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Guido Allgaier
Auf der Suche nach dem richtigen Ton

Der französische Chansonnier Noël Walterthum.
Der französische Chansonnier Noël Walterthum. FOTO: Yvon Meyer / Yvon Meyer Photographies 2012
Saarbrücken. Seit 30 Jahren tourt der gebürtige Schweizer Guido Allgaier durch die Welt. Am Samstag kann man ihn wieder in Saarbrücken hören. Von Kerstin Krämer

Früher hat er meist geschwiegen, wenn ihm etwas missfiel. Hat „bedient“, hat geliefert. Heute macht er den Mund auf, wenn ihm etwas nicht gefällt. Und er will, dass die Leute seinetwegen kommen. „Mein ganzes Leben lang“, sagt Guido Allgaier, „habe ich nach meinem Ton gesucht.“ Nach einer eigenen unverkennbaren Handschrift. Und es gibt kein größeres Kompliment für ihn, als wenn ihn jemand an seinem Klang, an seiner Art des Gitarrespielens erkennt.


Bescheiden geblieben ist er dennoch: Bei jedem seiner Worte schwingt die Befürchtung mit, er könne arrogant klingen. Dabei spricht aus Allgaier nur das gesunde Selbstbewusstsein eines Musikers, der sich seit fast 30 Jahren behauptet. Auf der Bühne, wohlgemerkt. Denn im Gegensatz zu den meisten Kollegen kann Allgaier dank seiner „Vielsaitigkeit“ vom Konzertieren leben und ist nicht auf‘s Unterrichten angewiesen. Energie ist das A und O, hat er erkannt: „Wenn ich mich irgendwo eingelassen habe“, sagt Allgaier, „habe ich das immer mit Haut und Haaren getan.“ Egal, ob er Rock‘n‘Roll und Blues huldigte oder auf den Sinti-Swing-Spuren von Django Reinhardt wandelte; ob er Chansons veredelte oder Latinfeuer entfachte.

Lange ist‘s her, dass er parallel zum Bass griff und in einer Tanz-Big-Band oder der Psychedelic-Gruppe „The Mental Drops“ mitwirkte. Nichts davon bereut Allgaier: „Ich habe immer was dazu gelernt.“ Anderen zuarbeiten und sie gut aussehen lassen, das tut er zwar immer noch – aber nur noch, wenn‘s ihm Spaß macht, nicht des Geldes wegen. Allgaier ist ein gefragter Sideman, sowohl in diversen festen Formationen als auch bei Projekten und Studioproduktionen. Mittlerweile nennt er rund 30 Gitarren sein eigen, akustische und elektrische, die er je nach Stilistik einsetzt – nach einer langen Pause widmet er sich seit etwa einem Jahr auch wieder der E-Gitarre. Sein Wohnzimmer gleicht einer Bühne, vollgestopft mit Klampfen, Boxen und Mischpult, sogar ein Klavier steht da. Und während andere Gitarristen ein ganzes Sammelsurium an Effektgeräten bedienen, verzichtet Allgaier heute auf derlei Schnickschnack und begnügt sich puristisch mit Vollröhrenverstärkern.



Visuelle Markenzeichen sind ein linker Ohrring und wechselnde Kopfbedeckungen – nicht, dass er sie nötig hätte: Sein Haar ist immer noch voll, nur etwas grauer geworden. Allgaier, Jahrgang 1956, ist gebürtiger Schweizer und gelernter Landwirt. Zehn Jahre war er als Weltenbummler unterwegs und fing dabei mit dem Musikmachen an; der Liebe wegen verschlug es ihn ins Saarland, wo er hängen blieb und sich ins musikalische Profi-Lager hinein übte. „Musik ist ein schweres Handwerk“, zitiert Allgaier den Lothringer Akkordeonisten Jean-Marie Bartz, und Musik bedeutet ihm alles: Noch bevor er morgens Kaffee kocht, greift er zur Gitarre.

Im Vergleich zu früher macht er sich, zumindest gefühlt, hierzulande rar: Längst hat Allgaier seinen Wirkungskreis auf ganz Deutschland und das benachbarte Frankreich ausgedehnt. Im Saarland verstärkt er „Orlando Circle“, die Formation des Countertenors Roland Kunz, und das Duo Yann-Loup und Anisha Adam. Er begleitet die Sängerinnen Jeannette Curta und Suzanne Dowaliby; sein Herzensprojekt ist das Instrumental-Duo „Catgut & Steel“ mit Joe Reitz. Daneben greift er für die Chansonsängerinnen Noémi Schröder (Düsseldorf) und Dany Tollemer (Nürnberg) in die Saiten. Seiner Frau, der Tierärztin Elke Grothues, ist Allgaier unendlich dankbar, dass sie sein unstetes Künstlerleben geduldig mitträgt. Seit vier Jahren ist Allgaier außerdem Leiter der Kammgarn-Band um Sängerin Pauline Ngoc und verantwortet das Format „Nuit de la Chanson“. Bei einer dieser Chanson-Nächte wurde der französische Liedermacher Noël Walterthum auf Allgaier aufmerksam und verpflichtete ihn prompt als Gitarristen. „Noël ist einer dieser Menschen, die man nie mehr vergisst“, schwärmt Allgaier von der Ausstrahlung des Chansonniers, der trotz seiner fast 70 Jahre mit einer jungen Stimme verblüfft. Allgaier arrangierte nun auch sämtliche Titel auf Walterthums aktueller CD „Infiniment“, die am Freitag in der Bel Etage vorgestellt wird. Im Studio und live ebenfalls dabei: der Schlagzeuger und Percussionist Bernd Wegener und die Sängerin Diana Balanescu – die gebürtige Rumänin kennt man unter anderem von ihrem Fado-Duo mit Allgaier.

CD-Vorstellung „Infiniment“: Freitag, 21. September, 20 Uhr, Bel Etage