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Haldenserie : Der Elefant an der Autobahn

Haldenserie : Der Elefant an der Autobahn

Die Halde an der Grühlingstraße ist knapp 60 Meter hoch und bietet einen grandiosen Ausblick auf den Saarkohlewald. Der ehemalige Abraumhaufen der Grube Jägersfreude bietet nicht nur Ausblicke, sondern auch Einblicke in die Bergbaugeschichte.

Eine apokalyptische Landschaft. Bereits am Fuße der Halde Grühling-
straße ein Sumpfgebiet. Mit Farnen. Eisenhaltiges Wasser färbt den Schlamm rot. Darin stehen abgestorbene Bäume. Wie einst in der Karbonzeit. Vor 300 Millionen Jahren, als die Kohle entstand. Die Halde schält sich aus dem Wald. An ihren Hängen krallen sich hagere Birken in das schwarze Gestein. Vereinzelt. Biegen sich schutzlos im Wind. An ihren Füßen Pilze. Dazwischen tiefe Erosions-
spuren. Wie Narben. Oder Elefantenhaut. Auf der kahlen Spitze das Kreuz. Seit 1994 steht es dort. Als Symbol der Verbundenheit der Menschen mit dem Saarbergbau.

Der Aufstieg zur Halde Grühlingstraße ist ein steiler. Zwischen 1957 und 1964 karrt dort ein Schrägaufzug Kippwagen voller „Berge“ den Hang hinauf. Das „taube Gestein“ stammt aus der Grube Jägersfreude. Heute ist der Aufzug weg. Stattdessen sind dort 14 weitläufige Stufen angelegt. Auf den Steigen findet der Besucher die nächsten Hinweise auf die Apokalypse. Zumindest Gedankenstöße Richtung Verderben der Menschheit, Untote, Verdrängung, Genozid oder Faschismus. Das sind einige der Themen in Elfriede Jelineks Romanen – im Speziellen in „Die Kinder der Toten“. Dessen Anfangszeilen hat der Haldengast zu Füßen, wenn er sich den steilen Hang hinaufschleppt. Gestückelte Sätze einer Literaturnobelpreisträgerin. Auf jeder Stufe ein paar gravierte Zeilen. Unter anderem: „. . . im Gebirge sind ein paar Menschen verschwunden. Dafür sind andere wiedergekommen, die wir gar nicht vermisst hatten“. Passt zum Bergbau. Auch da gehen Menschen ins Gebirge und kommen teilweise als andere raus. Diese Gedanken legt die Halde Grühlingstraße ihren Besuchern zu Füßen. Neben vielen anderen.

Auf dem Gipfel steht der Apokalypse-Besucher 325 Meter über dem Meer und auf etwa 1,5 Millionen Kubikmetern Abraummaterial. Das nun irgendwo unter der Erde fehlt, mag er denken. Angehäuft hat ihn die Grube Jägersfreude in der klassischen Form einer Spitzkegelhalde. Damit ist der Standpunkt des Halden-Touristen in etwa genauso selten wie die Autobahn kurz ist, auf die er im Nordosten schaut. Die A623 ist zehn Kilometer lang. An ihr liegen zwei weitere markante Halden in Sichtweite: die Lydia in Fischbach und die Maybach in Friedrichsthal. Auch vis-à-vis: die Halde in Göttelborn. Sie liegt im Norden an der A8 (497 Kilometer) – und ist wie die beiden anderen eine Tafelberghalde.

Dreht sich der Besucher um, landet sein Blick im Osten im Sulzbachtal. Mit dem alten Jägersfreuder Grubengelände, das seine Apokalypse bereits erlebt hat. Nach einer langen Geschichte. Sie beginnt 1718. Damals legt der Unternehmer Johannes Bregenzer im Südwesten Jägersfreudes eine Eisenschmelze an. Um 1750 wandelt sich die Schmelze in ein Hammerwerk für Schwarzblech. Die erforderlichen Kohlen kommen aus den Stollen von nebenan. Die Französische Revolution beendet den Abbau. Das Hammerwerk verstummt. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts entsteht an gleicher Stelle eine Schamotte-Fabrik. Den erforderlichen Tonstein fördern die Jägersfreuder ab 1809 aus ihren eigenen Stollen. 1815 arbeiten darin 40 Bergleute. Die Industrialisierung lässt den Kohlebedarf stets steigen – und die Jägersfreuder haben viel Kohle vor der Haustür.

