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Bundesverband freie darstellende Künste über freie Szenen in Deutschland

Interview : Warum es der Kultur andernorts besser geht

Blick über den Tellerrand. Was der Bundesverband Freie Darstellende Künste in Berlin zu den Saarbrücker Problemen zu sagen hat.

Seit Wochen und Monaten beschäftigt uns die Frage, wie es weitergehen soll mit der Saarbrücker freien Szene. Zu wenig Geld, ungeklärte Fragen über dessen Verteilung, keine ausreichenden Spielstätten. . . Es gibt viele Baustellen – und das auch schon ganz ohne die zusätzlichen Corona-Probleme. Da hilft manchmal ein Blick über den Tellerrand. Zum Beispiel, um zu sehen, wie die Politik andernorts mit der freien Szene umgeht. Dazu haben wir Stephan Behrmann, einen der beiden Geschäftsführer des Bundesverbands Freie Darstellende Künste (BFDK), befragt und etwa erfahren, dass es in immer mehr Städten große Produktionshäuser gibt. Und wie wichtig es ist, dass die Politik den Kulturschaffenden auf Augenhöhe begegnet.

Frage an den Fachmann: Abgesehen von Berlin, wo ist die freie Theaterszene besonders lebendig in Deutschland?

Stephan Behrmann: Neben Berlin ist die freie Theaterszene besonders lebendig in Nordrhein-Westfalen, Hamburg, Brandenburg und Baden-Württemberg. Aber es gibt in vielen Städten und Regionen spannende Entwicklungen, die zeigen, welche Bedeutung die freie Szene hat. Ein neues Produktionshaus in Thüringen, ein neuer Ort für das Produktionshaus Lofft in Leipzig, spannende Tanzhäuser in Mannheim und Bremen – das alles zeigt, es bewegt sich viel und die Szene wächst.

Können Sie sagen, warum die freie Szene in den genannten Regionen so besonders aktiv ist?

Stephan Behrmann: Die Bedingungen entwickeln sich dort gut, wo die Szene, ihre Interessenvertretung, Politik und Verwaltung in einem ständigen partnerschaftlichen Austausch sind. Wo gemeinsam an einer Verbesserung der Fördersystematik gearbeitet wird. Dazu braucht es bei Politik und Verwaltung ein Verständnis für die Arbeitspraxis der freien Szene und ein Bewusstsein dafür, dass freie Künste – die sowohl Grundversorgung als auch Innovation leisten – ein Standortfaktor sind.

Aber es gibt  trotzdem auch große regionale Unterschiede.

Stephan Behrmann: Ja, es gibt regional große Unterschiede. Eine wichtige Rolle spielt zum Beispiel auch die Tradition freien Arbeitens. In NRW, Hamburg und Berlin finden sich starke Wurzeln vieler wichtiger freier Gruppen, die bis in die 70er Jahre zurückreichen. In Brandenburg hat die freie Szene nach der Wende und den Schließungen vieler Stadttheater die Aufgabe übernommen, Theater anzubieten. Metropolen ziehen die Kunstproduktion an. Kunst-Hochschulen haben eine Ausstrahlung auf die Kunstszene. Das soll keineswegs heißen, dass Orte, an denen all diese Faktoren nicht oder nur bedingt gegeben sind, verloren sind für eine Entwicklung der freien Szene.

Aber da kommt dann wahrscheinlich das Engagement der Politik ins Spiel und das liebe Geld?  

Stephan Behrmann: Einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der Szenen hat das Zusammenspiel aus Landes- und städtischer Förderung. Es gibt keine belastbaren Zahlen, wie hoch die Förderung der Freien Szene pro Kopf  optimalerweise sein muss. Das ist eine komplizierte Rechnung: Ländern wie Berlin, mit einer hohen Förderung, fällt es extrem schwer, überhaupt festzustellen, was alles zur Förderung der freien Szene zu rechnen ist.

Was würden Sie für das Saarland schätzen?

Stephan Behrmann: Um für ein kleines Bundesland wie das Saarland einen realistischen Jahresbedarf anzusetzen, ist schätzungsweise von einer jährlichen Summe zwischen  einer bis 1,5 Millionen Euro auszugehen. Dies schließt Struktur-Kosten zum Beispiel für den Betrieb eines Produktionshauses und die Kosten für die Produktionen mit ein.  

Sie arbeiten als Interessenvertretung der freien Künstlerinnen und Künstler, haben eine jahrelange  Erfahrung. Was ist nach Ihrer Einschätzung der Königsweg, wenn man als Kommunalpolitik die freie Szene seiner Stadt fördern und entwickeln will?

Stephan Behrmann: Der wichtigste Schlüssel ist die ernst gemeinte Zusammenarbeit von Politik und Verwaltung mit einer repräsentativen, also gewählten Interessenvertretung der Szene. Ernst gemeint heißt dabei: auf Augenhöhe, mit Vertrauen und Übertragung von Verantwortung. Ein Zeichen dass eine Zusammenarbeit ernst gemeint ist, wäre zum Beispiel auch die strukturelle Förderung einer Geschäftsstelle.

Was sollte bei einer solchen Zusammenarbeit auf Augenhöhe idealerweise herauskommen?

Stephan Behrmann: Zum Beispiel könnten gemeinsam differenzierte, zeitgemäße Förderstrukturen entwickelt werden, die professionelles Arbeiten auf Dauer möglich machen. Und natürlich braucht es eine entsprechende Finanzausstattung der Fördertöpfe. Also: Es braucht entwickelte Strukturen und Geld.

