| 20:55 Uhr

1925 Vermisste im Saarland 2017
Von Menschen, die spurlos verschwinden

Die Diensthundestaffel bei einer umfangreichen Suchaktion 2007 in Bischmisheim. Auch bei der Suche nach einer 91-Jährigen, die 2004 aus einem Seniorenheim verschwand, war die Staffel im Einsatz – und erfolgreich: Ein Hund entdeckte die Frau in einem Gebüsch.
Die Diensthundestaffel bei einer umfangreichen Suchaktion 2007 in Bischmisheim. Auch bei der Suche nach einer 91-Jährigen, die 2004 aus einem Seniorenheim verschwand, war die Staffel im Einsatz – und erfolgreich: Ein Hund entdeckte die Frau in einem Gebüsch. FOTO: BeckerBredel
Bischmisheim. Immer wieder werden Menschen im Saarland als vermisst gemeldet. Wie viele Fälle werden pro Jahr registriert? Und wie läuft eine Suche ab? Wir haben bei der Polizei nachgefragt. Von Sarah Konrad

Die 91-Jährige war spurlos verschwunden. Ihre Gehhilfe ebenfalls. Ein Schreck für die Angestellten des Bischmisheimer Seniorenheims, in dem die Frau wohnte.


Die Mehrzahl der vermissten Personen taucht rasch wieder auf. Zwar gebe es zur durchschnittlichen Vermisstendauer im Saarland keine Statistik. „Aufgrund hier durchgeführter Berechnungen kann jedoch konstatiert werden, dass sich im Jahr 2017 rund 94 Prozent aller Fälle innerhalb eines Monats erledigt hatten“, sagt ein Sprecher des Landespolizeipräsidiums (LPP) Saarbrücken.

Damit die Polizei einen Erwachsenen überhaupt als vermisst registriert, müssen mehrere Bedingungen erfüllt sein. Die Personen müssen ihren gewohnten Lebenskreis verlassen haben und ihr Aufenthaltsort darf nicht bekannt sein. Zusätzlich muss die Annahme vorliegen, dass Gefahr für Leib oder Leben besteht. Der letzte Faktor fällt bei Minderjährigen weg. Hier gehen die Ermittler von vornherein davon aus, dass sie in einer bedrohlichen Lage stecken.



Im Fall der 91-Jährigen startete die Polizei 2004 eine groß angelegte Suche in der Umgebung des Seniorenheims. Beteiligt waren auch die Diensthundestaffel, die Freiwillige Feuerwehr Bischmisheim und die Berufsfeuerwehr Saarbrücken mit einer Wärmebild-Kamera.

Doch wie läuft so eine Suchaktion überhaupt ab? Laut LPP erfolgt die Entscheidung darüber von Fall zu Fall – „unter Berücksichtigung der Erfolgsaussichten, der Bedeutung sowie des hohen Koordinierungs- und Kräfteaufwandes“. Die Suche mit einem Großaufgebot sei keine Standardmaßnahme. Sie komme in Betracht, wenn die Vermutung besteht, dass die vermisste Person verunglückt ist, Opfer einer Straftat geworden sein könnte oder Freitod-Absichten hat. „Hinzukommen sollten weiterhin Hinweise auf einen abgrenzbaren räumlichen Bereich, in dem der Vermisste möglicherweise aufgefunden wird“, erklärt der LPP-Sprecher. Um zu klären, warum ein Mensch verschollen ist und wo er sich aufhält, greift die Polizei auch noch zu anderen Maßnahmen. So schauen sich die Ermittler zum Beispiel private Gegenstände des Vermissten an wie Papiere, Computer und Tagebücher. Sie versuchen, das Mobiltelefon zu orten, überprüfen Bankkarten, kontrollieren bevorzugte Aufenthaltsorte und hören sich im sozialen Umfeld um.

Vermisste zu suchen und Vermisstenmeldungen aufzunehmen, gehört in Polizeiinspektionen zum alltäglichen Geschäft. Laut Bundeskriminalamt (BKA) gelten in der Bundesrepublik insgesamt 13 400 Menschen (Stichtag: 1. Februar) als vermisst. Darunter auch deutsche Staatsbürger, die im Ausland verschwunden sind. Täglich erfassen Ermittler bundesweit etwa 250 bis 300 Fahndungen. Genauso viele löschen sie jeden Tag auch wieder. Zahlen, welche die Situation in den einzelnen Landkreisen im Saarland widerspiegeln, gibt es laut Polizei nicht. Sie werden nur für das gesamte Bundesland erhoben.

