollis ist das der Fall. Der 57-jährige ist schon seit den 1980er-Jahren ein gefeierter Sänger im Bereich Punkrock. Irgendwann kamen dann die Kurzgeschichten hinzu, die Hollis bewusst in einfachem Englisch verfasst, damit sie hier gut verstanden werden.

Mit 18 Jahren verpflichtet er sich für vier Jahre Militärdienst bei der US-Armee in Kaiserslautern. Zum Punkrock war er aber schon zuvor durch ein Schlüsselerlebnis gekommen: „Eine Schulfreundin von mir meinte, du bist ein kleiner komischer Kerl, vielleicht gefällt dir das. Also hat sie mich in eine Punkrock-Kneipe mitgenommen. Die erste Band, die ich jemals gesehen habe, die hießen The Hates. Ich stand nur da und dachte: Das ist meins!“

In Kaiserslautern macht sich Hollis auf die Suche nach gleichgesinnten Musikern und hat Glück: „Über Kaiserslautern sagte man damals, es gibt drei Leute und vier Bands.“ Aber mit diesen drei Musikern, Frank Rahm, Mathias „Beppo“ Götte und Markus Weilemann, gründet Hollis die bis heute existierenden Spermbirds. Mit dabei ist auch Joe Strübe, der nach drei Jahren von Roger Ingenthron ersetzt wird. „Das sind meine ältesten Freunde. . . das sind gute Leute. Die verstehen mich und ich verstehe die“, sagt Hollis heute.

Bei der ersten Probe habe keiner so recht gewusst, was zu tun ist – außer Lee: „Ich konnte kein Instrument spielen, also wurde ich der Sänger.“ Dennoch machen sich die Spermbirds, deren Mitglieder zum Teil auch in den Bands Walter Elf und Kick Joneses spielen, einen guten Namen in der Punkrock-Szene. Hollis geht aber nach seiner Militärzeit erstmal zurück in die Staaten. Ein halbes Jahr versucht er, in Atlanta Fuß zu fassen, aber so richtig klappt es dort nicht.

Kurzum, der Sänger kehrt wieder nach Deutschland zurück, um zu bleiben. „Damals war das einfacher, nicht so wie heute. Ich musste mich die ersten paar Jahre immer mal bei der Polizei melden, das hat fünf Minuten gedauert. Es verging viel Zeit, bis ich die un-be-fris-te-te Auf-ent-halts-er-laub-nis bekommen habe – ich kämpfe immer noch mit den deutschen Wörtern!“

Die Spermbirds bleiben erfolgreich und touren fast um die ganze Welt, auch wenn ihre Mitglieder irgendwann ganz verstreut in Deutschland wohnen. Hollis geht auch aus Kaiserslautern weg – nach Homburg. Dort gibt es zum einen das Autonome Jugendzentrum AJZ, das sich zu einem wichtigen Zentrum für Punkrock entwickelt. „Auf den Tour-T-Shirts der Bands stand oft Hamburg, München, Berlin, Frankfurt und Homburg.“ Zum anderen wird hier auch das Punk-Magazin Zap herausgegeben, für das Hollis manchmal das Layout gestaltet.

Außerdem fängt er an, Kurzgeschichten fürs Zap zu schreiben. Die liest der Chef des Mainzer Ventil Verlags, Jens Neumann, und ermuntert den Amerikaner dazu, mehr zu verfassen. Zu dem Zeitpunkt ist auch Henry Rollins populär, der ebenfalls über die Schiene als Punkrock-Sänger zum Schreiben von Literatur kam. „Ich dachte, das kann ich auch“, meint Hollis schmunzelnd.

Seine Texte schreibt er, wie schon erwähnt, in einem einfachen und daher gut zu verstehenden Englisch. Wichtig sei außerdem, klar, deutlich und langsam zu sprechen. „Oft kamen Leute nach einer Lesung zu mir und haben gesagt: Ich kann kein Englisch, aber ich habe alles verstanden.“ 1997 kommt der erste Band mit Kurzgeschichten raus, 1999 der zweite.

„Die Storys fangen immer mit irgendetwas an, das mir passiert ist, dann nehme ich eventuell etwas Fiktives dazu.“ Das kann eine Episode aus Hollis’ Jugend sein, als er auf dem Highway betrunken Auto fuhr und erwischt wurde. Oder die Geschichte spielt im zweiten Wohnzimmer des Autors, der Nauwieser Viertel-Kneipe Karate Klub Meier. Dort arbeitet Hollis nämlich schon seit 25 Jahren. „Theker, Sänger, Lesungen – das ist perfekt für mich. Das Konzept gefällt mir so gut, ich habe keinen Grund gesehen, es zu ändern.“

Corona ist für das umtriebige Multitalent daher eine schlimme Sache: „Ich versuche auf dem Boden zu bleiben und nicht die Nerven zu verlieren. Aber ich merke auch: Es fällt mir schwer! Alles, was ich mache, zum Spaß oder für Geld, ist weg.“ Nur das Schreiben bleibt ihm derzeit. Die Musik fehlt ihm am meisten. Denn neben den in aller Winde verstreuten Spermbirds singt Hollis ja schon seit den Neunzigerjahren in der Saarbrücker Band Steakknife. „Wir proben eigentlich jede Woche einmal, das frustriert mich sehr, dass das jetzt nicht geht.“ Ob sich die beiden Bands nicht mal um ihn gestritten haben? „Ja, früher waren die Leute nicht so cool wie heute. Die von Steakknife wollten mal, dass ich mich entscheide. Aber ich habe gesagt, nein, ich mache, was ich will. Jetzt habe ich immer noch beide Bands.“

Einen Lichtblick gibt es in der jetzigen Zeit für den Amerikaner: „Motherf… Trump ist weg! Der war so voller Hass!“ Sorgen bereite ihm nur, dass ihm Joe Biden etwas gebrechlich vorkommt. „Ich war eigentlich Sanders-Man, ich wollte Bernie. Ein Sozialist gegen Trump, das hätte mir gefallen. Aber er hätte wohl verloren. Die Hälfte der Amerikaner ist naiv und denkt: Sozialismus? Oh Gott, nein! Die haben aber überhaupt keine Vorstellung davon, was das eigentlich ist, es hört sich einfach böse an für sie.“

Was den scheidenden Präsidenten betrifft, wird Hollis fast religiös. „Ich glaube ja nicht an Himmel und Hölle, aber ich wünschte es mir wegen Trump doch.“