Lesung mit Musik im Pingusson-Bau : Rückkehr zur eigenen Geschichte

Andreas Drescher las in Saarbrücken aus seinem autobiografisch geprägten Roman „Kohlenhund“.

Mit „Kohlenhund“ hat der saarländische Schriftsteller Andreas H. Drescher im Vorjahr einen 2012 Seiten umfassenden autobiografisch geprägten Roman vorgelegt, der auch bundesweit auf Medienecho stieß. Sein Romandebüt, in „atmosphärisch dichter Prosa“, sei für den Leser immer eine Herausforderung, denn es unterlaufe kunstvoll und systematisch den menschlichen Hang zur Nostalgie, lobte etwa der Deutschlandfunk.

Der Roman begeisterte auch Uschi Macher und Jörg Sämann vom saarländischen Kultusministerium so sehr, dass sie Andreas H. Drescher zu öffentlichen Lesung in den Pingusson-Bau einluden. „Als ich hörte, dass ich mir dazu die passenden Musiker selbst aussuchen darf, dachte ich, da greif‘ ich doch mal zu den Sternen“, erklärte Drescher am Freitagabend vorab verschmitzt. Mit dem Saxofonisten Jörg Kaufmann rief er sich einen – wie er selbst – gebürtigen Schwalbacher herbei, der mit den Bigbands fast aller deutschen ARD-Rundfunksender zusammengearbeitet hat und mit den Größen der Jazzszene. Der wiederum brachte aus Nordrhein-Westfalen, wo er seit langem lebt, mit Mathias Haus einen nicht minder renommierten Vibraphonisten als Begleiter mit. Und so wurde der Abend im ehemaligen Botschaftsgebäude für die rund 60 Besucher auch ein musikalisch glücklicher. Das Duo Kaufmann/Haus garnierte Dreschers Lesung mit einem wunderbar melodischen, gefühlvollen und leichtfüßigen Jazz.

Andreas H. Drescher wollte, eine noble Geste, auch dem Ort der Lesung seine Reverenz erweisen. „Ich habe extra aus dem Roman Kapitel ausgesucht, die mit Deutsch-Französischem zu tun haben“, verriet er der SZ vorab. Doch worum geht es in dem Roman „Kohlenhund“, dessen Titel unter anderem auf die volkstümliche Bezeichnung für eine Kohlenschütte anspielt?

Ein Geisteswissenschaftler, der an seiner Doktorarbeit sitzt, kehrt in sein saarländisches Heimatdorf zurück, um dort seinen Großvater beim Sterben zu begleiten. Im Roman geht es auch um das ambivalente Verhältnis des Enkels zu seinem Opa, doch hier im Pingusson-Bau wählte Drescher die Abschnitte mit Lebenserinnerungen des Großvaters aus dessen Perspektive. Von geschundene Grubenpferden etwa erzählt der Opa, die er als Bub in den Ställen eines Onkels besuchte. Er erzählt vom antifranzösischen Streik 1923, als die Franzosen die Ruhr besetzten, auch vom hitzigen „Abstimmungskampf“ 1935. Da saß der Opa auf ganz besondere Weise zwischen den Fronten: Als Deutscher 1910 im Elsass geboren, wird er durch den Versailler Vertrag Franzose, tritt schon während des Abstimmungskampfs in die SA ein, wird nach dem Anschluss ans Reich trotzdem arbeitslos. „Nicht mal einen Besen ließen sie mich in die Hand nehmen. Noch der Rinnstein zu deutsch, als dass ich ihn hätte kehren dürfen“, klagt er und geht frustiert als Nähmaschinenvertreter nach Metz, wo er dann als „sale boche“ auch keine Chancen hat.

Dieser Opa Albert ist jedoch kein tragischer Held, eher ein Opportunist, das zeichnet Autor Drescher in einer sehr visuellen, an Lyrik geschulten Sprache, durchaus auch mit ironischen Spitzen. Wie hier ein elsässischer Saarländer in deutsch-französischen Verhältnissen kämpft und strauchelt, ist ein ungewöhnlicher Blick auf die Geschichte. Die Kostproben, die Drescher unter großem Applaus, abgab, machen auf jeden Fall Lust auf mehr.