Atelierbesuch Kerstin Arnold Wanderin zwischen Wirklichkeit und Kunst

Serie | Klarenthal · Kerstin Arnolds Gemälde sind groß und von einer durchdachten Detaildichte mit fast unmittelbarer Nähe zur Fotografie. Die von Arnolds sorgsam platzierten künstlerischen Akzente verblüffen bei dieser Form des Realismus umso mehr.

Kerstin Arnold in ihrem Atelier in Klarenthal vor einem der für sie typischen Gemälde. Die drei Frauen darauf wirken so realistisch, als seien sie fotografiert.

Kerstin Arnold in ihrem Atelier in Klarenthal vor einem der für sie typischen Gemälde. Die drei Frauen darauf wirken so realistisch, als seien sie fotografiert.

Foto: Iris Maria Maurer

Das Atelier von Kerstin Arnold befindet sich in ihrem Klarenthaler Wohnhaus. Und es ist winzig klein. Was aber am meisten wundert, ist nicht die Größe es Ateliers, sondern die Größe der Gemälde. Denn Kerstin Arnold arbeitet meterhohe und -breite Leinwände, die kaum in ihr Atelier zu passen scheinen. „Doch, sie passen ins Atelier. Im Gegenteil, eigentlich wollte ich mir unter dem Dach ein größeres Atelier einrichten. Aber die Leinwände sind zu groß, um sie die Treppe hochzutragen“, sagt sie lachend.

Kerstin Arnold ist im saarländischen Kunstbetrieb keine Unbekannte. Sie ist seit mehreren Jahren Mitglied im BBK, dem Berufsverband Bildender Künstler Saarland e.V., nimmt regelmäßig an dessen Ausstellungen teil.

Im letzten Jahr waren ihre Gemälde während der Landeskunstausstellung „Saar Art 2023“ im KuBa, dem Kulturzentrum am EuroBahnhof, sehen. Seither gilt sie als eine der Entdeckungen der „Saar Art 2023“. Kerstin Arnold malt figürlich. Und nicht nur das, ihre Figuren, meist junge Frauen in Alltagskleidung, gibt sie sehr realistisch, fast schon in fotorealistischer Manier wieder. Das weckt Aufmerksamkeit.

So präzise und akkurat Kerstin Arnold ihre Figuren, deren Kleidung und Attribute darstellt, überrascht es, dass sie nie Kunst studiert hat. Kerstin Arnold ist als Künstlerin Autodidaktin. Und das hat seinen Grund, wie sie erzählt. „Ich wurde in Chemnitz geboren. Schon zu meiner Schulzeit habe ich gerne gezeichnet und gemalt, wurde in der Schule gefördert, und mir wurde ein Kunststudium nahegelegt. Allerdings musste man sich während der Zeit der DDR im Kunststudium vorgegebenen Inhalten widmen, und das habe ich abgelehnt“.

Da wundert es nicht, dass die freiheitsliebende junge Frau im Jahr 1989 in den Westen kam, kurz vor dem Mauerfall. Im Saarland angekommen, musste die junge Mutter gleich arbeiten. „Ich habe den Beruf der technischen Zeichnerin erlernt, einen Beruf, der wenigstens im Entferntesten mit Kunst zu tun hatte. Denn damals wurde noch richtig mit Stiften und Pinsel gezeichnet“, sagt sie lachend.

Auch heute arbeitet sie noch in ihrem Beruf, allerdings investiert sie die meiste Zeit in ihre Malerei. „Ich habe schon früh hier für einen Kunstverlag gearbeitet, Stillleben gemalt, die dann publiziert wurden. Allerdings gab es da mit der Zeit immer mehr Vorgaben, das war mir zu viel“, berichtet sie.

Und freiheitsliebend wie sie ist, gab sie diesen Job auf. Stattdessen nimmt sie seit 2006 als freiberufliche Künstlerin an ungezählten Ausstellungen in Saarbrücken, aber insbesondere auch überregional und international teil. So waren ihre Gemälde auch schon in Japan oder den USA zu sehen. „Ich habe eine Galerie in Wien, die mich vertritt. Dort bin ich im Juni auch wieder in einer Ausstellung zu sehen.“

Dazu publiziert sie ihre Werke und zeigt sie regelmäßig auf Kunstmessen. Und überall kommen sie gut an. Denn ihre realistischen Frauenfiguren sprechen die Betrachter an. Um sie darzustellen, hat Kerstin Arnold eine besondere Vorgehensweise. Zuerst macht sie sich Gedanken, skizziert erste Ideen, die sie umsetzen will. „Dann buche ich Models von einer Saarbrücker Agentur oder einer Schauspielschule hier in Saarbrücken. Wir treffen uns in einem Fotostudio und ich sage, welche Haltungen und Posen die Modelle einnehmen sollen. Mein Mann macht dann die Fotos genauso, wie ich es mir vorstelle“. Diese Fotos dienen ihr anschließend als Vorlage für ihre Malerei. Wobei das Aussehen der Modelle genau übernommen wird, anderes aber noch geändert werden kann. Kerstin Arnold malt anschließend ihre fotorealistischen Frauen so genau, dass man meint, selbst den Stoff eines gelbgrünen Abendkleides rascheln zu hören. Dann aber setzt sie ihre Modelle in surreale Zusammenhänge oder verleiht ihnen symbolhafte Attribute.

So findet sich ein Totenschädel in einigen ihrer Gemälde wieder, ebenso wie gestreiftes Absperrband, ein Puppenkopf oder ein Messer. Denn der Künstlerin geht es nicht um den schönen Schein ihrer Modelle, sondern sie transportiert auch gesellschaftlich relevante Themen in ihrer Malerei.

Das Leben, der Tod, der Vanitas-Gedanke finden sich mittels des Totenschädels in ihren Gemälden wider, die Einsamkeit während der Coronazeit zeigt sich in einer mit Nägeln gespickten Atemmaske.

In einem anderen Gemälde, in dem sie zwei ihrer Modelle sogar gleich mehrfach auftreten lässt, wird wie gebannt auf das Smartphone gestarrt, die Figuren wirken verloren und isoliert. Die Räume, in die Kerstin Arnold ihre Figuren stellt, sind ebenfalls nicht realistisch. So finden sich mal ganz unvermittelt kleine, bunte Quadrate als Hintergrund, dann aber auch Pflanzenteile, die die Sehnsucht nach einer intakten Natur aufzeigen, häufig auch Absperrbänder oder Farbspritzer.

All diese surrealen Szenen, Attribute und Symbole brechen das realistische Abbild auf, die Künstlerin spielt mit der sehr gekonnten und präzisen Darstellung ihrer Figuren und den zwar ebenfalls detailgetreuen, aber doch auch rätselhaften Szenen und Räumen, die sie umgeben.

„Viele meiner Ideen kommen aus der Literatur, aus Büchern, die ich lese, oder aus der Musik, die ich gerade gerne höre oder die mir beim Malen durch den Kopf geht“, erklärt sie noch. Wer diese besondere Malerei aktuell sehen will, der kann Werke von Kerstin Arnold nicht nur in Wien finden, sondern auch beim Kultur- und Kunstverein Trier. Und in den Monaten Juli und August bei der Jubiläumsausstellung des BBK, Berufsverband Bildender Künstler Saarland e.V., im Saarländischen Künstlerhaus.

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