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Serie Saarbrücker Geheimnisse
Die Kreuzung und das Medienhaus

Chefredakteur Peter Stefan Herbst vor dem Medienhaus der Saarbrücker Zeitung.
Chefredakteur Peter Stefan Herbst vor dem Medienhaus der Saarbrücker Zeitung. FOTO: Robby Lorenz
Saarbrücken . Das Hofer’sche Eck ist untrennbar mit der traditionsreichen Geschichte der Saarbrücker Zeitung verknüpft.

Vom Büro blickt Peter Stefan Herbst, der Chefredakteur der Saarbrücker Zeitung, auf die Kreuzung Eisenbahnstraße/Gutenbergstraße. „Sie war als Hofer’sches Eck bekannt, aber das weiß kaum noch jemand.“ Ort und Bezeichnung hängen untrennbar mit der Geschichte der Saarbrücker Zeitung zusammen. Die begann Mitte des 18. Jahrhunderts mit dem Fürsten von Nassau-Saarbrücken. Und mit dem Buchdrucker Bernhard Gottfried Hofer. Er kam in Nürnberg zur Welt, wo sein Vater die „Schwarze Kunst“, den Buchdruck, ausübte. Nach der Ausbildung verschlug es den jungen Mann nach Saarbrücken. Er heiratete 1759 Maria Dorothea Mengert, die Tochter des Hofdruckmeisters Johann Heinrich Mengert, der die erste Druckerei an der Saar betrieb.


 1761 übernahm Bernhard Hofer die Buchdruckerei des Schwiegervaters und erwies sich rasch würdig, in dessen Fußstapfen als Hofbuchdrucker des Fürsten Wilhelm Heinrich von Nassau-Saarbrücken zu treten.

Zusätzlich ging das 1743 von Johann Mengert erworbene Haus in der Talstraße 2 auf Hofer über. Am 24. Januar 1761 ließ der Fürst verlauten, er wolle ein Anzeigenblatt einführen, und legte den Grundstein für die Saarbrücker Zeitung: „Seine Hochfürstliche Durchlaucht […] haben schon längst gewünscht, die Vortheile und Bequemlichkeiten, welche man anderswo von den Frag- und Anzeig-Blättern hat, auch Ihren getreuen Unterthanen zuwenden zu können, und wollen daher nächstens in allen Ihren Landen ein Allgemeines Wochenblatt zur Probe einführen lassen.“ An Ostern desselben Jahres erschien erstmals das „Nassau-Saarbrückische Wochen-Blat“. Bernhard Hofer trug als Hofbuchdrucker nicht nur die Verantwortung für den Druck des Wochenblatts, sondern auch das finanzielle Risiko. „Dies war jedoch noch keine Zeitung im heutigen Sinne und fern jedes politischen oder aufklärerischen Anspruchs“, betont Herbst. „Hier konnten die Saarbrücker vielmehr Anzeigen und Gesuche aufgeben und nachlesen, wie die aktuellen Lebensmittelpreise auf dem Markt standen.“ Einmal pro Quartal sollte eine „Tauf-, Ehe- und Totenliste erscheinen“. „Hofers Verdienst war zwar gering, aber durch seine privilegierte Stellung als Hofdrucker hatte er keine Konkurrenz zu befürchten“, fügt der Chefredakteur hinzu.



Im Zuge der politischen Ereignisse – zunächst die Besetzung der Stadt durch französische Revolutionstruppen 1793 und die wenige Jahre später folgende, bis 1815 andauernde Zugehörigkeit zu Frankreich – öffnete sich das Blatt für das Weltgeschehen, wandte sich davon nach dem Übergang der Saargegend an Preußen jedoch wieder ab und kehrte zu den Inhalten der Anfangszeit zurück.

 Erst in den 1830er-Jahren war ein erneuter Umschwung. Der Takt, in dem die Zeitung erschien, mittlerweile als Saarbrücker Anzeiger, verdoppelte sich auf zwei Ausgaben pro Woche. 1838 erteilten die Zensurbehörden außerdem ihre Genehmigung, auch Artikel politischer Natur zu publizieren. Ein Jahr später übernahm Anton Traugott Hofer, der Enkel des Gründers, das Unternehmen.