Wie das LPP auf SZ-Anfrage mitteilt, wurden im vergangenen Jahr im Saarland 1925 Vermisstenfälle registriert. Davon sind derzeit (Stichtag: 7. September) 1900 Fälle erledigt und 25 offen. Insgesamt bearbeiten die Beamten noch 180 offene Vermisstenfälle, die sich auf den Zeitraum von 1972 bis heute verteilen. Die aus der polizeilichen Kriminalstatistik bekannten Begriffe Aufklärung/Aufklärungsquote wenden Experten im Bereich Vermisste übrigens nicht an. Es ist vielmehr von erledigten Fällen die Rede. Der Grund dafür: Erreichen verschwundene Minderjährige das Erwachsenenalter, so entfällt die Vermissteneigenschaft – sofern es keine neuen Anhaltspunkte dafür gibt, dass sie in Gefahr sein könnten. „Der Fall gilt somit als erledigt, auch wenn keine tatsächliche Klarheit über den Aufenthaltsort vorliegt“, heißt es vonseiten des LPP.

Und es sind vor allem Jugendliche, die besonders gerne untertauchen. 73,6 Prozent der Vermisstenfälle, die im vergangenen Jahr im Saarland registriert wurden, gehen auf diese Altersgruppe zurück. 14,8 Prozent auf Kinder und 11,6 Prozent auf Erwachsene. Die Gründe, warum Menschen sich aus dem Staub machen, sind dabei ganz verschieden. Zu den 1925 Fällen hat die Polizei insgesamt 1936 Motive erfasst. Angst vor einer Strafe, Kindesentziehung, Drogensucht, Hilflosigkeit, Freitod-Absicht und Streit mit der Familie oder den Arbeitskollegen sind einige davon.

Der Polizei-Sprecher weist darauf hin, dass eine Demenzerkrankung nur in sieben Fällen Grund für das Verschwinden war und lediglich ein Vermisstenfall auf eine Straftat zurückzuführen ist. In 223 Fällen (zwölf Prozent) hatten es die Ermittler mit unbegleiteten Flüchtlingen zu tun. 334 Mal (17 Prozent) war Abenteuerlust der Grund für das Verschwinden. Und in 857 Fällen (44 Prozent) seien laut LPP Personen ohne festen Wohnsitz als vermisst registriert worden.

Die Polizei unterscheidet übrigens zwischen Vermisstenfällen und vermissten Personen. Denn eine größere Anzahl – vor allem Jugendlicher – verschwindet mehrfach. Laut LPP standen den 1925 Vermisstenfällen des vergangenen Jahres lediglich 859 unterschiedliche Personen gegenüber. Falls ein Mensch nicht mehr auftaucht, bleibt die Fahndung laut BKA bis zu 30 Jahren bestehen.

Die Suche nach der verschollenen Seniorin in Bischmisheim endete nach einigen Stunden glücklich. Ausschlaggebend war die Gehhilfe der Frau: Sie war am Rande eines Gebüsches abgestellt. Ein Polizeihund entdeckte die 91-Jährige daraufhin im Gestrüpp – unterkühlt, aber lebendig.

Die Hundenase ist mindestens 40 Mal so effektiv wie die eines Menschen. Bei der Suche nach verschollenen Personen sind speziell ausgebildete Vierbeiner daher oft eine große Hilfe.
Die Hundenase ist mindestens 40 Mal so effektiv wie die eines Menschen. Bei der Suche nach verschollenen Personen sind speziell ausgebildete Vierbeiner daher oft eine große Hilfe. FOTO: dpa / Bodo Marks
Bei der Vermissten-Suche setzt die Polizei auch Hubschrauber ein. Dieses Foto ist bei einem Einsatz in Nordrhein-Westfalen entstanden.
Bei der Vermissten-Suche setzt die Polizei auch Hubschrauber ein. Dieses Foto ist bei einem Einsatz in Nordrhein-Westfalen entstanden. FOTO: dpa / Wolfram Kastl