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Das Festival Loostik fällt aus, das ist gar nicht lustig

Interview : „Künstler kämpfen um ihre Daseinsberechtigung“

Gar nicht lustig: Das Festival Loostik fällt aus. Ein Gespräch über deutsch-französische Unterschiede und kulturelle Frustrationen.

Bei der Vorstellung des Programms für ihr Festival Loostik waren die beiden künstlerischen Leiterinnen Martha Kaiser und Laurence Lang noch guter Dinge. Voller Zuversicht gingen sie davon aus, dass das deutsch-französische Kindertheaterfestival Loostik stattfinden könnte. Nun ist es, ein paar Tage bevor es losgehen sollte, anders gekommen. Kulturveranstaltungen sind verboten, in Frankreich müssen die Menschen sogar wieder in eine Art staatlich verordneten Hausarrest. Wir wollten von Martha Kaiser wissen, wie die Stimmung im Team ist und wie es nun weitergeht mit der Kultur.

Wochenlang geplant, ein komplettes Programm fertig, alles auf die verschiedenen Hygienebedingungen angepasst – und eine Woche bevor es losgehen sollte: alles abgesagt. Wie geht es dem Loostik-Team?

Martha Kaiser: Es fühlt sich an wie ein absurdes Déjà-Vu, nachdem schon unsere anderen Projekte und Aktivitäten auf Eis gelegt wurden: das Festival Perspectives und der Großteil der letzten Spielzeit im Theater Le Carreau. So eine Absage ist nichts, woran man sich gewöhnt oder gewöhnen sollte. Wir versuchen, nach vorne zu schauen, aber natürlich sind wir frustriert und enttäuscht. Dabei denken wir abgesehen von Loostik und unserer Arbeit solidarisch an die gesamte Kulturlandschaft und all die Künstlerinnen und Künstler, die sich gerade in einer gemeinen Rechtfertigungsposition wiederfinden und um ihre Daseinsberechtigung kämpfen müssen.

Wie wickelt man nun so ein Festival ab? Bekommen zum Beispiel die Künstlergruppen trotzdem ihr Honorar?

Martha Kaiser: Das Festival wird abgesagt. Das heißt aber nicht, dass es auf einmal nichts mehr zu tun gibt. Wir sind zwar für die Öffentlichkeit nicht sichtbar, aber die Abwicklung einer nicht stattgefundenen Festivalausgabe nimmt viel Zeit in Anspruch. Der Vorverkauf lief schon, über 50 Schul- und Kitagruppen hatten Karten reserviert. All diese Menschen müssen informiert werden, Geld muss zurückerstattet werden etc. Was die Finanzen angeht, gab es selbstverständlich Ausgaben. Eins ist klar: Wir werden uns dafür einsetzen, dass durch die Absage keine Folgelasten für die Künstlerinnen und Künstler entstehen, die bei uns aufgetreten wären. In den nächsten Tagen werden wir mit unseren Partnern und Geldgebern Bilanz ziehen und über Ausfallhonorare für die Künstlergruppen sprechen. Wir haben schon positive Rückmeldungen bekommen, worüber wir sehr dankbar sind.

Die Kultur ist wieder schwer getroffen von den Corona-Maßnahmen. Die Unterstützung ist aber von Land zu Land verschieden. Zu Loostik sollten Künstlerinnen und Künstler aus Belgien, Frankreich und Portugal kommen. Haben Sie Kontakt mit denen?

Martha Kaiser: Wir sind in engem Kontakt mit allen Künstlergruppen. Sie waren die Ersten, die wir über die Absage des Festivals informiert haben. Was man im Hinterkopf behalten muss, ist, dass für all diese Künstlerinnen und Künstler neben unserem Festival eine ganze Reihe weiterer Gastspiele im November ins Wasser fallen. Die Saison ging für sie gerade wieder los.

Sie haben ja Einblick in das Fördersystem in Frankreich. Was ist dort anders?

Martha Kaiser: Die EU-Länder stehen vor unterschiedlichen Herausforderungen. In Frankreich zum Beispiel, wo die freie Szene die Norm ist, gibt es das sogenannte „statut d’intermittent du spectacle“, wonach Künstlerinnen und Künstler und zum Teil auch Veranstaltungstechniker ein Arbeitslosengeld erhalten, wenn sie gerade kein Engagement haben. Um diese Unterstützung zu bekommen, muss man mindestens 500 Arbeitsstunden im Jahr nachweisen. Da diese Voraussetzung von vielen Künstlerinnen und Künstlern aktuell nicht erfüllt werden kann, wird diese Regel bis Ende August 2021 für ein Jahr offiziell ausgesetzt. Das wurde als große Erleichterung wahrgenommen.

Das betrifft aber nicht alle Kreativen.

Martha Kaiser: Nein. Nicht alle Künstlerinnen und Künstler haben den Status eines „intermittent“, und die Kunstsparten sind nicht alle gleichermaßen betroffen. Zum Glück sind Künstlerresidenzen weiterhin möglich. So ist die Blah Blah Blah Compagnie aus Metz seit Montag im Forbacher Theater Le Carreau für die Endproben an ihrem aktuellen Stück „Korb“ untergebracht. „Korb“, die bilinguale Koproduktion des Festivals, wird seine Uraufführung nun zwar nicht im Rahmen von Loostik feiern, aber das künstlerische Team kann zumindest weiterarbeiten.

Loostik ist ein deutsch-französisches Festival mit einem Team aus beiden Ländern. Damit haben Sie Einblick in verschiedene Länder-Mentalitäten und den Umgang der Menschen mit der Krise. Sehen Sie Unterschiede?

Martha Kaiser: In Zeiten der aktuellen Krise ist die Arbeit in einem binationalen Team natürlich eine besondere Herausforderung, doch unterschiedliche Perspektiven helfen auch, die von außen auferlegten Maßnahmen hin und wieder zu hinterfragen. Ein großer Unterschied für uns war beispielsweise die Menge der Zuschauer, die in einem Theatersaal erlaubt waren. Während in Deutschland nur ein Bruchteil der Sitzplätze aufgrund der Mindestabstandsregel besetzt werden durfte, wurde in Frankreich die letzten Wochen noch ausverkauft, dafür gab es dort eine strenge Maskenpflicht während der Aufführungen.

Wie arbeitet man mit solchen Unterschieden?

Martha Kaiser leitet das Festival Loostik und ist zugleich im Team des Perspectives-Festivals. Foto: Loostik

Martha Kaiser: Wir wussten von Anfang an, dass wir als deutsch-französisches Festival diese Unterschiede gut kommunizieren müssen, um Missverständnisse zu vermeiden. Dabei geht es nicht darum zu bewerten, was richtig oder falsch ist – in einer Situation, die für uns alle neu ist, kann keiner so genau sagen, was am Ende wirklich angemessen ist. Am Ende sitzen wir im selben Boot und haben den gleichen Wunsch danach, schöne Theatermomente zu genießen. Es ist wichtig, weiterhin Verständnis zu zeigen und solidarisch zu bleiben.