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Straßenstrich
Gegen den Strich: Wut an der Grenze

Seit der 2014 geltenden Reform der Sperrbezirksverordnung ist die Straßenprostitution nur noch an drei Stellen  in Saarbrücken erlaubt.  Stadt und Land wollten damit die Auswüchse des Geschäfts mit dem Sex  beseitigen. Anwohner der Sex-Meilen sehen sich als Leidtragende der neuen Regeln und machen ihrem Unmut Luft.    
Seit der 2014 geltenden Reform der Sperrbezirksverordnung ist die Straßenprostitution nur noch an drei Stellen  in Saarbrücken erlaubt.  Stadt und Land wollten damit die Auswüchse des Geschäfts mit dem Sex  beseitigen. Anwohner der Sex-Meilen sehen sich als Leidtragende der neuen Regeln und machen ihrem Unmut Luft.    FOTO: dpa / Boris Roessler
Alt-Saarbrücken. Bürger fühlen sich mit den Auswüchsen der Straßenprostitution allein- gelassen. Polizei weist  Vorwurf der Untätigkeit entschieden von sich.

An der Grenze liegen die Nerven blank. Grund: der Straßenstrich. Und Auswüchse, denen sich Bürger im Deutschmühlental ausgeliefert sehen. Sie sagen, niemand tue etwas dagegen. Weder Polizei noch  Stadt. Deswegen wendet Klaus Ludwig sich im Namen von Bürgern im Deutschmühlental an die Saarbrücker Zeitung und an die Landesverbände der großen Parteien. Ludwig sagt, Politiker ohne Bodenhaftung hätten die Menschen vor vollendete Tatsachen gestellt, als es darum ging, die Sperrbezirksverordnung zu ändern.


Seit Februar 2014 ist Straßenprostitiution nur noch an drei Stellen im Saarbrücker  Stadtgebiet erlaubt. Und nur nachts. Eine dieser Stellen ist die Dr.-Vogeler-Straße.

Vom besseren Schutz der Prostituierten könne jedenfalls nicht die Rede sein, sagt Klaus Ludwig. „Wie soll man etwas schützen, wenn man überhaupt keine Kontrolle hat?“ Reinigungsaktionen wie im März, als Prostituierte den Müll aus der vergangenen Nacht beseitigten, seien ein „peinlicher Witz“. An der Abfallmenge habe sich nichts geändert. „Es wird hier alles zugemüllt, und wo man hinschaut, liegt Prostitutionsmüll wie Feuchttücher, Tempos, gebrauchte Kondome und deren Verpackung“ – auch im Wald.



Der ZKE versuche täglich, auf Kosten der Steuerzahler zu reinigen. Der Erfolg sei mäßig. Die Sperrbezirksverordnung ignorieren Prostituierte und Freier nach Ludwigs Ansicht „vollkommen“. Die Zufahrtstraßen seien häufig mit Autos der Freier zugestellt. Und: Halb nackte Prostituierte „stehen mitten auf der Straße  und springen den Anwohnern direkt vors Auto“.

Der Fahrbahnteiler am  Folsterweg sei in diesem Jahr mehrfach plattgemacht worden, zuletzt an Samstag Ende Juni gegen 1.30 Uhr. Das bestätigt Leser-Reporterin Verena Thoma. Die Verkehrsinsel sei zum dritten oder vierten Mal umgefahren worden. Einem Augenzeugen zufolge ist dabei eine Prostituierte verletzt worden, „die aber vor Eintreffen der Polizei weggeschafft wurde“.

 Klaus Ludwig moniert, zu Dreck und Belästigungen komme der Lärm „durch Schreien, Hupen, quietschende Reifen“. Und wer behauptet, die Polizei habe schon alles im Griff, der „hat überhaupt keine Ahnung“. Ludwig schreibt: „Die Polizei sieht man hier so gut wie nie.“ Beschwerdeanrufe seien sinnlos.

Ludwig findet, es gebe für den Strich genug andere Möglichkeiten wie etwa ein Industriegebiet, wo keiner wohnt und die Prostitution  nachts  niemanden belästigt. Ludwig weiter: „Wir Bürger haben  von diesem Zustand die Schnauze voll und fordern, den gesamten Einfahrtsbereich Deutschmühlental/Folsterweg dauerhaft von Prostitution freizuhalten. Unsere Sicherheit ist durch diesen Straßenstrich nicht mehr  gewährleistet. Viele Anwohner fühlen sich in ihrem Stadtteil nicht mehr wohl.“

Ralf Gries, ein weiterer Kritiker, schreibt, dass Prostituierte im Deutschmühlental regelmäßig Spaziergänger, Radfahrer, Jogger anpöbelten. Saskia  Karrenbauer stören die Überreste der Prostitution am Hauptfriedhof. „Jedes Mal,  wenn man an den Eingang zur  Einsegnungshalle benutzt, ist der ganze Boden so was von verschmutzt mit benutzten Kondomen und deren Verpackungen, dass es einem regelrecht schlecht wird.  Ist das ein Zustand?“

Fest steht: Am Hauptfriedhof ist die Prostitution verboten. Das zeigt ein mehrsprachiges Merkblatt der Stadt mit einer Grafik. Auf Verstöße gegen die Sperrbezirksregeln weise die Polizei hin und ahnde sie.  Das betonen Peter Schneider und Mathias Biehl von der Inspektion Alt-Saarbrücken. „Den Vorwurf der Untätigkeit weisen wir zurück. Wir kontrollieren engmaschig und reagieren auf jeden Verstoß gegen die Sperrbezirksverordnung, ob wir ihn nun selbst bei unseren Kontrollen feststellen oder ob Bürger ihn uns mitteilen.“ Biehl warnt aber vor falschen Erwartungen: „Eine Rund-um-die-Uhr-Überwachung ist nicht möglich. Die Frauen gehen ja keiner verbotenen Tätigkeit nach.“

Die Klagen über den Strich-Müll nimmt die Stadt ernst, wie ihr Sprecher Thomas Blug sagt.  Demnach reinigen Mitarbeiter des Zentralen Kommunalen Entsorgungsbetriebes (ZKE) bis zu sechsmal pro Woche folgende Straßen und Plätze: die Breite Straße, den Sportplatz Burbach, die Dr.-Vogeler-Straße mit Wendehammer Drahtzugweiher und den Wendehammer am Ende der Zinzinger Straße.

Auch Kritik wie von Saskia Karrenbauer über verräterischen Dreck vor dem Hauptfriedhof ist der Verwaltung bekannt. Die hatte schon im Frühjahr zugesagt, Mitarbeiter dorthin zu schicken und darüber zu beraten, wie sich die Reinigung noch verbessern lässt. Die Wegwerfer vom Straßenstrich sorgen schließlich ständig für neuen ekligen  Müll. Nacht für Nacht.