Das hiesige Netzwerk Freie Szene kennen Sie ja auch und die Probleme vor Ort. So ganz unbelastet aus der Ferne betrachtet: Was wäre Ihr Rat an eine städtische Kulturpolitik in einem Haushaltsnotlageland wie dem Saarland.

Stephan Behrmann: Die Haushaltsnotlage in einer Kommune ist nicht zwingend ein Grund, nichts oder kaum etwas für die freie Szene zu tun. Die freie Szene sichert kulturelle Grundversorgung, sie ist mobil, sie verbindet Stadt und Land. Sie ist Treiber für den grenzübergreifenden Austausch von Ideen und Konzepten – all das ist Teil einer lebendigen (Stadt-)Gesellschaft. Die Attraktivität einer Stadt bemisst sich auch an einem breiten Kulturangebot, das nicht mit der Feststellung abgehakt sein kann, dass es ein Staatstheater gibt. Aber Rat aus der Ferne ist im Grunde wenig hilfreich. Gerade in Kenntnis des Netzwerkes Freie Szene wäre es wichtig, dass die Politik bei Ihnen in Saarbrücken die bestehende Expertise in der Szene nutzt. Das wäre mein Rat.

Oder auch mal ein Blick über den Tellerrand?

Stephan Behrmann: Unbedingt! Das wäre eine weitere Empfehlung: Unter Einbindung des Netzwerks einige Best-Practice-Beispiele deutschlandweit anzuschauen. Zum Beispiel, was kommunale Fördersysteme anbelangt und/oder den Betrieb eines Sparten übergreifenden Produktionshauses.

In den meisten Bundesländern wird die Vergabe der öffentlichen Mittel für die Kulturszene über eine Jury geregelt. Wie sind Ihre Erfahrungen damit? Ist es das ideale Modell oder gibt es irgendwo im Land noch bessere Ideen?

Stephan Behrmann: Entwickelte Fördersysteme arbeiten  meistens mit einem Jurysystem. Dies schafft Akzeptanz in der Szene. Dies sorgt umgekehrt auch für eine weitere Entwicklung der Szene. Es gibt ganz unterschiedliche Jurymodelle. Wichtig sind eine Kenntnis der Arbeitsweise in freien Strukturen und eine Beschäftigung mit der Szene vor Ort. Bei der Besetzung sollte die Interessenvertretung, also in Ihrem Fall das Netzwerk freie Szene, idealerweise beratend mit einbezogen werden.

Also nicht so wie viele Jahre in Saarbrücken praktiziert, dass der Kulturausschuss nach einer Vorlage der  Verwaltung beschließt?

Stephan  Behrmann: Eine Fach-Jury kann helfen, dass die Mittelverteilung sachgerechter erfolgt, als wenn die Kulturverwaltung selbst die Mittelverteilung übernimmt. Die Erfahrungen sind durchweg positiv, wenngleich die Verteilung zu knapper Mittel automatisch Probleme produziert.

Die Kultur steckt wegen Corona gerade in einer existenzbedrohenden Krise. Was bekommen Sie für Rückmeldungen von Ihren Landesverbänden? Werden wir nach Corona unsere Kulturszene noch wiedererkennen?

Stephan Behrmann: Die Situation ist in ganz Deutschland angespannt. Die Bundeshilfen von „Neustart Kultur“ verschaffen vielen Kunstschaffenden zwar eine Atempause, aber die Wirtschaftshilfen des Bundes gehen weitestgehend an der Arbeitsrealität der Szene vorbei. Wenn auf der Landes- und Kommunalebene keine flankierende Unterstützung für diese ohnehin oft prekär arbeitende Szene geleistet wird, wird die Kulturszene in wenigen Monaten definitiv nicht mehr wiederzuerkennen sein.

Die Bundesländer gehen ja aber sehr unterschiedlich mit der Krise und ihren Kreativen um. Was würden Sie sagen, wo finden die Kulturschaffenden besonders effektive Hilfe? Welches Bundesland würden Sie umzugswilligen Kreativen also sozusagen empfehlen?

In Düsseldorf gibt es für die freie Szene das FFT. Aber nur noch wenige Monate, dann ist ein ganz neu gestaltetes Produktionhaus bezugsfertig, das KAP1 am Konrad-Adenauer-Platz 1. Foto: FFT/Robin Junicke
Der große Saal des EinTanzHauses. Das Produktionshaus wurde 2017 in einer denkmalgeschützten Kirche in Mannheim gegründet. Foto: MOI TOI
Das Hau – Hebbel am Ufer – in Berlin gehört zu den bekanntesten Produktionshäusern der Republik. Foto: HAU/Marcus Lieberenz/bildbuehne.de
Fast schon ein Klassiker unter den Produktionshäusern: Der Frankfurter Mousonturm wurde 1988 als eines der ersten Häuser gegründet. Foto: Jörg Baumann

Stephan Behrmann: NRW, Brandenburg, Berlin, Bremen, Hamburg wären aktuell meine Empfehlung. Dort  haben Länder und Kommunen dafür Sorge getragen, dass die Situation abgefedert ist. Hier bestehen stabile Strukturen. Es gibt Wirtschaftshilfen für Solo-Selbstständige, und zwar Wirtschaftshilfen, die einen fiktiven Unternehmer*innen-Lohn einschließen. Es gibt längerfristige Stipendienprogramme, und es herrscht ein kulanter Umgang mit gewährter und zukünftiger Förderung. Das sind geeignete Mittel zur Stützung der freien Szene.