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Corona im Regionalverband Saarbrücken: Jeder dritte Infizierte unter 20

Spekulationen über Pandemie-Verlauf : Jeder dritte Infizierte im Regionalverband im Juni unter 20

Im Juni sind die Corona-Fallzahlen im Regionalverband Saarbrücken stark zurückgegangen - der Anteil der Mutanten bleibt allerdings hoch. Auch der Anteil der Kinder und Jugendlichen gemessen an den Gesamtfällen verändert sich deutlich. Wie es mit der Pandemie aus virologischer Sicht weitergeht, wird derweil von vielen Experten diskutiert.

275 Menschen sind im Regionalverband Saarbrücken im Juni positiv auf das Coronavirus getestet worden. Fast 1000 weniger als im Vormonat. Das hat der Regionalverband in seiner Corona-Statistik zum Monat Juni mitgeteilt. Neben dem Rückgang der Fälle lassen sich an der Statistik auch andere Veränderungen im Pandemie-Verlauf erkennen. So wurden 212 von 275 Corona-Fällen als Mutation festgestellt. Mit 190 Fällen ist die Alpha-Variante, also die britische Mutation, klar dominierend.

Auch die Bevölkerungsgruppen, aus denen die Infizierten stammen, verändern sich. 34 Prozent aller Infizierten im Regionalverband im Juni fallen auf die Gruppe von Menschen unter 20. In den Vormonaten hatte dieser Wert noch unter 30 Prozent gelegen. Aus der Gruppe der über 80-Jährigen stammen dagegen nur noch 0,7 Prozent der neuen Fälle. Ein Zeichen dafür, dass die Impfungen der älteren Bevölkerung Wirkung zeigen und die jüngere Gruppe jetzt stärker betroffen sein wird.

Sorge bereitet derweil, nicht nur im Saarland sondern auch deutschlandweit, die sich weiter verbreitende Delta-Variante. Nur drei der Neuinfektionen im Regionalverband im Juni waren auf die Variante zurückzuführen, die sich aktuell in Deutschland verbreitet. Hier ist allerdings ein deutlicher Anstieg zu erwarten. Wie es aus virologischer Sicht mit den neuen Mutationen weitergehen kann ist deshalb aktuell Thema vieler Vermutungen und Diskussionen.

Corona mutiert langsam

Forscher sind sich vor allem in einem Punkt sicher: Das Coronavirus wird sich weiter verändern. Allerdings geht der Präsident der Gesellschaft für Virologie, Ralf Bartenschlager, davon aus, dass die Zahl der Varianten „überschaubar“ bleibt. Man könne jedoch noch nicht sicher sagen, ob noch relevante Mutanten folgen.

Im Vergleich zu anderen Viren mutiere Sars-CoV-2 langsam, sagt der Professor für Molekulare Virologie an der Uni Heidelberg. Das liege am relativ großen Genom. „Wenn das Genom lang und länger wird, kann man sich nicht mehr viele Fehler erlauben“, so Bartenschlager. Die Enzyme des Virus müssten sehr genau arbeiten, viele Fehler würden repariert.

Auch Richard Neher von der Uni Basel ist sicher: „Das Virus wird sich kontinuierlich weiterentwickeln, wie wir das von anderen Coronaviren des Menschen oder von Grippe auch kennen.“ Coronaviren aus dem Tierreich seien vor allem in der Region des Spike-Proteins, das außen sitzt und wichtig für die Infektion ist, sehr variabel. Somit sei kein natürlicher Stopp zu erwarten. „Aber wie diese Evolution die Eigenschaften der Viren verändert und wie viel Spielraum das Virus in dieser Hinsicht hat, ist im Moment nicht klar“, so der Biophysiker.

Das Spike-Protein sei der Teil des Coronavirus, der die wichtigste Rolle bei der Verbreitung spielt, da es mit Hilfe dieses Proteins in Wirtszellen eindringe und Antikörper des Immunsystems das Oberflächenprotein erkennen könnten. „Über die Effekte anderer Mutationen ist sehr viel weniger bekannt“, erläutert Neher. Auch Bartenschlager räumt ein, dass diese im Moment nicht so sehr untersucht würden wie Veränderungen am Spike-Protein.

Höhere Übertragbarkeit möglich

Klaus Überla vom Virologischen Institut am Universitätsklinikum Erlangen erklärt, auch Mutationen anderer viraler Proteine könnten die Übertragbarkeit erhöhen. „Stellen Sie sich vor, eine Mutation hilft dem Virus der Erkennung durch das angeborene Immunsystem zu entgehen. Die Folge könnte eine höhere Virusbeladung und damit eine höhere Übertragbarkeit sein.“ Dieser Teil des Immunsystems reagiert rasch und recht unspezifisch auf Erreger und Fremdstoffe.

Wie gefährlich zukünftige Mutanten sind, ist Überla zufolge nicht vorhersagbar. „Der wesentliche Selektionsdruck ist die Übertragbarkeit“, erläutert er. „Eine bessere Übertragbarkeit kann mit harmloseren oder schweren Krankheitsverläufen einhergehen.“ Bartenschlager sagt immerhin: „Je besser sich Viren an den Wirt anpassen, desto geringer ist in der Regel der Schaden für den Wirt.“ Die Regel gelte aber auch nicht immer, betont der Fachmann.

Neher geht davon aus, dass in den kommenden Jahren die sogenannte Immunevasion die relevantere Komponente wird. Dabei führen Mutationen dazu, dass die Viren dem Immunsystem leichter entkommen.

Denkbar sind laut Bartenschlager auch sogenannte Rekombinationen zweier Corona-Typen. „Wenn zwei Varianten eine Zelle infizieren, kann es sein, dass es zum Austausch von Genstücken kommt“, erklärt der Virologe. Er spricht von Chimären - in der Biologie ein Organismus aus genetisch unterschiedlichen Zellen, in der Mythologie Mischwesen wie Sphinx, Zentauren oder Meerjungfrauen. Allerdings sagt Bartenschlager auch, das sei bislang bei Sars-CoV-2 noch kein Thema.

(dpa)