Die sie ab 1856 industriell fördern. Mit dem Abteufen der ersten beiden Tiefbauschächte (Schacht I bis 95 Meter, Schacht II bis in 140 Meter Tiefe) startet eine Epoche, die Menschen prägt und Halden wachsen lässt. 65 Jahre später legt die Bergwerksdirektion Schacht I still; 1931 Schacht II. 1968: Schicht in Schacht drei und vier. 1988 verschwinden die Fördergerüste endgültig aus Jägersfreude. Zwei Überbleibsel davon stehen an der Hauptstraße. Als Denkmal. 2010 verschwinden die meisten Gebäude. Die Stadt übernimmt das Gelände. Stehen lässt sie nur das unter Denkmalschutz stehende Zechengebäude sowie das Pförtner- und Kantinengebäude.

2900 Bergleute gewinnen in den letzten Jahren der Grube 4700 Tonnen Kohle pro Tag aus den Schächten. Als 1957 die Halde „Pfeifershofweg“ voll ist, bringen sie den Abraum hoch auf die Grühlingshöhe. Um die „Berge“ aus dem Tal zu bekommen, montieren die Arbeiter drei 80 Zentimeter breite Förderbänder, spannen sie über zwei Brücken über die Straße. 545 Meter lang. Am Fuß des Kegelsturzes stürzen die Bänder die Berge in Bunker. Von dort aus karrt der Schrägaufzug sie auf die Halde. Jahrelang. Zunächst.

1962 stellt die Grube Jägersfreude ihren Abbau auf Vollversatz um. Das heißt: Die Löcher, die sie unter der Erde buddelt, verschließt sie wieder. Sie verbläst sie, wie es heißt. Mit Bergematerial. 1964 übersteigt erstmals der „Blasberge-Bedarf“ die Menge, die anfällt. Folge: Die Grube stoppt nicht nur die Bergetransporte zur Halde. Sie kehrt sie um. Die Bänder laufen von Herbst 1964 bis Frühjahr 1965 rückwärts und tragen jeden Tag bis zu 1000 Kubikmeter Bergematerial vom Gipfel ab. Danach immer mal wieder. Bis 1968. Die Halde schrumpft auf ihre heutige Größe.

Heute steht sie wie ein Elefant in der Landschaft. Die besteht im Westen hauptsächlich aus Grün und erinnert eher an Weitblicke in Kanada. Wald bis zum Horizont. Im Winter schroff schön. Im Sommer ein grünes Meer. Dabei schweift der Blick des Haldenbesuchers auch im Westen über ein von Menschenhand erschaffenes Landschaftsbild. Zum Beispiel das Fischbachtal. Pittoresk schön schlängelt es sich am „Urwald vor den Toren der Stadt“ Saarbrücken vorbei Richtung Saartal. Heute ist das Fischbachtal ein Naturidyll. Das sieht Ende 1961 ganz anders aus. Die Grube Jägersfreude hat dort gerade zwei Absinkweiher anlegt. 35 000 Quadratmeter groß. So groß wie vier Fußballfelder. Den Fischbach verfrachten die Landschafts-Veränderer in ein neues Bett. Zwei Meter breit. Exakt. Recht gerade gehalten. Sie legen einen Damm zwischen Weihern und Bach an. Kronenbreite vier Meter. 80 000 Kubikmeter Erdreich bewegen sie dazu. Die Grubenabwasser pumpt die Grube aus dem Sulzbach- ins Fischbachtal. In 750 Meter langen Rohren, die bis zu 45 Meter Höhenmeter überwinden. An der Halde vorbei. Darin Feinschlammtrübe, die in den Weihern landet. Eine Apokalypse für die ehemalige Auenlandschaft.

Doch wie nach jedem Weltuntergang: Es geht weiter. Die Weiher sind inzwischen Naturidylle. Die Bergbauspuren sind von der Halde aus nicht mehr zu sehen. Der Fischbach ist teilweise renaturiert. Die Natur hat sich vieles zurückerobert. Bis auf die Halde. Sie thront mit ihrem vernarbten Gestein über der Landschaft. Als Zeuge für vieles. Auch für die ein oder andere Apokalypse.

Alle Teile der Serie:
1. Die Gipfel der Berge
2. Halde Grühlingstraße
3. Halde Lydia
4. Halde Landsweiler-Reden
5. Halde Göttelborn
6 Halde Duhamel
7. Leserfotos

Weg zur Halde Grühlingstraße Foto: SZ/Steffen, Michael

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