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Schiller
Begeistert für Schiller und ein Treffen mit de Sade

Claudia Kämmerer und Ralf Peter widmen sich Friedrich Schiller. 
Claudia Kämmerer und Ralf Peter widmen sich Friedrich Schiller.  FOTO: Clarissa Dahmen
Saarbrücken. Nachschlag der Sommermusik: Zur Herbstmusik gibt es zwei ambitionierte Kulturabende am Wochenende. Von Stefan Uhrmacher

Ein Interview mit einem Toten? Und der Tote ist auch noch kein Geringerer als Donatien Alphonse François de Sade (1740 bis 1814) - besser bekannt als der Marquis de Sade, den bis in unsere Tage der zweifelhafte Ruf des „Skandalösesten aller Skandalösen“ verfolgt.


„Gesprächspartnerin“ in einem fiktiven Dialog ist nun die Lothringerin Élodie Brochier.  Nicht nur in der hiesigen Kulturszenerie ist die Performance-Künstlerin, Schauspielerin, Sängerin und Puppenspielerin für ihre außergewöhnlichen, Sparten-übergreifenden Experimente bekannt. Mit der Maxime „Ich will leben, bevor ich sterbe“, einem Zitat von Wolfgang Amadeus Mozart, überschreibt Brochier diese neueste Inszenierung am Samstag, 1. Dezember, 19.30 Uhr im Kleinen Theater im Rathaus.

Die Mischung aus Hörstück, Stillleben und „visuellem Gedicht“ wartet mit Livemusik, Klangcollagen und Bildprojektionen auf und wird die „Herbstmusik“ beschließen, den Epilog der Saarbrücker Sommermusik 2018.



„De Sades Namen zu nennen, provoziert sofort Lächeln, schlüpfriges Kichern oder Schreie von Entsetzen und Ekel, obwohl nur sehr wenige Menschen ihn tatsächlich gelesen haben“, sagt Élodie Brochier:  „Trotz alledem und nachdem ich ein ganzes Jahr lang in seiner Gesellschaft war, bin ich überzeugt, dass De Sade uns in der heutigen Zeit absolut wesentliche Dinge zu sagen hat, unabhängig davon, was seine Verächter und dümmlichen Eiferer sagen.“

Bei ihrem Versuch eines Porträts dieses „freiesten Geistes, der je existierte“ (Guillaume Apollinaire über De Sade) lässt sich Élodie Brochier (Stimme, Akkordeon) von Johannes Schmitz (Gitarre) und Jean Birkel (Klangcollage) unter die Arme greifen.

„Der Lieder süßen Mund“ heißt es bei der „Herbstmusik“ tags zuvor am Freitag, 30. November, 19.30 Uhr im Vortragssaal des Saarlandmuseums: Es ist inzwischen der 14. Szenische Lieder- und Konzertabend von Claudia Kemmerer (Mezzosopran) und Ralf Peter (Tenor) in der langen Geschichte des Saarbrücker Festivals.

Hierzu widmen sie sich gemeinsam mit Daniel N. Seel (Klavier) dem zentralen Dichter der diesjährigen Sommermusik:  Friedrich Schiller.  Unter dem Motto „Schillers Dramen in der Musik“ erklingen Lied- und Opernkompositionen auf dramatische und theoretische Schiller-Texte.

Die Noten stammen aus der Feder von Schubert, Liszt, Verdi, Tschaikowsky und Dvorák, um die bekanntesten zu nennen, und in Form von Uraufführungen von Daniel N. Seel und dem gleichfalls längst Sommermusik-erfahrenen Berliner Komponisten Roland Aley.

„Neues über Schiller – unmöglich?“, fragt Ralf Peter augenzwinkernd rhetorisch: „Wieder war es die unvergleichliche Saarbrücker Sommermusik, die uns den Anstoß gegeben hat, Ausschau zu halten nach etwas noch nicht Gezeigtem – und da hat sich der Klassiker Schiller als ganz und gar nicht abgelutscht erwiesen.“  Das liege am „derzeit leider wieder sehr kontrovers behandelten Thema Freiheit“, so Claudia Kemmerer, es ziehe sich „als roter Faden variantenreich durch Schillers Gesamtwerk, sowohl persönlich als auch politisch“.

In seiner Abhandlung „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ (mit dem diesjährigen Sommermusik-Zitat „Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit“) bringe Schiller seine Kernidee auf den Punkt, „dass einer politischen Befreiung erst die ästhetische vorausgehen müsse“, sagt Claudia Kemmerer.  Hierzu soll im Saarlandmuseum eine Komposition von Roland Aley erklingen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt des Abends sei Schillers Internationalität, so Ralf Peter. Lied- und Opernausschnitte „aus zehn großen Schiller-Dramen sind zu erleben, die in mindestens neun Ländern spielen und von Komponisten mit sieben Nationalitäten in sechs Sprachen vertont wurden“.

Aktuell zum 400. Gedächtnisjahr des Dreißigjährigen Kriegs, der „Urkatastrophe Europas“, hat sich etwa Daniel N. Seel kompositorisch mit Friedrich Schillers „Wallenstein“ befasst. „Text-Übertitel und allerlei versachlichende Projektionen“, so Ralf Peter, sollen den geneigten Sommer-, pardon: Herbstmusik-Besucher während dieser kosmopolitischen Odyssee auf Kurs halten helfen.

Saarbrücker Herbstmusik: Freitag, 30. November, Saarlandmuseum (Moderne Galerie): „Der Lieder süßen Mund“. Samstag, 1. Dezember, Kleines Theater im Rathaus: „Ich will leben, bevor ich sterbe“. Beginn jeweils 19.30 Uhr, Eintritt frei.
www.saarbruecken.de

Elodie Brochier unterhält sich mit dem Marquis de Sade.
Elodie Brochier unterhält sich mit dem Marquis de Sade. FOTO: Iris Maurer