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Arnold Schönbergs "Pierrot Lunaire" kommt ins Pingusson-Gebäude

Vor der Premiere : „Eine rhetorische Musik von ungeheurem Farbenreichtum“

„Um zu retten, was zu retten ist“, kümmert sich Bernd Reutler um die ausgefallene Aufführung von Arnold Schönbergs „Pierrot Lunaire“.

Wie viele Werke mag es wohl geben, deren erste Aufführungen sowohl von fanatischen Anhängern wie Gegnern mit ruhestörenden Szenen torpediert wurden? Arnold Schönbergs „Pierrot Lunaire“ (1912) gehört jedenfalls dazu: Die Tumulte nahmen damals in Wien derart überhand, dass der Komponist sich genötigt sah, seine Mitwirkung an die Bedingung zu knüpfen, dass ihm „absolute Ruhe während der Dauer des Musizierens garantiert wird“ und „das Publikum darauf verzichtet, während der Pausen die Aufnahmefähigkeit zu untergraben“.

Es ist nicht verwunderlich, dass das Opus für eine Sprechstimme und fünf Instrumentalisten so aufgeregt rezipiert wurde, denn zur Zeit seiner Entstehung galt es als gattungshistorischer Solitär – ein atonales Schlüsselwerk der Moderne, das die Musik im 20. Jahrhundert maßgeblich beeinflusste.

Als erhellend mag dienen, was Schönberg selbst über seinen mondsüchtigen Pierrot äußerte: „Eines muss ich sofort und mit aller Entschiedenheit sagen: Pierrot Lunaire ist nicht zu singen! Gesangsmelodien müssen in einer ganz anderen Weise ausgewogen und gestaltet werden als Sprechmelodien. Sie würden das Werk vollkommen entstellen, wenn Sie es singen ließen […].“

Eigentlich hätte der Pierrot die Saarbrücker Sommermusik eröffnen sollen, auf Anregung und Wunsch von deren Initiator und künstlerischem Leiter Thomas Altpeter, der das Werk im zeitgenössischen Kontext Franz Werfels – des diesjährigen poetischen Zentrums der Sommermusik – positionieren wollte. Corona machte diesem Vorhaben einen Strich durch die Rechnung, weil die gesamte Sommermusik dem Virus zum Opfer fiel.

Der Pierrot wird nun trotzdem aufgeführt, im Rahmen einer Veranstaltung mit dem Namen „Phantastischer Mondstrahl – Schmerzensdunkle Nacht“. Konzeption und Dramaturgie liegen, wie ursprünglich geplant, in den Händen des Dramaturgen Bernd Reutler, der das Projekt durchzieht, „um zu retten, was zu retten ist“ und die Künstler gerade jetzt zu unterstützen.

Ihn reizt am Pierrot vor allem die Musik, die dem Ideal der Klangrede ganz nahe komme: „Eine rhetorische, fast gestische Musik von ungeheurem Farbenreichtum; toll instrumentiert.“ Dafür vertonte Schönberg den Gedichtzyklus „Rondels Bergamasques“ (1884) des belgischen symbolistischen Dichters Albert Giraud, dessen 21 Poeme sich in drei Blöcke zu je sieben Gedichten mit den Stimmungsschwerpunkten lyrisch, tragisch und humoristisch gliedern lassen.

Geben wir wiederum Schönberg selbst das Wort, der sich hier auf das „Fragment über absolute Poesie“ des Dichters Novalis bezieht: Die Gedichte seien, so Schönberg, „bloß wohlklingend und voll schöner Worte“, aber „ohne allen Sinn und Zusammenhang, […], wie Bruchstücke aus den verschiedensten Dingen. Diese wahre Poesie kann höchstens einen allegorischen Sinn im Großen und eine indirekte Wirkung haben.“

Das eröffnet gewisse konzeptuelle Freiheiten, die Reutler nutzt, um den Zyklus mit Texten und Gedichten von Franz Werfel, dessen Gattin Alma Mahler-Werfel und Arnold Schönberg selbst aufzubrechen. Reutler: „Der dramaturgische Grundgedanke unserer Aufführung ist ein dialektisches Gegeneinander von Surrealität versus Realität; bisweilen aber auch deren textlicher Verschränkung.“

In der Person Franz Werfels komme beides zum Tragen: „Werfels frühe Gedichte folgen dem Symbolismus und Expressionismus; spätestens seine Erfahrung als Exilant hat ihn zum Realisten werden lassen, der gegen diese Realität aber ideologisch und politisch engagiert aufbegehrt.“

Im sinnentrunkenen, in der Fremde umherirrenden und glücklich heimgekehrten Pierrot sieht Reutler Parallelen zu Werfel als berauschtem Poeten, verstörtem Emigranten und Dichter, der utopisch eine bessere Welt beschwört.

Doch ist die Welt wirklich so spaßig und heil? Das fragt Reutler mit Franz Werfels Rede „Ohne Divinität keine Humanität“, gehalten im Januar 1939 in Paris. Reutler: „Im Pingusson-Bau, der ehemaligen französischen Botschaft, gewinnt Werfels 80 Jahre alte Rede eine erschreckende Aktualität.“

Als Sprecher der Texte konnte Reutler den Schauspieler Peter Tiefenbrunner gewinnen; den Kontakten der Pianistin Henrike von Heimburg verdankt sich die Mitwirkung einer illustren Musikerriege um die Mezzosopranistin Nadia Steinhardt (Berliner Staatsoper) unter dem Dirigat von Jonathan Kaell.

Der Abend „Phantastischer Mondstrahl – Schmerzensdunkle Nacht“, in dem Schönbergs „Pierrot Lunaire“ zu erleben ist, findet am Samstag, 17. Oktober, 20 Uhr, im Pingusson-Bau sattt. Eintritt frei. Anmeldung nicht erforderlich.