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Burbacher Mundloch
Vom Bierkeller, der kein Mundloch war

Sieht aus wie ein Stolleneingang, ist aber keiner. Hier geht es zum Bierkeller.
Sieht aus wie ein Stolleneingang, ist aber keiner. Hier geht es zum Bierkeller.
saarbrücken. Schon Goethe besuchte Von der Heydt und war beeindruckt. In den Schlafhäusern herrschte strenge Ordnung, vieles war verboten. Von Mike Durlacher

Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe schrieb am 26. März 1810 in einem Brief an den Musiker Carl Friedrich Zelter folgende Verse: „Hier sind wir versammelt zu löblichem Thun, / Drum, Brüderchen! Ergo Bibamus. / Die Gläser sie klingen, Gespräche sie ruh’n, / Beherziget Ergo Bibamus“. Ganz gleich, ob derjenige, der diese Zeilen singt, Latein kann oder nicht – „ergo bibamus“ bedeutet „lasst uns trinken“ – so weiß er doch, dass in vielen Gasthäusern, Kneipen und ähnlichen Einrichtungen beim Trinken auch gerne das eine oder andere Lied geschmettert wird.


Das wird auch im sogenannten „Grubencasino“ der Fall gewesen sein, in Verbindung mit einem Bier. Und damit dieses auch die gewünschte Trinktemperatur hatte – Kühlschränke waren Anfang des 19. Jahrhunderts noch nicht erfunden –, bediente man sich sogenannter Felsenkeller zum Kühlen. Es war sehr praktisch, dass gleich hinter dem „Grubencasino“ der Berg anstieg und man dort einen kühlen Lagerraum aus dem Hang heraushauen und mit einer wunderschönen Zierfassade mit Türmchen und Mauerzinnen schmücken konnte. Dadurch ist der Bierkeller gar nicht mehr als solcher zu erkennen, denn der verzierte Eingang erinnert eher an ein Mundloch – einen Stolleneingang.

„Dass dieser Bierkeller so eine prächtige Fassade bekommen hat, hängt damit zusammen, wer alles hier in Von der Heydt gewohnt hat“, erklärt das Mitglied des Burbacher Kulturvereins, Frank Schilling. In „Von der Heydt“, dem nördlich von Saarbrücken gelegenen Dorf, lebten die höheren, gut verdienenden königlich-preußischen Werksbeamten. Und diese wollten natürlich nicht nur einen 08/15-Bierkeller. Der Platz für das kühle Blonde sollte schon etwas hermachen. Entstanden ist der kleine Ort ab 1850, als der etwa 1,3 Kilometer lange Von-der-Heydt-Stollen zum Abbau von Steinkohle angelegt wurde.



In dieses Jahr fällt auch die Gründung der Grube „Von der Heydt“, als die preußische Regierung, die das Gebiet seit 1815 besaß, das Saarland industriell und infrastrukturell erschloss und die Saareisenbahn baute. Benannt sind sowohl die kleine Ortschaft als auch der Stollen und die Grube nach dem preußischen Handels- und Finanzminister August Freiherr von der Heydt. „Damit die Bergarbeiter keinen so langen Arbeitsweg hatten, wurden sogenannte Schlafhäuser erbaut“, weiß Frank Schilling.

In diesen Häusern in Von der Heydt hielten sich die „Saargänger“, „Ranzenmänner“ oder „Hartfüßler“ genannten Bergarbeiter nach ihrer Schicht auf. Denn sie wohnten oft weiter weg, weshalb sie während der Arbeitswoche bei der Grube blieben und nur für das Wochenende zu ihren Familien zurückkehrten. Bei den Schlafhäusern handelte es sich um sogenannte „Repräsentative Schlafkasernen“, die nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/1871 entwickelt wurden. Eines der beiden Schlafhäuser stand direkt beim Bierkeller. Es war 70 Meter lang, 19 Meter breit und für 250 Bergleute ausgelegt. In dem 1875 errichteten Schlafhaus war jedoch lediglich der rechte Flügel für die Arbeiter reserviert, ausgestattet mit einfachen Betten, Spinden, Aufenthaltsraum und Küche.

