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Grundschullehrer am Limit

Burbach. Grundschulen im Saarland funken SOS. Wegen der steigenden Schülerzahlen sind die Lehrer enorm belastet. Das saarländische Bildungsministerium will besonders betroffene Grundschulen jetzt mit zusätzlichen Lehrerwochenstunden unterstützen. Eine davon ist die Grundschule Weyersberg in Burbach, mit rund 500 Schülern die größte Grundschule im Saarland. Dörte Grabbert

Die Grundschule Weyersberg platzt aus allen Nähten. Knapp 500 Schüler besuchen die Offene Ganztagsgrundschule im Schuljahr 2016/2017. Rund 100 mehr als noch vor sieben Jahren, als Julia Beer den Posten als Schulrektorin antrat. "Damals waren wir noch vierzügig, jetzt haben wir sechs Klassen pro Jahrgang", berichtet Beer. Burbach sei ein familienfreundlicher Stadtteil mit bezahlbaren Wohnungen. Dementsprechend mehr Kinder lebten hier auch. Darunter seien auch viele Kinder aus Zuwandererfamilien. Dass in den vergangenen Monaten viele Flüchtlingskinder dazu gekommen seien, habe die Situation der Lehrer an der Schule noch verschärft.


Julia Beer ist eine von sieben Grundschulleiterinnen aus dem Saarland, die sich deshalb an den saarländischen Bildungsminister Ulrich Commerçon mit der Bitte um Hilfe gewandt haben. Minister Commerçon hat der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) vor Kurzem zugesichert, besonders belastete Grundschulen ab dem Schuljahr 2016/2017 mit insgesamt 405 zusätzlichen Lehrerwochenstunden zu unterstützen. Davon wird auch die Weyersbergschule profitieren. Doch der Bedarf ist viel größer.

Denn viele Schüler brauchen spezielle Unterstützung. Jeder Schüler soll nach Angaben von Julia Beer die bestmöglichen Bildungschancen bekommen. Was das im Alltag bedeutet, beschreibt die Rektorin an einem Beispiel: "Bei einer Klasse von 22 Schülern müssen rund die Hälfte der Kinder gesondert gefördert werden. Das sind etwa Flüchtlingskinder , Hochbegabte, Schüler mit sozialen oder emotionalen Problemen und vielleicht noch ein geistigbehindertes Kind." Für jedes dieser Kinder bereitet der Lehrer gesonderte Aufgaben vor. Und nicht nur das: "Statt früher eine Mathearbeit für alle zu schreiben, bereitet der Lehrer jetzt vier Arbeiten vor, statt ein Diktat, vier Diktate für Kinder mit unterschiedlichem Förderbedarf."

Auch die Elternarbeit sei aufwendiger geworden. Die Schule gebe sich viel Mühe damit, zugewanderte Eltern etwa über die Schulpflicht aufzuklären und über ihre Rechte als Eltern. "Wir wollen ihnen ein Gefühl geben, willkommen zu sein", sagt Julia Beer. Und das funktioniert gut. "Die Kinder kommen zum Unterricht und die Eltern bemühen sich um Förderung für ihre Kinder."

Um die rund 500 Schüler und ihre Eltern kümmern sich derzeit 45 Lehrerinnen und Lehrer, drei Referendare und eine Austauschlehrerin aus Frankreich. Seit eineinhalb Jahren hat die Schule auch eine eigene Sprachlehrerin. Sie unterrichtet rund 80 Kinder, die keine grundlegenden Deutschkenntnisse haben, in einzelnen Stunden parallel zum regulären Unterricht. Sobald die Mädchen und Jungs dem Unterricht folgen können, hört die Förderung auf. Beer: "Es wäre aber sinnvoll, sie auch weiter zu fördern".



Das sieht die GEW genauso und fordert deshalb, die Zahl der Sprachförderlehrkräfte zu erhöhen. Außerdem will die Gewerkschaft, dass zusätzlich sozialpädagogisch und psychologisch geschultes Personal an den Schulen eingesetzt wird. Richtig, findet Julia Beer und betont: "Wir sind Pädagogen, keine Psychologin". Die bräuchte es aber dringend, denn viele Flüchtlingskindern seien traumatisiert.

Und noch etwas brennt ihr auf der Seele: "Derzeit haben wir nicht mehr die Zeit und Ruhe, auf die unkomplizierten Schüler einzugehen und sie zu fördern. Die Lehrer sind abgehetzt, es kommt gar nicht zu einem ganz normalen Schulalltag." Mit einem Teil der zusätzlichen Lehrerwochenstunden will Julia Beer deshalb ihre Lehrer entlasten. Der andere Teil ist für den Sprachunterricht gedacht.

"Das Zugeständnis von Herrn Commerçon ist ein super Anfang", betont die Grundschulleiterin. Die Arbeitsverdichtung bei den Grundschullehrern werde aber weiterhin zu hoch und die Bezahlung immer noch schlechter als bei Lehrern auf weiterführenden Schulen sein.

"Der Stellenwert von Grundschule und Lehrern darf nicht unterschätzt werden, nicht durch die Politik und auch nicht durch die Wirtschaft", betont Julia Beer. Denn, da ist sie sich sicher: "Wenn Kinder in der Grundschule positive Bildungserfahrungen machen, dann haben sie auch in den weiterführenden Schulen weniger Probleme."