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Gewürzemanufaktur Rimoco
Die Saarbrücker mit den Zauberpülverchen

Die Gewürzmanufaktur Rimoco hat in einer ehemaligen Schreinerei ihr Zuhause gefunden. Links halten sich bunte Probierdöschen mit Magneten an einer Holzwand fest, rechts wird manchmal gekocht.
Die Gewürzmanufaktur Rimoco hat in einer ehemaligen Schreinerei ihr Zuhause gefunden. Links halten sich bunte Probierdöschen mit Magneten an einer Holzwand fest, rechts wird manchmal gekocht. FOTO: Rich Serra
Saarbrücken. In der Talstraße arbeitet versteckt in einem Hinterhof eine Gewürzmanufaktur, die nach ganz Europa exportiert. Von Alexander Manderscheid

Ben springt auf, huscht durch die alte Werkstatt und lässt erst mal Richard erzählen. Dann kommt er mit einem Döschen zurück, hockt sich hin und öffnet es. In dem Döschen wartet ein rotes Pulver darauf, ein bisschen weh zu tun. Tiefrot. „So rot, wie die Flammen in deinem Mund“, sagt Richard Möcks, der sich selbst schön entspannt auf seinem Holzstuhl zurücklehnen kann. Er muss ja nicht probieren. „Carolina Reaper“ heißt das Chilipulver, oder „Gringo-Killer“, wie die Amerikaner sagen. Es zählt zu den schärfsten Chilis, die noch in die Küche kommen. Alles andere nimmt die Medizin.


Wir haben es uns an einem rustikalen Tisch in der Talstraße 48 in Saarbrücken gemütlich gemacht. Die Decke der alten Werkstatt thront meterhoch. Die großen Strebenfenster tun ihr Bestes, um möglichst viel Licht aus dem Hinterhof nach innen zu lassen, wo sich ein Probehäufchen von Zitronensalz in einer weiteren Dose befindet. Im selben Raum schnitt mal die Schreinerei Ladenbau Stein unter lautem Getöse ihr Holz. Später dann kamen die Leute mit dem Carolina Reaper, haben das Erdgeschoss entkernt und arbeiten jetzt in Räumen, in denen andere gleich wohnen würden. Die Leute mit dem Chilipulver sind Richard Möcks und Ben Albuzat, beide 36 und Sandkastenfreunde: die Gründer und Geschäftsführer der Gewürzmanufaktur „Rimoco“, die ihre Ladenkunden mit dem Schellen einer großen Kuhglocke begrüßen.

Moment. Ben Albuzat fängt ja erst an. Er stellt den Gringo-Killer wieder weg und gibt mit einem silbern glänzenden Löffel zwei Kügelchen Szechuan-Pfeffer aus einer anderen Dose aus, die die Zunge ein bisschen taub werden lassen. Aber nicht für sich und seinen Kompagnon. Also können sie munter weitererzählen von Reisen und Ideen, atemberaubenden indischen Gewürzmärkten und Siliziumdioxid, das man bei ihnen aber vergeblich suche. Mit solchen Rieselhilfen und anderen Tricks, mit denen die Industrie Gewürze aufpeppe, haben sie nichts am Hut, sagen die beiden. Lieber packen sie ihre Sachen und machen sich dann und wann auf, um direkt bei den Bauern Neues zu finden. Sie bekommen ihre Produkte aus aller Welt. Der Pfeffer stammt meist aus Indien, Chilis aus Mexiko und den USA und Kräuter aus Europa. Was sie aus deutschem Anbau besorgen können, besorgen sie sich auch aus Deutschland – für den ökologischen Fußabdruck, sagt Möcks.

Aber egal ob sie in der Eifel sitzen oder in Indien, bei den Bauern kann die Manufaktur auch mal kleine Chargen ordern, für die die Großhändler nicht mal den Bleistift spitzen würden. So fühlen sich die beiden Gründer auch dem nahe, das sie „authentisch“ nennen: dem echten Geschmack, den Urlauber von ihren Reisen kennen und mit den versprochen unverfälschten Gewürzen nachkochen können. 160 Sorten und Mischungen hat Rimoco inzwischen im Angebot, die in Holzkisten aus einer Trierer Behindertenwerkstatt fast eine halbe Wand der langen alten Werkstatt abdecken. Gegenüber führt eine Tür zu einem Nebenraum, in dem die Angestellten abfüllen und verpacken. Albuzat und Möcks leisten sich inzwischen vier, die auch in der großen Küche neben der Werkstatt mitkochen und Vorschläge für neue Mischungen machen.

Rimoco spielt gern damit: gemeinschaftlich, nachhaltig mit den wiederfüllbaren Döschen und dem Fußabdruck. Die Gründer sprechen von Atmosphäre und Authentizität: alles Attribute aus dem schon länger anhaltenden Trend, der die gesamte Gourmet-Szene auf der Flamme köcheln lässt. Es ist ihr Geschäft, und auf diesen Zug sind schon viele mit aufgesprungen. Rimoco liefert europaweit. Die Pakete gehen an Bäckereien und Restaurants und was man sich noch so vorstellen kann. Der Onlinehandel macht 98 Prozent des Geschäfts aus. Zwei Prozent gehen auf den Ladenverkauf und auf die Seminare, die für das ganze Jahr schon so gut wie ausgebucht sind.



Bei zwei Prozent liegt auch der Anteil von Gewürzen an einem Gericht, schätzen die beiden Saarbrücker. Aber was für zwei Prozent das sind, solche, die 90 Prozent des Geschmacks ausmachen. „Du kannst demselben Essen eine völlig andere Note geben, und das nur mit ein bisschen Zauberpulver“, sagt Möcks am Tisch, während als Nächstes eine Brise „Piment d’Espelette“ die Runde macht, ein fruchtiges Chiligewürz, original nur aus dem Baskenland mit „Champagner“-Namensstrenge, das allein schon durch seinen Duft von Paprika und Tomaten fantasieren lässt.

Da stellt sich gar nicht die Frage, ob so was mal schlecht werden könnte. „Eigentlich nicht“, sagt Albuzat, „Gewürze verlieren höchstens ihr Aroma nach und nach, aber sie kippen nicht um, so dass man sich den Magen davon verderben könnte.“ Früher dienten sie tatsächlich auch dazu, Essen haltbar zu machen. Dass sie dem Geschmack unter die Arme greifen, wurde erst später wichtig, erzählt Albuzat und plaudert zum Schluss noch ein bisschen davon, dass Gewürzen damals wie heute auch heilende Kräfte zugesprochen wurden und werden. Mischungen aus Kurkuma, Kreuzkümmel und Muskat können Entzündungen lindern und Gelenkschmerzen entgegenwirken. Aber man sollte, so ergänzt er, mit solchen Aussagen vorsichtig sein. Sich auf die Welt der Gewürze einzulassen, sei aber generell gesund – allein schon, weil man dann abwechslungsreich koche.

Vier Angestellte beschäftigt Rimoco inzwischen. Oft stehen sie in einem hinteren Teil des Gebäudes zusammen um einen Tisch und mischen die Gewürze, füllen sie in die Döschen und versenden sie an die Kunden.
Vier Angestellte beschäftigt Rimoco inzwischen. Oft stehen sie in einem hinteren Teil des Gebäudes zusammen um einen Tisch und mischen die Gewürze, füllen sie in die Döschen und versenden sie an die Kunden. FOTO: Rich Serra
Richard Möcks (links) und Benjamin Albuzat.
Richard Möcks (links) und Benjamin Albuzat. FOTO: Rich Serra