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Dagmar Schackmann kümmert sich in der Sozialberatung um arme Brebacher

Sozialberatung : Diakonie zeigt in Brebach Wege aus der Armut

Mit dem drohenden Aus für die Gusswerke Saarbrücken bangen viele Menschen um ihre Existenz. Die Gemeinwesenarbeit hilft ihnen.

(red) „Soziale Ungerechtigkeit ist heutzutage deutlich sichtbarer als etwa noch in den 1950er-Jahren“, sagt Stefan Ortleb. Damals sei keiner reich gewesen und die Armut nicht so aufgefallen. „Heute haben wir eine Armut im Reichtum, die heraussticht.“ All das weiß Ortleb nur zu gut, schließlich hat er in seinem Arbeitsleben reichlich Erfahrung damit gesammelt. Seit 1986 ist er für die Diakonie Saar im Saarbrücker Stadtteil Brebach tätig.

Vor kurzem hat er die Zuständigkeit für die Sozialberatung im „BürgerInnenZentrum“ an Dagmar Schackmann übergeben. Sie erkennt einen weiteren Unterschied zu früher: „Heute haben wir weniger eine klassische materielle Armut, als vielmehr eine Chancen- und Teilhabearmut.“

Ortleb und Schackmann erleben soziale Ungleichheit und damit Ungerechtigkeit tagtäglich in ihrem Berufsalltag. Mit weit mehr als 50 Prozent hat Brebach einen der größten Ausländeranteile aller Saarbrücker Stadtteile. Dementsprechend leben dort Menschen aus vielen Kulturen.

„Es ist ein harmonisches Neben-, aber eben kein Miteinander“, berichtet Ortleb, der um die vielen Herausforderungen vor Ort weiß. Schließlich sind hier große Firmen ansässig, darunter die Gusswerke Saarbrücken, ein Automobilzulieferer, der geschlossen werden soll und früher als Halberg Guss bekannt war.

„Viele Menschen verlieren ihre Arbeit, das bekommen wir zu spüren, die Situation wird dann schlimmer“, sagt Ortleb, und Schackmann fügt hinzu: „Die Menschen sind nach solchen Erlebnissen oft psychisch erschöpft.“ Dann kommt die Sozialberatung der Diakonie ins Spiel.

Schackmann arbeitete bisher in der Seniorenarbeit sowie in der „Frühen Förderung und Bildung“, einem Teil der Gemeinwesenarbeit. Nun hat sie die Sozialberatung übernommen. Ihre Erfahrungen zeigen, dass soziale Ungerechtigkeit schon ganz früh beginnt. „Teilhabe ist im Grunde von der Geburt an nicht in vollem Umfang möglich.“ So sei es aktuell schwierig, überhaupt einen Kindergartenplatz zu bekommen, was wiederum den Zugang zu Bildung erschwere.

Ortleb sieht eine wesentliche Ursache in den politischen Rahmenbedingungen. Ein Problem sei der Wohnungsmarkt. So könnten sich arme Menschen häufig nur in bestimmten Stadtteilen niederlassen. „Das führt zu einer Ghettoisierung und wiederum zu Ausgrenzung und geringeren Teilhabechancen.“ Ortleb und Schackmann sind sich einig: Wer keinen vollen Zugang zu Bildung hat und auch örtlich ausgegrenzt wird, hat es schwer, sich aus der Armutsspirale zu befreien.

Armut, Hunger und geringere Teilhabechancen haben nach Ansicht der Sozialberater nichts mit der Herkunft zu tun. Vielmehr lägen die Ursachen in unsicheren Lebensverhältnissen wie Arbeitslosigkeit. Oft schämten sich die Betroffenen haber, Hilfe zu holen. Deshalb seien Respekt und Wertschätzung unabdingbar.

Und es gelte, gut zuzuhören. Schließlich handele es sich um eine Lebenswelt, die für einen mittelständischen Sozialberater oder eine Sozialberaterin schwer greifbar sei. „Der Betroffene ist der Experte“, nennt Ortleb das Wichtigste für die Konzept der Gemeinwesenarbeit. Denn diese soll Menschen daran beteiligen, den Stadtteil so zu verändern, dass sie sich wohlfühlen. „Es geht um eine aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben“, fügt Schackmann hinzu. Dabei müsse aber auch berücksichtigt werden, was jeder Einzelne leisten könne.

Ein wichtiger Baustein auf dem Weg in ein besseres Leben sei die Existenzsicherung, etwa indem Leistungsansprüche geklärt werden, damit die Betroffenen erhalten können, was ihnen zusteht. „Das bildet oft die Basis, um an anderen Stellschrauben zu drehen“, erklärt Schackmann. Sie sieht die Arbeit der Diakonie in Brebach als Präventionskette, die Bewohnern des Stadtteils über ganz lange helfen soll.

Schließlich reicht das Angebot vom Babyclub bis zur Seniorenarbeit. Die Betroffenen werden bei Anträgen auf Erziehungsgeld, Wohngeld oder Beihilfen unterstützt. Und falls nötig, werden sie an weitere Hilfsangebote vermittelt. Außerdem fördern die Gemeinwesenarbeiter nachbarschaftliches Engagement und Bürgerbeteiligung. All diese konkreten Hilfen sollen dazu beitragen, soziale Ungerechtigkeit zu reduzieren.

 Damit dies auf Dauer gelingt, sieht die 52-Jährige sich und ihre Kolleginnen und Kollegen zudem in der Pflicht, ein Sprachrohr für die von Armut und Ungerechtigkeit betroffenen Menschen zu sein. „Wir müssen die Probleme in die Politik tragen.“

Darüber hinaus könne jeder Einzelne seinen Teil zu einer gerechteren Welt beitragen. „Wichtig ist es, Augen und Ohren offen zu halten, sich zu engagieren und Zivilcourage zu zeigen“, sagt Schackmann. Ortleb ist es ein Anliegen, Begegnung zwischen den Menschen zu schaffen, um Berührungsängste abzubauen. „Das kann ebenfalls zu mehr sozialer Gerechtigkeit beitragen.“