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Autorin Viktorie Hanišová las in Saarbrücken aus ihrem Roman „Anežka“

Lesung in Saarbrücken : Von den Vorurteilen gegen die Volksgruppe der Roma

Die tschechische Autorin Viktorie Hanišová las in der Frauengenderbibliothek in Saarbrücken aus ihrem Roman „Anežka“.

Das waren interessante Einblicke in eine bestimmte Problematik der tschechischen Gesellschaft, die 20 Zuhörer am Mittwochabend in der Frauengenderbibliothek bekamen. Die tschechische Autorin Viktorie Hanišová war dort zu Gast mit ihrem Roman „Anežka“, aus dem sie selbst auf Deutsch las. In Tschechien sieht sich weniger eine muslimische Minderheit rassistischen Vorurteilen ausgesetzt, sondern die Volksgruppe der Roma. Jetzt ist es so, dass sich in tschechischen Heimen überwiegend Roma-Kinder befinden. Hanišová konstruierte aus diesem Umstand die Geschichte von einer Frau namens Julie, die unbedingt schwanger werden will.

Aber was sie auch versucht, es klappt einfach nicht (die Autorin hatte bei diesen Passagen Angst, vor Scham rot zu werden, blieb aber blass). Somit bleibt nur übrig, ein Kind zu adoptieren, zur Wahl steht dabei „nur“ das Roma-Mädchen Agnes. Julie, die von sich nicht denkt, dass sie rassistisch ist, erfindet für ihre Adoptivtochter dennoch eine kubanische Herkunft, für die sie sogar Dokumente fälscht. Man könnte vermuten, um Agnes vor den intoleranten Tschechen zu schützen. Roma gelten dort weitläufig als weniger intelligent, schmutzig und drogen- oder alkoholabhängig. Allerdings, so will Hanišová zeigen, hat Julie sehr wohl selbst ein Problem damit, dass ihre Tochter ein Roma-Mädchen ist, sie will es sich nur nicht eingestehen. Agnes gerät dann tatsächlich schon in frühen Jahren auf die schiefe Bahn und erfüllt somit die rassistischen Klischees.

Der Roman, so schilderte es die Autorin in Saarbrücken, soll keine Schwarzweißmalerei betreiben. Sie propagiert in ihrem Buch den Zusammenhang, dass nicht die Herkunft für Agnes’ Abrutschen verantwortlich ist, sondern die latent rassistischen Ansichten ihrer Mutter. Selbst war die Autorin Lehrerin in einem Prager Viertel mit hohem Roma-Anteil. Sie habe erlebt, erzählt sie während der Lesung, wie Roma-Kinder sogar von Lehrern beschimpft worden seien. Manche von ihnen hätten sich dann tatsächlich negativ entwickelt, aber eben aufgrund der Ablehnung, die ihnen die Gesellschaft entgegenbringe, berichtete die Autorin.

Spannend war auch die Geschichte, wie die 39-Jährige zum Schreiben gekommen war: Nach der Geburt von Zwillingen sei sie in eine Psychose geraten. Hanišová dachte, sie müsse etwas tun, um nicht ganz verrückt zu werden. Das war in diesem Fall die Abkehr vom Lehrerberuf und das Schreiben ihres ersten Romans. „Anežka“ ist ihr dritter und der erste, der ins Deutsche übersetzt wurde. Dass sie auf Deutsch las, verdankt sie ihrem Germanistik-Studium. Anfangs noch etwas holprig kam sie in bewundernswerter Weise immer besser mit dem Lesen in der Fremdsprache zurecht. Die Story regte natürlich zu einer lebhaften und von der Slawistin Raija Hauck moderierten Diskussion an. So ging es beispielsweise darum, ob die Musikalität vieler Roma vererbt ist (dem widersprach die Autorin). In Roma-Kreisen sei der Roman leider kaum wahrgenommen worden, bedauert Hanišová, sie habe von dort keine Rückmeldungen bekommen.