Ausstellungsschiff MS Wissenschaft legt in Saarbrücken an

MS Wissenschaft : Künstliche Intelligenz ist heute schon überall

Zur Ankunft des Ausstellungsschiffes MS Wissenschaft in Saarbrücken erklärt Kevin Baum, was Künstliche Intelligenz bedeutet.

In die Natur zieht es Kevin Baum aus Riegelsberg, ein paar Tage Urlaub in den Bergen. Sonst würde er auch die Ausstellung auf der MS Wissenschaft besuchen. Nachdem das Schiff schon in Saarlouis lag, wird es vom 31. Juli bis 4. August auf Höhe der Congresshalle in Saarbrücken vor Anker gehen. An Bord ist eine große Mitmach-Ausstellung zu einem Thema, das auch Kevin Baum fest im Griff hat: Künstliche Intelligenz, kurz KI.

Baum arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter sowohl am Lehrstuhl für Praktische Philosophie als auch am solchen für Zuverlässige Systeme und Software der Informatik an der Saar-Uni und lehrt im Bereich der Computer-Ethik. Kurz gesagt: Bei dem, was er tut, prallen Informatik und Philosophie aufeinander. Die Ausstellung auf der MS Wissenschaft hätte er gern gesehen, nicht nur, weil er sich dafür interessiert, sondern weil er solche Ausstellung für sehr wichtig hält. Deren Ziel ist es, das Interesse der Leute für KI zu steigern und Berührungsängste zu nehmen, aber auch die KI zu entmystifizieren. Denn eine Gefahr ist es, sagt Baum, dass die Leute ihr zu sehr vertrauen. Durch solche Ausstellungen aber können sie verstehen, dass keine Magie dahintersteckt, sondern dass, wenn man Blödsinn in diese Programme einspeist, auch wieder nur Blödsinn herauskommt.

Künstliche Intelligenz ist inzwischen überall, in unseren Handys im Internet in der Suchmaschine, die vorherzusagen versucht, worauf wir reagieren werden, also welche Suchergebnisse besser zu uns passen. „KI ist eigentlich immer ein Tool (ein Dienstprogramm), das versucht, etwas vorherzusagen“, sagt Kevin Baum. Das gilt auch für Sprachassistenten wie Siri oder Alexa. Das, was wir sagen, sind für das Gerät in erster Linie ja nur mal Töne und Laute, die die KI dahinter heranzieht, sie einordnet und anhand von ihnen versucht vorherzusagen, was wir von ihr wollen.

An solchen Dingen merkt man, wie wenig wir über KI eigentlich wissen. Über Alexa, eine Amazon-Box, die Einzug in viele Wohnungen erhalten hat und wie andere Sprachassistenten weiterer Firmen wie Google oder Apple in der Kritik steht, auch über die vorgegebenen Maße hinaus zu lauschen und Daten weiterzugeben, rümpfen manche die Nase: Ich stelle mir doch keine Wanze ins Wohnzimmer. „Und das sagen sie, während sie ein Handy vor sich auf dem Tisch liegen haben, das das Gleiche wie Alexa tun kann, das sie aber dazu noch überallhin mitnehmen, das immer weiß, wo sie sind, und vorne und hinten eine Kamera hat“, sagt Baum.

Ganz viele Apps auf unseren Handys haben Module von Firmen impliziert, die zuhören. Sie schneiden winzige Ausschnitte mit, auf denen dann unter Umständen Radio im Hintergrund läuft oder prägnante Wortfetzen erscheinen, erklärt der 32-Jährige. Das alles lässt Rückschlüsse zu, für was wir uns interessieren. Gleichzeitig ist es ein Mythos, dass Facebook und Google uns abhören. „Die Dinger wissen so viel, die müssen uns gar nicht mehr abhören, die wissen eh, über was wir reden“, sagt Baum. Daten dürfen zwar nicht verkauft werden, das hat die Datenschutzgrundverordnung der EU reglementiert. Aber so weit brauchen Google und Co. gar nicht zu gehen. Plakativ gesagt: Google zeigt einer der Firmen mit den Mitschnitten eine Liste: ‚Das sind die Leute, die im Saarland wohnen. Wir interessieren uns für welche, die Ketchup mögen.’ Und die Firma antwortet: ‚Diese drei würde ich in der Liste höher setzen.’ Hinter all dem steckt KI.

Was die Künstliche Intelligenz und die Forschung um sie vor allem antreibt, ist Werbung. Wenn wir eine Internetseite aufrufen, läuft im Bruchteil einer Sekunde eine Auktion Hunderter KI-Programme im Hintergrund, die sich gegenseitig überbieten, um uns auf einem bestimmten Feld im Bildschirm seine Werbung zu zeigen. Das erste Programm bietet einen Cent, das zweite 1,1 Cent. Eines hat am Ende gewonnen. Dinge wie Autonomes Fahren, das wir heute mit KI verbinden und auf der MS Wissenschaft vorgestellt wird, sind spezielle Projekte, die sehr in die Tiefe gehen. „Die Frimen verdienen mit KI aber jetzt schon ganze Säcke voll Geld“, fasst Baum zusammen. Und von all dem kriegen wir gar nichts mehr mit.

Kevin Baum Foto: Alexander Manderscheid. Foto: Alexander Manderscheid

„Vielleicht sind wir auch zu panisch mit dem Umgang mit unseren Daten“, sagt Baum weiter. „Aber wir müssen halt aufpassen. Es heißt nicht, dass uns die Daten irgendwann auf die Füße fallen.“ Denn das Schwierige an der Künstlichen Intelligenz sind zum einen solche Phänomene wie Alexa, die von Männern-Stimmen trainiert, Schwierigkeiten hat, Frauen zu verstehen, oder die Gesichtserkennung von Google, die auf die Gesichter weißer Männer geschult Schwarzafrikaner oft mit Gorillas verwechselt. Das Schwierige ist aber auch, dass „wir ein System von Algorhythmen, Quellen und Daten erschaffen, das kaum einer durchschaut und nicht weiß, was warum passiert, wer wann zugreift. Es ist zu komplex“, sagt Baum: „Ich habe Angst, dass wir ein System mit Dingen erschaffen, die wir nicht verstehen und nachvollziehen können. Das ist mit einer liberalen Demokratie nicht zu vereinbaren.“ Künstliche Intelligenz muss verständlich und erklärbar sein, sie muss Begründungen liefern, fordert er: „Wir müssen aufklären, diskutieren, aushandeln und reglementieren, also Gesetze schaffen, und solche Angebote wie die MS Wissenschaft gehören dazu.“

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