Der linke Flügel des zweigeschossigen Schlafhauses wurde anderweitig genutzt: Er beherbergte das Casino, ein Lese- und Billardzimmer, auch einen Ausschank gab es, zusätzlich noch eine überdachte Kegelbahn und einen Musikpavillon für sonntägliche Konzerte. „Und damit der edle Gerstensaft, der hier gereicht wurde, immer schön kühl war, gab es eben hinter dem Haus den Bierkeller“, erklärt Frank Schilling. Die Männer, die im anderen Teil des Hauses nächtigten, hatten davon aber nichts, im Gegenteil. Hier ging es ähnlich zu wie in einer Kaserne, es herrschten strenge Regeln: So gab es einen vom Bergamt eingesetzten Hausmeister, der die äußerst strikte, vom Staat vorgegebene Hausordnung durchsetzte. Laut dieser waren zum Beispiel Glücksspiel, Spucken und Pfeifenausklopfen verboten. Es gab Kleiderordnungen, und Belange der Reinlichkeit wurden geregelt. Frauenbesuch war bis auf das Vorbeibringen von Kleidung oder Essen verboten. Der Zapfenstreich erfolgte um 22 Uhr.

Die höheren Beamten lebten selbstverständlich nicht in diesen Schlafhäusern. Sie verdienten deutlich mehr als der gemeine Bergmann, waren angesehener und gehörten einer anderen gesellschaftlichen Schicht an. Zu ihnen zählten unter anderem die Steiger. Als Aufseher im Bergwerk waren diese für einen bestimmten Bereich in ihrer Schicht verantwortlich. Sie untergliederten sich in Untersteiger, die nur einen kleinen Bereich zu verantworten hatten, Fahrsteiger, die mehrere Untersteiger unter sich hatten, und schließlich die Obersteiger, denen sämtliche Arbeiter und Beamten im Bergwerk unterstanden. Der Bergwerksdirektor lebte als höchster Beamter vor Ort in einer stattlichen Villa, Obersteiger wohnten in großen zweigeschossigen Häusern für zwei Familien, Fahr- und Untersteiger immerhin noch in einem eingeschossigen Ziegelhaus.

Dieses war aber trotzdem noch besser ausgestattet als die sogenannten Prämienhäuser, die sich einfache Bergarbeiter mittels eines verbilligten Darlehens, der Prämie, leisten konnten. Jedes der Häuser hatte zur Selbstversorgung ein Gartengrundstück, in dem Gemüse angebaut, und ein kleines Wirtschaftsgebäude, in dem Schweine und Hühner gehalten werden konnten. Für alles Weitere stand ein „Königlich-Preußischer Consumverein“ zur Verfügung. Für die Bergbeamten lebte es sich also durchaus anständig in Von der Heydt. Eigenes Haus, Garten, Casino und „Consum“ und obendrein ein eigener Bierkeller. Delf Slotta, Direktor des Instituts für Landeskunde im Saarland, beschreibt dessen Eingang in seinem Artikel „Der Steinkohlenbergbau an der Saar und sein bauliches Erbe“ von 2007 wie folgt: „Die symmetrisch zur Mittelachse angelegte Architektur setzt sich aus zwei Teilen zusammen: Vor einem rückwärtigen, von drei achteckigen Türmchen mit dazwischen liegendem Zinnenkranz gekrönten, pylonartigen Baukörper, der sich nach oben zu leicht verjüngt und an den Kanten mit Buckelquadern zusammengefasst wird, steht das eigentliche Mundloch innerhalb eines niedrigeren, vorspringenden Bauteils, der an ein mittelalterliches, von seitlich angeordneten Türmen begleitetes Tor erinnert und dessen Brüstungsteil das Bergbauemblem ‚Schlägel und Eisen‘ trägt.“

Das von Slotta erwähnte Mundloch ist aber keines. Denn als Mundloch bezeichnet man die an der Hangseite gelegene Öffnung eines Stollens, durch die das Bergwerk betreten wird. „Dass an dieser Stelle keine Kohle gefördert wurde, zeigt schon ein kurzer Blick durch das Gitter am Eingang“, meint Frank Schilling und deutet auf das Dämmerlicht hinter der Absperrung. Denn dort kann man erkennen, dass schon nach wenigen Metern Schluss ist. „Es gibt zwar ein paar Löcher in der rückwärtigen Wand, die auf einen Hohlraum hindeuten, aber weit kommt man da nicht“, erklärt er. Das macht aber auch nichts, denn genug Platz für das kühle Blonde war hier allemal, dann konnten die Herren Bergbeamten sich singend „Ergo bibamus“ zurufen, während im anderen Flügel die müden Bergarbeiter schnarchten.