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Tanzprojekt
Antanzen gegen die Angstmacher

Bereits drei Tanzprojekte hat das katholische Dekanat Saarbrückjen organisiert.
Bereits drei Tanzprojekte hat das katholische Dekanat Saarbrückjen organisiert. FOTO: Peter Marz / Photographer: Peter Marz
Saarbrücken. Saarbrücker Jugendliche brechen am Sonntagmorgen zu einem zweiwöchigen Tanzprojekt nach Spanien auf. Von Martin Rolshausen

Portbou ist ein perfekter Ort, sagt Heiner Buchen. Zumindest dann, wenn man es sich nicht einfach machen will. Und wenn man sich einlassen will auf das, was Geschichte und Gegenwart ist: Menschen auf der Flucht. „Auf Schlauchbooten übers Mittelmeer, zu Fuß, über meterhohe Stachelzäune, in Bussen, Sonderzügen fliehen Tausende auf lebensgefährlichen Passagen in Richtung Westeuropa. Sie retten sich vor Krieg, Armut, Verfolgung oder ökologischen Verwüstungen in ihren Heimatländern. Diese Menschen suchen und brauchen Schutz, doch in vielen Teilen Europas erfahren sie Haft, Hunger, Verelendung und eine heftige, nationalistisch gefärbte Abwehrhaltung“, sagt Heiner Buchen.


Er ist Pastoralreferent beim katholischen Dekanat Saarbrücken und organisiert zum vierten Mal ein Tanzprojekt für Jugendliche. Das Projekt führt 65 junge Menschen aus Saarbrücken, aus Sarajewo, aus Nantes, Rumänien und Spanien nach Portbou. Das 1000-Seelen-Dorf an der Grenze zwischen Spanien und Frankreich sei ein „sehr berührender Ort“, sagt Buchen. Im spanischen Bürgerkrieg, also zwischen 1936 und 1939, war Portbou für viele, die vor dem Franco-Regime flüchteten,  „letzter spanischer Ort vor der ungewissen Grenzüberschreitung in das Frankreich des Vichy-Regimes“, erklärt Buchen.

Am 25. September 1940 überquerte Walter Benjamin, ein deutscher Philosoph auf der Flucht aus Nazi-Deutschland, mit einer Gruppe von Flüchtigen die Pyrenäen und erreichte Portbou. „Spanische Grenzwächter verweigern Benjamin wegen des fehlenden Ausreisevisums aus Frankreich die Durchreise, gestatten ihm aber, vermutlich wegen seines schlechten Gesundheitszustandes, die Nacht im Grenzort zu bleiben“, erzählt Buchen: „Aus Verzweiflung,  nun zurückgeschickt zu werden, nimmt er sich am Abend des 26. September das Leben. Er wird auf dem alten Friedhof in Portbou unmittelbar oberhalb des Meeres beerdigt.“ 1994 wurde dort ein Gedenkort vom israelischen Künstler Dani Karavan geschaffen. „Eine Hommage an einen großen Denker der Moderne, der das Schicksal der Geflüchteten teilte“, sagt Buchen.



In Portbou werden die Jugendlichen, von denen einige als Flüchtlinge nach Saarbrücken gekommen sind, zwei Wochen in Klassenzimmern der örtlichen Grundschule leben. Sie werden sich kreativ mit dem Thema Flucht auseinandersetzen, sich mit Menschen treffen, deren Eltern im spanischen Bürgerkrieg geflüchtet sind. Sie werden sich aber auch mit eigenen Vorurteilen beschäftigen. Es bleibe aber auch Zeit fürs Meer, fürs Feiern, für Ferien.

Am Ende soll ein Tanzstück entstanden sein, dass auch in Saarbrücken gezeigt wird. „Das Projekt ist ein Statement für eine humane Gesellschaft. Es ist ein Projekt gegen all die Angstmacher in Europa und weltweit, die uns sagen, dass die Menschen, die mit Plastiktüten hier ankommen, eine Gefahr sind“, sagt Heiner Buchen.

Heiner Buchen
Heiner Buchen FOTO: Mona Mehravaran