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Beethoven-Matinée im "Needful Things"

Konzert im Laden : Gemütliches Gedrängel zu Beethoven im Ladenlokal

In Sardinenbüchsen-Technik zwängt sich das Publikum in ein Kämmerchen, das es sich mit wuchtigen antiken Schränken und einer Küchenzeile teilen muss. Ein künstliches Kaminfeuer simuliert Behaglichkeit; in Wahrheit kommt die Wärme von einem dahinter versteckten Ölradiator.

Die wenigen Sitzplätze sind heiß begehrt; wer einen ergattert, verteidigt ihn mit Zähnen und Klauen.

Und zwei Musikerinnen samt Instrumenten sollen hier auch noch Platz finden? Tatsächlich, irgendwie ging‘s, und letztendlich fand man die Enge und das Aufeinanderhocken auch im Flur und den angrenzenden Räumen ganz sympathisch: Am Sonntagmorgen drängelten sich die Zuhörer bei der „Beethovenmatinee im Antiquitätenladen“.

Dass gleich mehrere Uhren in der zum Konzertsaal umfunktionierten „Winterwerkstatt“ des Ladens stehen geblieben waren, schien symptomatisch und passte zum historischen Ambiente wie zum Thema: Beethovens Musik ist schließlich zeitlos.

Und das intime Gepräge machte die Darbietung zu einer Kammermusik im wahrsten Sinne des Wortes und harmonierte aufs Beste mit dem Anlass: Lief das Konzert doch im Rahmen des bundesweiten Hausmusik-Wochenendes „Beethoven bei uns“, mit dem das Beethoven-Jahr 2020 zum 250. Geburtstag des Komponisten eröffnet wurde.

Das aus Bulgarien stammende Geschwisterpaar Hristina (Klavier) und Velislava Taneva (Violine) lud nun dazu ein, Beethoven neu zu entdecken. „Unser Anliegen ist es, vermeintlich alte Musik in unsere Zeit zu übersetzen, sprich: sie von den Konventionen einer oft routinierten Aufführungspraxis zu befreien“, erläutern die beiden Schwestern, die man aus dem von ihnen mit initiierten „Et Arsis Piano Quartett“ kennt.

„Was dann zum Vorschein kommt, überrascht uns manchmal selbst: Da beginnt es plötzlich zu rocken, da wird es frech, manchmal auch provokativ.“ Und wirklich entwickelte der olle Beethoven in der so sensiblen wie zupackenden Interpretation des mit musikantischem Temperament gesegneten Duos beträchtlichen Groove und tänzerischen Schmiss – ob bei zwei Sonaten für Klavier und Violine (Nr. 4, op. 23 und der berühmten „Frühlingssonate“), dem Rondo „Alla Ingharese quasi un Capriccio“ op. 129 („Die Wut über den verlorenen Groschen“) für Klavier solo oder der Romanze für Violine und Orchester op. 50, F-Dur in einer Bearbeitung für Geige und Klavierbegleitung.

Aber auch filigranste Pianissimo-Passagen gelangen so vorzüglich, dass einige Pärchen unter den Zuhörern mit seligem Lächeln und geschlossenen Augen verklärt die Köpfe aneinander schmiegten.

„Needful Things“ heißt der alteingesessene Antiquitäten-Laden in der Nauwieser Straße, seit ihn Achim Lenjoint mit Unterstützung seiner Lebensgefährtin Alexandra Raetzer übernommen hat. Wer bei dem Label an Stephen Kings gleichnamigen Roman als Inspirationsquelle denkt, liegt goldrichtig – abgesehen davon, dass das Etablissement kein bisschen gruselig ist, sondern viel Wohlfühlatmosphäre bietet.

Dass man ihm prompt zur Neu-Eröffnung im Oktober eine Baustelle vor die Tür pflanzte, die nun ein ganzes Jahr lang bestehen bleibt, ist natürlich Pech. Was Lenjoint jedoch nicht davon abhält, weitere Konzerte auf Spendenbasis zu veranstalten. Und weil die dann vorne im Verkaufsraum laufen, nennen sie sich „Schaufenstermusiken“.

Die Beethoven-Matinee funktionierte jetzt übrigens nur, weil das gegenüber liegende Gasthaus Bingert ganz unkompliziert Stühle auslieh – das für Livemusik nicht ganz unwichtige Verhältnis zu den Nachbarn scheint also schon mal bestens.

Nächste „Schaufenstermusik im Antiquitätenladen“ ist am Samstag, 18. Januar 2020, 19 Uhr: „All over Ondioline“. Der Musiker und Komponist Daniel Kitzig spielt und erklärt die von ihm restaurierten „Ondiolinen“ – historische Tasteninstrumente, die als Vorläufer des Synthesizers gelten. Eintritt frei, Hutsammlung.
www.needful-things.store