Die Verrückten in der Riesenstraße

Im Januar 1974 fiel der letzte Vorhang in den Saar-Theater-Lichtspielen in der Brebacher Riesenstraße. Der Saal schlummerte danach vor sich hin, war unter anderem Lagerstätte für alte Radios. Nun hat ihn der Besitzer ganz aufgegeben.

Bach zeigte auch Filme in italienischer und türkischer Sprache für die Gastarbeiter.
Manfred Hahn.
Aus dem „Westmark“ wurde nach dem Krieg das Saar-Theater.
Lothar Bach.
Der Saal hatte 500 Plätze. Fotos: Archiv Manfred Hahn.

Vielleicht musste Manfred Hahn einfach auf Fritz Bach stoßen. Beide gelten als etwas verrückt - im positiven Sinn. Manfred Hahn hat als Stadtteilmanager in Brebach den Gießereiduft als Parfüm herstellen lassen, ein Grab in seinem Büro aufgebaut, um an einen toten Maler zu erinnern und eine Band ein legendäres Beatles-Konzert auf einem Brebacher Supermarktdach nachspielen lassen.

Fritz Bach war Elektriker und Ankerwickler - und verrückt nach Kino. "Nach seinem ersten Berufsleben als Schausteller mit ,Bachs Eispalast‘ und Schießbude im Südwesten unterwegs, wandte er sich in den 30er Jahren dem Kinogeschäft zu", sagt Hahn. Damit beginnt eine große Brebacher Kinogeschichte, die Hahn in den vergangenen Monaten dokumentiert hat.

Fritz Bach betrieb ab 1931 Kinos in Schönenberg-Kübelberg/Pfalz, in Kleinblittersdorf (Dom-Lichtspiele), in Bischmisheim im Gasthaus Schwalbe, bevor er 1936 ein Haus in der Brebacher Riesenstraße kaufte und aus dem Tanzsaal dort das Westmark-Theater machte, ein Kino mit rund 500 Plätzen, einer Loge im ersten Stock, einer Leinwand von zwölf Metern Bildbreite und modernster Technik.

Das Haus in der Riesenstraße 13 wurde 1904 von dem Gastwirt Adolf Ries gebaut. Ein 1908 nachträglich integrierter Veranstaltungsraum diente mal als Tanzsaal, dann als Theater und dann dem Freien Turn- und Sportverein Brebach-Neufechingen als Turnhalle. Bach betrieb das Kino mit seiner Frau Martha und seiner Schwester Lina Reith bis 1943. Nach dem Krieg wurde es 1949 als "Saar-Theater" neu eröffnet. Mit großem Erfolg. "War abends Programmwechsel, so kam es regelmäßig zu Verkehrsstaus . 500 Besucher verließen den Kinosaal über den Nebeneingang, während weitere 500 an der Kasse auf den Einlass warteten. Die Straßenbahn setzte Sonderfahrten an", erzählt Hahn. Das Kino lockte aber nicht nur Besucher, sondern auch Filmstars an. Gert Fröbe kam, Paula Wessely und Dieter Borsche auch.

Der Sohn von Fritz Bach, der Radio- und Fernsehtechniker Lothar, und seine Frau Alina, sind Mitte der 50er Jahre mit ins Kino-Geschäft eingestiegen. Die beiden haben Hahn einige Geschichten erzählt. Die Geschichte mit dem Kassenhäuschen zum Beispiel.

"In den 50er Jahren - das belegen alte Flurkarten - verlief die Ortsgrenze zwischen Brebach und Fechingen genau zwischen Bachs Wohnhaus und dem angrenzenden Kino", berichtet Hahn. "Die Lustbarkeitssteuer - heute: Vergnügungssteuer - wurde an die Gemeinde in Fechingen bezahlt. Es galt die Regel: Die Steuer war dort fällig, wo die Eintrittskarte verkauft wurde - und das war auf Fechinger Bann", erklärt der ehemalige Stadtteilmanager, der inzwischen beim Stadtplanungsamt arbeitet.

Als nun die Steuer von 15 auf 20 Prozent erhöht wurde, ließ Fritz Bach sich ein tragbares Kassenhäuschen zimmern und stellte das vor sein Haus in die Riesenstraße. "Da die damals reiche Gemeinde Brebach keine Lustbarkeitssteuer erhob, war das ein cleverer Schachzug. Fechingen nahm den Beschluss zurück, Fritz Bach baute sein Kassenhäuschen wieder ab", erzählt Hahn.

Ums Geld ging es auch im letzten Kapitel der Brebacher Kinogeschichte. Hahn: "Die Ölpreise waren innerhalb kurzer Zeit von neun auf 30 Pfennige pro Liter Heizöl gestiegen. Der Saal konnte nicht mehr geheizt werden." Und so legte Walter Schwander, 25 Jahre lang Kinovorführer, im Januar 1974 zum letzten Mal eine Filmrolle ein. Der Filmprojektor und die Kinokasse sind vor Jahren als Leihgabe an das Regionalgeschichtliche Museum in Saarbrücken gegangen. Lothar Bach hat die Räume lange als Lager für seine alten Radios benutzt. Mit diesem Jahr endet auch diese Nutzung. Die Familie hat das Haus in der Riesenstraße aufgegeben, sagt Hahn.

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