Boedecker-Kreis : Buch erzählt vom Glück in der Brotdose

Autor Thilo Reffert stellt sein aktuelles Kinderbuch mit Unterstützung des Friedrich-Bödecker-Kreises vor.

Der Verlag wollte seiner Brotdose am liebsten Augen verpassen. So Comic-Augen halt. „Nö“, setzte sich Thilo Reffert in Sachen Illustration durch, „es reicht, wenn sie eine Seele besitzt.“ Was zweifellos der Fall ist. Sonst würde sie schwer an diesem Schulvormittag in Bübingen Max, Cristobal, Nia, Rosa, Augusto und die 35 anderen Kinder in ihren Bann ziehen.

Dabei ist diese grüne Brotdose eigentlich todtraurig. Seit Wochen liegt sie mutterseelenallein in einer dunklen Schublade. Wahrscheinlich kommt bald „der Große Recycling“ und holt sie ab, mutmaßt die gesprächige Plastikschachtel. Wenn irgend möglich, würde sie gern als Quietsche-Entchen wiedergeboren werden. Aber vorher erzählt sie noch schnell ihr Leben. Das begann in einer Tiefziehmaschine im chinesischen Guangzhou. Später, in einem Lagerraum irgendwo in Deutschland, mobben die „wichtigen“ Schulutensilien wie Federmäppchen („eine Brotdose mit Reißverschluss?“) und Turnbeutel den gewöhnlichen Küchenbehälter. Der ja, wenn überhaupt, nur Pause kann und sonst nix. Von wegen: Erstklässer Ludwig liebt seine kleine Brotdose wie verrückt und nutzt sie rege.

Reffert, dreifacher Vater und routinierter Stullenschmierer, trägt das mit einer Mischung aus Ulk und Ernsthaftigkeit vor. Jede Frage ist ihm gleich wichtig, auch die absolut unvermeidliche, wie man Schriftsteller wird: „Ich hab viel ausprobiert, Fußball gespielt, Theaterstücke und Hörspiele geschrieben“, Literatur studiert und vieles mehr. Letztlich sei „alles Zufall“ gewesen. Sein erstes Kinderbuch verfasste der gebürtige Magdeburger mit 40, „da hören andere schon wieder auf“. Wie viel das neue wiegt? 245 Gramm. Darf man ihn duzen? „Ich euch: ja. Und ihr sagt: Sie.“

Für die Dritt- und Viertklässler sei es der erste Autorenkontakt, verrät Klassenlehrerin Katrin Rupp. Wiewohl Lesen natürlich immer Thema ist: „Ich habe eine Gruppe, die liest super viel“, ein Buch pro Woche Minimum. Denen gegenüber stehen die Leseignoranten. Doch auch die lauschen heute gebannt. „Das liegt am Hörbuch-Charakter. Das spricht diese Kinder wahnsinnig an und greift schon stärker“, weiß Katrin Rupp. Sie selbst schätzt Lesungen total: „Ich bin jedes Mal begeistert.“ Weshalb ein dickes Dankeschön an den Friedrich-Bödecker-Kreis (FBK) geht. Der feiert im Saarland gerade sein 30-jähriges Bestehen: In der Jubiläumswoche ist außer Thilo Reffert auch Manfred Theisen auf Lesetour.

„Was ick jut finde“, sagt Reffert, und da hört man doch, dass er im Speckgürtel Berlins lebt: die Kombination aus Lese- und Autorenförderung. Für ihn sind Lesungen Begegnungen, der Mittelteil mit freiem Erzählen „ganz wichtig für uns Autoren“. Lernen die Kinder doch so „Persönlichkeiten kennen“, die motivieren, mal ein Buch zur Hand zu nehmen. Er selbst engagiert sich im Vorstand des FBK Brandenburg.

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Jetzt noch mal raten: Was wohl das Beste ist, was Ludwigs Dose transportieren darf? „Süßigkeiten“ ruft jemand, „Salamibrote“ ein anderer. Nein, es ist „Glück“, jenes nämlich, das Ludwigs Papa dem Sohnemann gern vor Tests und Gedicht-Aufsagen-Müssen mitgibt. Exakt fünf Gramm, die heute jedes Kind in Form eines Kinoabreißbillets mit nach Hause nehmen darf. Ein Happy End gibt es auch für die kleine Brotdose: Als die Schulferien rum sind, darf sie mit Ludwig wieder zur Schule gehen. Was für ein Glück!

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