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Interkulturelle Wochen
„Niemand verlässt gerne seine Heimat“

Am Staden fühlt sich Javad Hassanzadeh wohl. Der junge Afghane kam vor vier Jahren nach Saarbrücken.
Am Staden fühlt sich Javad Hassanzadeh wohl. Der junge Afghane kam vor vier Jahren nach Saarbrücken. FOTO: Tobias Ebelshaeuser
Saarbrücken. Heute beginnen die Interkulturellen Wochen in Saarbrücken. Die SZ sprach mit einem jungen Afghanen über den Nutzen solcher Veranstaltungen und das Zusammenleben in der Landeshauptstadt. Von Alexander Stallmann

Es war bereits nach Mitternacht, als Javad Hassanzadeh das erste Mal Bekanntschaft mit der deutschen Polizei machte. Er saß im Zug von Paris nach Frankfurt, die letzte Etappe einer monatelangen Flucht. Übermüdet, hungrig und den Kopf unter seiner Kapuze versteckt hoffte der jugendliche Afghane, möglichst schnell Frankfurt zu erreichen, wo er bei Bekannten unterkommen wollte. Als der Zug am Saarbrücker Hauptbahnhof hielt, griffen ihn die Beamten auf. Javad war illegal eingereist, er leistete keine Gegenwehr und landete in einem sogenannten Clearing-House für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Völklingen.


Das war im Oktober 2014. Heute spricht Javad fließend Deutsch, geht in Saarbrücken zur Schule und möchte Grafik-Designer werden. Er hat im Saarland eine neue Heimat gefunden, sieht aber auch die Schwierigkeiten, die die Flüchtlingswelle mit sich gebracht hat. Die Zuwanderung von Menschen wie Javad hat in Europa eine teils hitzig geführte Debatte ausgelöst, die seit Jahren anhält. Einheimische, Zuwanderer und Kommunen stehen vor großen Herausforderungen.

„Es gibt Ängste, und es gibt Konflikte. Diese müssen wir wahrnehmen und ernstnehmen. Wobei es natürlich eine klare Grenze gibt, wenn es um Rassismus und andere Formen von Menschenfeindlichkeit geht“, sagt Veronika Kabis, Leiterin des Zuwanderungs- und Integrationsbüros der Stadt. Sich Rassismus entgegenzustellen und einen respektvollen Umgang miteinander zu stärken, sind die erklärten Ziele der Interkulturellen Wochen, die heute um 19 Uhr in Rathausfestsaal beginnen. Zum Auftakt hält Professor Dieter Filsinger, Dekan der Fakultät für Sozialwissenschaften an der Hochschule für Technik und Wissenschaft, einen Vortrag. Darin geht es um aktuelle Herausforderungen durch Einwanderung speziell für Kommunen. Die Interkulturellen Wochen laufen bis zum 3. Oktober. Insgesamt gibt es 23 Veranstaltungen. Organisatoren sind die Stadt, Vereine, Kulturschaffende und Akteure der Integrationsarbeit.



Ob Veranstaltungen wie die Interkulturellen Wochen dazu beitragen können, mehr Verständnis füreinander aufzubringen, sei schwer zu sagen, erklärt Javad. Für Zuwanderer seien jedenfalls die erste Zeit und die ersten Begegnungen in der neuen Heimat wichtiger. „Die ersten Tage nach der Ankunft entscheiden über dein Leben in Deutschland“, sagt der junge Afghane.

Sicher könne eine Veranstaltungswoche in Saarbrücken nicht mal einen Bruchteil der Fragen lösen, die rund um das Zusammenleben in Vielfalt entstehen, sagt Veronika Kabis. „Es ist jedoch wichtig, immer wieder Räume der Begegnung und des Dialogs zu schaffen.“

Javads Eltern sind vor Jahren aus Afghanistan in den Iran geflohen. Seine Familie gehört dem Volksstamm der Hazara an, der in Afghanistan unter anderem von den Taliban verfolgt wird. Wenn er über die Situation seiner Familie spricht, verfinstert sich die Miene des jungen Mannes. Im Iran durfte er nicht zur Schule gehen, der Weg zu einem Studium war somit verbaut. „Niemand verlässt gerne seine Heimat“, sagt Javad. Nach seiner Flucht war er voller Hoffnung, sich in Deutschland ein neues Leben aufbauen zu können. Doch das Leben in einem fremden Land kann auch frustrierend sein. Einmal wollte der junge Mann mit Freundinnen aus seiner Klasse einen Nachtclub besuchen. Die Türsteher hatten jedoch offensichtlich Anweisung, nicht jeden reinzulassen. Javad vermutet, dass er nicht in den Club durfte, weil auf seinem Ausweis vermerkt ist, dass er nur eine zeitlich begrenzte Aufenthaltsgenehmigung hat. „Dieses Erlebnis hat mich enttäuscht. Ich fühlte mich an mein Leben vor der Flucht erinnert, wollte Diskriminierung entkommen und habe sie nun auch hier erfahren“, sagt Javad.

Saarbrücken sei eine weltoffene Stadt, sagt Veronika Kabis. Doch können die Interkulturellen Wochen auch Menschen erreichen, die die Zuwanderung skeptisch sehen? Leute, die nicht dialogbereit sind, werden nicht kommen. Aber in diesen hitzigen Zeiten sei es auch wichtig, Menschen zu ermutigen, die vom Leben in Vielfalt überzeugt sind. „Wir wollen ihnen mit solchen Veranstaltungen auch den Rücken stärken“, sagt Kabis.