Kolumne : Ein Hauch von Flieder

Sehen, hören, schmecken – oft unterschätzt ist das Riechen. Dabei können Düfte, so schnell sie sich auch verflüchtigen, doch so intensiv sein und selbst dann einem in die Nase steigen, wenn sie eigentlich gar nicht da sind.

Flieder duftet intensiv, satt und betörend. Seine Trauben aus kleinen, vierblättrigen Blüten in allen Lila-Schattierungen und Weißtönen sind schon optisch eine Pracht, olfaktorisch aber eben auch. Am herrlichsten duftet Flieder, ist er gerade erst erblüht. Betritt man dann frühmorgens den Garten, ist es als hätte man sich in ein überschwappendes, orientalisches Geruchsbad begeben.

Schneidet man Blütenzweige ab und gibt sie in eine Vase, ändert sich auch ihr Geruch. Immer noch ist er fein, doch verliert er an Frische. Nach einigen Tagen wird er leicht muffig, hat aber selbst im Verblühen noch seinen Reiz. Ein Duft ist so schwer zu fassen, es gibt kein exakt passendes Gefäß dafür. Ja, natürlich, man hat Parfüms erfunden, doch wie gut gemacht sie auch sind, es kommt nicht auf dasselbe heraus, wie an der Pflanze zu schnuppern.

Ein Duft kann noch so intensiv sein, dennoch ist er flüchtig. Mit Düften ist es wie mit Erinnerungen. Denkt man an bestimmte Momente zurück, meint man, auch die damit verbunden Gerüche zu schnuppern.

Eigentlich meint man das nicht bloß, man riecht sie wirklich, in einer Art synästhetischem Erlebnis: Der Duft von frisch gebackenem Brot aus der Bäckerei von nebenan aus Kindheitstagen, der Vanillegeruch des Geburtstagskuchens, den Mutter immer kreierte, der angenehm saubere Geruch von im Wind getrockneter Wäsche, der schwere Dunst sonnenwarmer Wälder, der typische Freibadgeruch nach gechlortem Wasser, heißen Bodenfliesen, Limo und Grillwürstchen. Das alles verlässt einen nicht, es findet einen immer wieder, man braucht sich nur zu erinnern.

Zugegeben, man muss sich konzentrieren, aber selbst auf der Autobahn ist es möglich eine mit Morgentau bedeckte Wiese zu riechen. Versuchen Sie’s mal.

Und der Flieder? Betrachtet man im Winter den kahlen, großen Strauch und schließt die Augen, weht auch in der kalten Luft ein Hauch von Flieder mit …