„Er ist es, dem es vorbehalten ist, den künftigen Aufschwung der Zeitung vom kleinen Lokalblatt zur angesehenen Tageszeitung einzuleiten“, schreibt Guido Grohmann in einem Beitrag über „Die Familie Hofer und ihre Saarbrücker Zeitung“. Mit der Übernahme durch Anton Hofer zogen Verlagsgebäude und Druckerei in die Eisenbahnstraße 8 um. „Doch nicht nur der Standort wechselte unter seiner Führung, er verlieh der Zeitung auch ihren heute noch gültigen Namen“, weiß Peter Stefan Herbst zu berichten.

Der Saarbrücker Anzeiger wurde 1848 zunächst in Saar-Anzeiger – mit mittlerweile vier wöchentlichen Ausgaben – und mit Beginn des Jahres 1861 schließlich, pünktlich zum 100. Geburtstag, in Saarbrücker Zeitung umbenannt. Bis auf den Sonntag sollte die Zeitung nun täglich erscheinen. Nach seinem Tod 1864 führten Anton Hofers Söhne Carl und Fritz als „Gebrüder Hofer“ die Firma fort. Da die Räume nicht mehr ausreichten, ließen die Brüder ein Verlagsgebäude in der Eisenbahnstraße errichten – und begründeten 1871 das Hofer’sche Eck. 174 Jahre lang blieb die Zeitung in Familienbesitz, wenn auch ab 1920 nur anteilig.

In diesem Jahr trat Richard Hofer, Sohn von Carl Hofer, als Geschäftsführer zurück und verkaufte seinen Anteil. Nachdem das Saarland ab 1919 der Verwaltung des Völkerbundes unterstellt war, wurde es 1935 nach einer Volksabstimmung wieder ins Deutsche Reich eingegliedert. Im selben Jahr endete die Ära Hofer. Bisher noch Miteigentümer an der Zeitung, wurden die Erben nun von den Nationalsozialisten enteignet, die „fortan bestimmten […], was in der Saarbrücker Zeitung veröffentlicht werden durfte“, so Dieter Gräbner über die Hofer-Erben in „Bürger, Brücken und Duelle. Die Geschichte der Großstadt Saarbrücken“.

Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges brachte die Arbeit der Zeitung kurz zum Erliegen, doch im Juli 1940 liefen die Druckmaschinen wieder an. Zwei Jahre danach feierte die Druckerei (die ja bereits auf Bernhard Hofers Schwiegervater zurückging) noch ihren 200. Geburtstag, bevor im März 1945 „amerikanische Soldaten […] an den fensterlosen und menschenleeren Gebäuden des Verlagshauses“ vorüberzogen, wie Hans Bünte in „Die abenteuerliche Geschichte einer Zeitung“ schreibt. Die erste Ausgabe nach Kriegsende, die im August desselben Jahres erschien, ging über den Verkaufstresen wie die warmen Semmeln.

Ab 1957 gehörte das Saarland zur Bundesrepublik und übernahm die Anteile an der Saarbrücker Zeitung, bevor das Blatt 1969/70 reprivatisiert wurde. 1961 hatte es zwischenzeitlich erneut Grund zum Feiern gegeben: den 200. Geburtstag der Zeitung. Hans Bünte fasst die Entwicklung der Zeitung im 20. Jahrhundert als „Kampf gegen politische Bevormundungen aus allen Richtungen, aber auch den wachen Blick für den Wandel der Kommunikationswege“ zusammen, wodurch sie wurde, „was sie heute ist: Teil eines beeindruckenden Medienhauses“.

Äußerlich hat sich das Verlagsgebäude seit 1871 stark gewandelt. Doch ist der heutige moderne Gebäudekomplex immer noch an der Kreuzung, an der schon die Familie Hofer die Geschicke ihrer Firma lenkte. Darüber hinaus wäre für einen Verlag und eine Druckerei keine Anschrift passender als die Gutenbergstraße. Ohne den Erfinder des Buchdrucks könnte die drittälteste Zeitung Deutschlands nämlich nicht auf so eine lange Tradition zurückblicken.