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Mit den mysteriösen Frauennamen fing es an

Das ist die älteste Karte aus der Sammlung von Manfred Hahn, sie stammt aus dem Jahr 1897.
Das ist die älteste Karte aus der Sammlung von Manfred Hahn, sie stammt aus dem Jahr 1897.
Brebach. Man kann die Geschichte eines Ortes auf vielfache Weise erzählen. Der ehemalige Brebacher Stadtteilmanager Manfred Hahn tut es mit 62 Ansichtskarten. 2007 hat er damit begonnen. Martin Rolshausen

Manfred Hahn stand vor einem Rätsel. Wer waren Alice, Berthe, Denise, Georgette, Irma, Irene, Renée? Und was hatten die sieben Frauennamen mit den Buchstaben und Zahlen zu tun, die daneben stehen? Und was wollten Oskar Burgard und Wilhelm Gressung diesem Monsieur René Bersot mitteilen auf ihrer Ansichtskarte mit Schloss Halberg, die sie am 29. Januar 1914 von Brebach nach Paris schickten?


Manfred Hahn löste das Rätsel. Bei den Namens- und Buchstabenkombinationen handelte sich um eine Platz sparende Verschlüsselung, die ein weltweiter Ansichtskarten-Tauschverband nutzte, um Bestellungen und Angebote zu übermitteln. Manfred Hahn kam auf einigen Umwegen durch Archive und Bibliotheken schließlich dahinter. Vor allem aber haben ihn die Sammler aus einer anderen Epoche mit ihrer Leidenschaft angesteckt. Manfred Hahn begann, Postkarten mit Motiven aus Brebach zu sammeln.

130 hat er zusammengetragen, 62 davon zeigt er in einem Buch, das in diesen Tagen erschienen ist. Die älteste stammt aus dem Jahr 1897, die jüngste aus dem Jahr 1969. Sie zeigen, "was in Brebach von Bedeutung war", sagt Hahn: "Das Schloss, die Hütte, die Kirchen, das Krankenhaus und die wichtigen Straßenzüge."



Die Karten "geben ein Zeugnis von der Entwicklung des Ortes, den politischen und gesellschaftlichen Ereignissen und zeigen zudem in Einzelfällen auf, wer in Brebach zu Besuch war und an wen die Karten adressiert wurden", erklärt Hahn, der von 2007 bis 2013 Stadtteilmanager in Brebach war und nun im Stadtplanungsamt arbeitet.

Es sei spannend, was ein paar Karten erzählen können. Am 28. Dezember 1899 zum Beispiel wurde eine Karte von Brebach nach Braunschweig versandt. Absenderin war Bertha Freiin von Stumm, Empfängerin die Baronin von Recum, die als Mary Howard am 22. August 1868 in Maryland/USA als Tochter des englischen Diplomaten Sir Henry Howard geboren wurde und eine klassische Weltbürgerin war, wie Hahn erklärt.

In London traf sie den deutschen Adligen Freiherr Rudolf von Recum, den sie kurze Zeit später heiratete und mit ihm bis 1910 in Braunschweig lebte. Nach seinem Tod zog sie wieder durch die Welt. Ende der 30er Jahre verließ sie Deutschland und siedelte zu einem ihrer Söhne nach New York über. Der gesamte Nachlass der Diplomatenfamilie inklusive des Briefwechsels von Mary Howard alias Baronin von Recum wird in der Library of Congress in Washington aufbewahrt. Darunter auch Briefe an ihre Freundin in Brebach , fand Hahn heraus.

"Eine Art Offenbarung beziehungsweise Selbstauskunft" sei eine Karte vom 17. Juni 1940. Geschrieben hat sie der Brebacher Pfarrer Detzler an seine Gemeindeglieder in der Heimat. "Er schreibt aus seinem Exil in Erfurt ins Saargebiet. In der benutzten Sprache scheint deutlich die Identifikation der katholischen Kirche mit den politischen Zielen des Naziregimes durch", sagt Hahn.

Es geht aber nicht nur um Persönlichkeiten. Auf anderen Karte findet man nur "lapidare Grußworte und Wetterbeobachtungen, Ortsbeschreibungen", sagt Manfred Hahn. Er zeigt im Buch jeweils beide Seiten der Karten: den Text und das Ansichtskartenmotiv. Deren Rätsel scheinen alle gelöst. Aber wer Manfred Hahn kennt, ahnt, dass ihn bald das nächste Rätsel in die Archive und Bibliotheken treibt.

Zum Thema:

Auf einen Blick Das Buch mit dem Titel "Ein Ort, eine Hütte, ein Schloss - Brebach im Spiegel seiner Ansichtskarten" gibt es in der Drogerie Degen in Brebach , Saarbrücker Straße 86, oder beim Autor unter der E-Mail manfr.hahn@web.de zum Preis von Euro 29,90 Euro. ols

Diese Karte aus der Provinzialstraße wurde 29. August 1910 abgeschickt.
Diese Karte aus der Provinzialstraße wurde 29. August 1910 abgeschickt.
Manfred Hahn
Manfred Hahn
Eins der beliebtesten Motive: das Schloss Halberg. Diese Karte wurde am 13. Mai 1939 verschickt
Eins der beliebtesten Motive: das Schloss Halberg. Diese Karte wurde am 13. Mai 1939 verschickt
Weltkriegspropaganda. Diese Karte ist vom 19. Februar 1915 in Brebach datiert. Fotos: Archiv Hahn
Weltkriegspropaganda. Diese Karte ist vom 19. Februar 1915 in Brebach datiert. Fotos: Archiv Hahn