Brunnenserie, Teil 5 : An diesem Brunnen scheiden sich die Geister

„Mutter Saar und ihre Kinder“ ist der Titel des Kunstwerks auf dem Malstatter Markt. Es gefällt aber längst nicht jedem.

Ein Brunnen durfte in früheren Jahrhunderten auf keinem Marktplatz fehlen. Bevor es Wasserleitungen gab, versorgten sich die Stadt- und Dorf-Bewohner täglich am meist zentralen Marktbrunnen mit dem Lebenselixier. Bauern und Händler, die auf den Wochenmärkten ihre Waren anboten, tränkten dort ihre Lasttiere und das Schlachtvieh.

Nebenbei kam man ins Gespräch, tauschte Neuigkeiten aus und schloss am Brunnen vielleicht noch manche Geschäfte ab. So kam denn wohl auch die Stadt Saarbrücken, als sie Ende der 1970er-, Anfang der 1980er- Jahre an der Breite Straße eine neues Gebäude-Ensemble mit einem – leeren – Platz in der Mitte bauen ließ und das Ganze „Malstatter Markt“ nannte, auf die Idee: Wir brauchen hier noch einen Brunnen, um das Ganze zu beleben.

Und weil man nicht dort nur ein simples Wasserspringbrunnen-Becken, sondern ein richtiges Kunstwerk hinstellen wollte, suchte man nach einem geeigneten Künstler. Die Wahl fiel auf den saarländischen Bildhauer Oswald Hiery (geboren 1937 in Ensdorf, gestorben 2016 in Wadgassen-Ihn).

Der schuf dann aber in einem Wasserbecken eine Familien-Szenerie, die, obwohl aus Bronze, so viel pralles Leben ausstrahlt, dass es vielen Leuten viel zu viel war. Da liegt die „Mutter Saar“ splitternackt gemütlich auf einem Sofa, gießt den Inhalt einer Weinflasche einfach auf den Boden. Dass hinter ihr der Punk abgeht, scheint die Frau auch kein bisschen zu kümmern.

Da stapeln sich auf einem sehr hohen Tisch die Teller, Schüsseln und Becher noch vom Essen. Und unten drunter toben ihre fünf Kinder: Das Baby greint, zwei spielen mit dem Ball, und die große Schwester streckt mit hinterlistiger Miene ihre Arme nach dem kleinen Bruder, als wolle sie ihn gleich ans Tischbein schubsen. Mit dieser „Mutter Saar und ihre Kinder“, soll Hiery damals gesagt haben, wolle er den „kleinen Leuten“ ein Denkmal setzen. Doch nicht alle Menschen im traditionellen Arbeiterstadtteil Malstatt nahmen diese Milieu-Studie mit dem Untertitel „Bei Fissäls hinterm Sofa“ mit Humor. Man fühlte sich vorgeführt. Zumal es sogar, wie man von Vertretern der Gemeinwesenarbeit erfährt, im Stadtteil eine reale kinderreiche Familie mit Hausnamen Saar gab, die weithin bekannt war.

Auch die Absicht, mit dem Brunnen, in dem munter das Wasser herabsprudelte, Leben auf den Markt zu bringen, funktionierte nur begrenzt. Rund um das Becken blieb der Platz über Jahre meistens leer. Auch eingekauft wurde hier zu wenig. So schlossen die kleinen Geschäfte rings um den Platz nach und nach, Büros zogen ein und hängten sofort Jalousien in die Fenster, um sich abzuschotten. Und wenn dann wirklich einmal Kinder vom Wasser mit den tollen Figuren angezogen wurden und auf dem Platz spielten, schimpften etliche Anwohner über die ungewohnte Lautstärke. Auch für Gerhard Ruloff, der in der Stadtverwaltung für die Wartung der Brunnenanlagen im Straßenraum zuständig ist, ist dieser hier einer der größten Kummerbrunnen. Die Klinkersteine, mit denen das Becken ausgebaut ist, seien nicht sehr wasserfest, erzählt er. Durch die undichten Stellen laufe das Wasser dann schon mal in die darunter liegende Tiefgarage. Häufig müssten daher Klinker ausgetauscht und Fugen neu ausgefüllt werden, allein im vergangen März musste die Stadt laut Ruloff dafür 3500 Euro bezahlen. 2002 hatte der Brunnen Schäden, deren Kosten man auf 68 000 Euro veranschlagte. Damals war der Brunnen für lange Zeit stillgelegt. Mindestens einmal im Jahr, sagt Ruloff, müsse er zudem die Brunnenreiniger zur Extraschicht losschicken, weil wieder jemand meinte, er müsse Mutter Saar und ihren Kindern mit einer Packung Waschpulver ein Schaumbad verpassen.

Ein kleines Kind, das weint — ein Detail des Brunnens. Foto: Iris Maria Maurer
„Mutter Saar“ kippt eine Weinflasche aus. Foto: Iris Maria Maurer

Manche haben auch wirklich gute Ideen. 2011 füllte die Künstlerin Bernardete Fernandes das Becken mit luftgefüllten Plastik-Kissen, auf denen Kinder nach Herzenslust toben konnten. Geht man dieser Tage abends mal zum Malstatter Markt, so stellt man fest: So unlebendig ist er gar nicht. Noch nach halb neun kann man hier kleine Kinder ihre Patschhändchen ins Wasser tauchen oder Roller fahren sehen, während ihre Eltern auf dem Markt promenieren, wie man es sonst eher in südlichen Ländern erlebt. Mag sein, dass der Zuzug von Migranten zu einer neuen Nutzung des öffentlichen Raums beiträgt. Auch die Draußen-Tische der Pizzeria sind gut gefüllt. Man sitzt, trinkt und isst und guckt zum Wasser. Ohne den sprudelnden Milieu-Brunnen wäre die Aussicht doch eher öde.