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So kann’s gehen
Der Möhrensalat des Grauens

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass sich meine Familie vorgenommen hat, mich in den Wahn zu treiben. Langsam entwickle ich paranoide Züge. Von Matthias Zimmermann
Matthias Zimmermann

Ich habe den starken Verdacht, meine bessere Hälfte will sich von mir trennen. Wenig subtil arbeitet er sich vor. Legt es auf einen faustdicken Streit an. Was mich da so sicher macht? Möhrensalat.


Damit eins klar ist: Ich habe überhaupt nichts gegen Salat. Im Sommer eine echte Alternative zu schweißtreibenden Gerichten, die ich im Winter dann wieder zu schätzen weiß. Auch als Liebhaber von Wurst und Braten kann ich mich durchaus mit fleischloser Kost anfreunden. Aber Möhrensalat? Ausgerechnet Möhrensalat! Schmeckt so nichtssagend wie ein Biss in Styropor. Wenn die Tunke dann noch fad ist, nicht zu genießen. Wie fein geraspeltes Tierfutter für Kaninchen mit Zahnausfall. Und dazu schwer verdaulich. Möhrensalat. In jedem drittklassigen Restaurant als Sättigungsbeilage im schicken Häufchen neben der Hauptmahlzeit auf den Teller drapiert. Plus feingebröselte Trockenpetersilie darüber. Fürs Auge. Ausschließlich. Für meinen Gaumen eine Zumutung.

Von der Arbeit zuhause eingetrudelt, erwartet mich ein strahlendes Gesicht. Voller Stolz bekomme ich  eine Schüssel gereicht. Mit Möhrensalat. Ich weiß nicht, wie oft ich schon recht pampig auf meine Aversion hingewiesen habe, was Möhrensalat betrifft. Und schon bekomme ich ihn wieder aufgetischt: Möhrensalat. Auch beim Besuch meiner Schwiegermutter, die mich glücklich und mit säuselnd tirilierendem Tonfall empfängt: „Wir haben auch Möhrensalat. Den isst du doch so gerne.“ Dabei kippt ihr vor lauter Juchzen laufend die Stimme.



Ich bin felsenfest davon überzeugt, das mich meine Verwandtschaft sukzessive in den Wahn treiben will. Unter Anwendung von Möhrensalat. Ich weiß einfach nicht, wer diese Mär wann in die Welt gesetzt hat, ich würde ohne Möhrensalat höchstwahrscheinlich umkommen.

Ich brauche Abstand. Fahre ein paar Tage weg. Allein. Zu meiner besten Freundin. Quartiere mich kurzentschlossen bei ihr ein, um dort, etliche hundert Kilometer von daheim entfernt, den Kopf freizubekommen. Tagsüber bin ich unterwegs, während meine Gastgeberin jobbt. Abends klönen wir zusammen. Am dritten Tag meines Aufenthalts entscheiden wir uns, gemeinsam Abendbrot zu bereiten. Von ihrer Firma aus ist sie noch kurz auf einen Sprung beim Supermarkt vorbei, um gegen den gähnend leeren Kühlschrank anzukämpfen. Sonst wird das beileibe nix mit dem Mahl. Ein wenig Brot, Aufschnitt, Käse. Als wir bereits am Tisch sitzen, springt sie, wie von der Tarantel gestochen,  auf, wetzt zu ihrem Auto in der Garage und kommt mit einem Plastikbottich retour. Noch außer Atem hechelt sie mir zu: „Fast vergessen: Habe dir noch was mitgebracht. Dachte, du freust dich. Hat mir deine bessere Hälfte gesagt, dass du den besonders gern isst: Möhrensalat.“ Ja, er legt es auf eine Trennung an.