Die Märchen-Kinder

Es waren einmal Roma-Kinder in Saarbrücken, die nicht zur Schule gingen. Schulpflicht, morgens um acht Uhr da sein, das war etwas ganz Neues für sie. Sie sprachen auch kein Deutsch. Aber das ist lange, lange her.

An den Händen gefasst stimmen fünf junge Roma-Mädchen zu einem Lied ein, ein "Zigeunerlied", sagt die gebürtige Rumänin Rodica Wollscheid, die den Kindern Deutsch beibringt. Die Mädchen tragen zunächst zaghaft den Text in Romani vor, zwei von ihnen drehen ihre Köpfe zueinander und beginnen zu kichern. Und dann singen sie lauter. Es klinge wie ein fröhliches Lied, vermutet Ulrich Commerçon . Auf seiner Tour durch das Saarland besucht der Minister für Bildung und Kultur derzeit verschiedene Schulen, um sich die Situation von Flüchtlings- und auch Roma-Kindern wie an diesem Tag in der Burbacher Weyersbergschule anzusehen. Ein fröhliches Lied, mit dieser Vermutung lag Commerçon nicht falsch. Es sei ein optimistisches Lied, erklärt Wollscheid, eine Ode an das Leben und den lieben Gott. Optimistisch können auch die Montessori-Grundschule Rußhütte, die Grundschulen Wallenbaum und Weyersberg sowie die Gemeinschaftsschule Ludwigspark in die nahe Zukunft blicken. Nach einem Hilferuf, aus Angst, die Projekte der vier Schulen für die Integration von Roma-Kindern könnten nicht weiterexistieren, wandte sich alles zum Guten: Noch für 2014 floss Geld aus dem Bundesprogramm "Toleranz fördern - Kompetenz stärken" in das Roma-Projekt mit dem offiziellen Namen "Schule d-/eine Chance". Doch das Programm lief aus. Das Bildungsminsterium sprang ein, finanziert das Projekt nun im laufenden Jahr und will mit dem Träger, dem paritätischen Bildungswerk, schauen, wie es 2016 weitergehen kann.

"So ein Programm kann nicht in Stein gemeißelt sein", sagt Commerçon. Das Ministerium müsse auf veränderte Anforderungen reagieren, etwa den Bildungsstand der zugewanderten, ausländischen Kinder. "Eine Zeit lang kamen viele Afghanen mit Kindern, die in den Krieg hineingeboren wurden", sagt Commerçon. Syrer hingegen hätten andere Ausgangssituationen. Beer bestätigt: Oft seien das Flüchtlinge mit "hohem Bildungsstandard, manche kommen schon mehrsprachig hierher". Roma hingegen sage man eine gewisse "Bildungsferne" nach. Erst allmählich spreche sich die Begeisterung der Kinder für Schule herum, erzählt die Rektorin. "Ein Bewusstseinwandel muss stattfinden. Wir müssen den Roma Zeit geben."

Seit ein paar Jahren übt Rodica Wollscheid mit Roma-Kindern an der Weyersbergschule Deutsch. Ursprünglich wollte sie dort ein Märchentheater veranstalten, "aber dazu kam es nie", sagt sie und lacht. Immer wieder seien Kinder dazugekommen, die nicht so gut Deutsch konnten. Sie hätte sie auch als Baum oder als Wolf auf die Bühne stellen können, sagt sie. Doch stattdessen bringt sie den Kindern nun Deutsch bei. "Aber dieses Jahr könnte es klappen", sagt sie. Noch fehlten ein paar Requisiten. Das Bühnenbild ist schon in der Mache. Unter der Anleitung von Künstler Horst Reinsdorf malen die Kinder an zwei Stunden in der Woche ihre Kulisse. Entstanden ist bereits ein Märchenschloss, dass aus ihrer Fantasie entsprungen ist. Die Schulleiterin zeigt sich begeistert: "Die Roma-Kinder haben ein besonderes Gefühl für musische Dinge."

Meinung:
Von wegen bildungsfern

Von SZ-RedaktionsmitgliedPatricia Müller

Schulpflicht ? Das war für Roma-Kinder zu Beginn des Schulprojektes nur eines von vielen Fremdwörtern. Doch mittlerweile scheint das Roma-Projekt Wurzeln zu ziehen: Die Schüler stecken andere Kinder mit ihrer Begeisterung für das Lernen an. Sie verteilen den Dünger namens Bildung in der ganzen Familie. Eine große Chance für uns! Denn vielleicht wollen Roma in unserem kinderarmen Saarland Wurzeln schlagen? Dem Vorurteil, bildungsfern zu sein, haben die Roma jedenfalls schon entgegengewirkt.