„Es gibt nichts Schöneres“

Es ist vor allem ein weinendes Auge, mit dem sich Raimund Eisenbarth von seinem Traumberuf Postbote verabschiedet. An diesem Wochenende geht er in Pension. Die SZ hat ihn auf seiner vorletzten Tour begleitet.

Wenn er noch einmal leben könnte, wäre er Postbote. Und wenn er noch zehnmal leben könnte, mit Sicherheit auch. Denn Raimund Eisenbarth freut sich ganz und gar nicht auf den Ruhestand. Wer ihn "auf die Zeit danach" anspricht, merkt sofort, wie es ihn berührt.

Was soll er auch ohne seine Umschläge machen, ohne den gelb-schwarzen Zustellerwagen und das Horn auf seiner Weste? Ohne seine Fenner Straße, wo ihm die Anwohner die Post regelrecht aus der Hand reißen? "Wir sind traurig, dass er in Rente geht", sagt der Burbacher Werner Schank, der sich im Erdgeschoss aus dem Fenster lehnt und nach dem Werbeprospekt greift. Eisenbarth reicht es ihm und lächelt. Als Postbetriebsassistent, so der Fachjargon, tut er das an diesem Samstag zum letzten Mal. Nach 38 Jahren bei der Deutschen Post. Im Alter von 65.

Bevor er Ende der 70er Jahre seine Laufbahn bei dem deutschen Logistikunternehmen beginnt, ist Eisenbarth Schlosser in der Burbacher Hütte. "Ich war frustriert. Ich wollte das nicht. Ich bin nur Schlosser geworden, weil mein Vater Schlosser war", sagt er und flitzt von einem Briefkasten zum anderen. Dabei lässt er seine Berufsjahre Revue passieren, sendet Gefühle und Gedanken wie Pakete an den inneren Verteiler, der sie zu- und einordnet.

Eisenbarth hält seine Umschläge fest in der Hand und zieht Bilanz. Erzählt davon, wie er im Jahr 1982 den Beamtenstatus erhält und dann Anfang der 90er mit Arbeitskollegen die Deutsche Post im Osten aufbaut. In Gera, Erfurt, Jena. "Meine schönste Zeit!" Auch wenn Neid unter Kollegen den Arbeitsalltag belastet. "Das ist ein Ellbogensystem. Aber ich habe immer mein Ding durchgezogen. Man muss Mensch sein." Die Bewährungsproben scheinen ihm zumindest äußerlich nicht geschadet zu haben. "Sein Aussehen hat sich in den letzten 20 Jahren nicht verändert", sagt sein Vorgesetzter Wolfgang Haag und lacht. Ein Wort, das seinen Mitarbeiter gut beschreiben würde? "Geradlinigkeit."

Die täglichen Routen von Raimund Eisenbarth verlaufen dagegen alles andere als gerade. Morgens um halb 7 zieht er los und befüllt seinen Lieferwagen am Zustellstützpunkt Saarbrücken-West in der Rheinstraße. Erst zwei Privatkunden in der Saarbrücker Europaallee, dann eine Agentur im 650 Meter entfernten Sittersweg. Anschließend wechselt er den Bezirk, aus 66113 wird 66115. Es geht noch einige Kilometer so weiter, bis er schließlich, wenn alles gut läuft, gegen 14 Uhr nach der Ottstraße in den Feierabend starten kann. Wenn es weniger gut läuft, rutscht der Uhrzeiger auch mal auf Drei oder Vier. Sechs Tage die Woche.

Doch nun muss sich Eisenbarth daran gewöhnen, dass er ab jetzt mehr Zeit für sich, seine sechs Kinder und seinen Enkel haben wird. "Ich muss jetzt den Schalter umlegen", sagt er und klingt dabei fast wie einer, der an einem Projekt gescheitert ist und nun nicht so recht weiß, was er mit sich anfangen soll.

Immerhin hat er für die kommenden Tage schon einen Plan: im Wald spazieren gehen, nachdenken, zur Ruhe kommen. Und vermissen. Vor allem ihn: seinen Traumjob. "Es gibt nichts Schöneres."

Fehlen wird der flitzende Bote, der einfach nicht wie 65 aussehen will und immer einen Witz parat hat, sicherlich auch den Anwohnern. An seinem vorletzten Arbeitstag sprechen viele ihn auf der Straße an, machen ihre Fenster auf, wünschen ihm einen guten Rutsch ins neue Jahr.

 Immer nah dran: Eisenbarth mit dem Anwohner Werner Schank.
Immer nah dran: Eisenbarth mit dem Anwohner Werner Schank.

Aber dennoch spürt er, dass sich "in den vergangenen zehn Jahren" etwas geändert hat. Dort, wo die Leute ihn duzen, kennen, schätzen. "Früher gab es hier viel mehr Kommunikation. Heute sind wir eine Briefkastengesellschaft. Die Menschen sind isoliert." Er selbst könnte sich wohl niemals abschotten. Auch dann nicht, wenn er noch hundert Leben vor sich hätte.