Acting and arts spielt "Die Verstörung" von Falk Richter

Theaterpremiere : „Lass einen kommen, der mir sagt, wie ich leben soll!“

Die kalte Welt von heute: Glänzende Premiere bei Acting & Arts mit Falk Richters „Die Verstörung“. Intensive Darsteller, kluge Regie.

„Kannst du nicht kommen?“ „Ich fühle nichts.“ Mit wiederholten Hilferufen kriechen Menschen über den Boden und versuchen, sich an über- und nebeneinander gestapelten Drahtkäfigen hochzuziehen. An der Wand dahinter rieselt projizierter Schnee: Es ist Weihnachten, die Stadt erfriert bei 34 Grad minus, die Stille ist nicht auszuhalten.

Umso stärker glüht die Sehnsucht nach Geborgenheit. Hoffnungsdruck kocht hoch: Man will raus aus seiner Einzelhaft, will unbedingt irgendetwas Heiliges erleben in dieser Nacht, will zu jemandem gehören. Aber „keiner will nach Hause, weil da nichts ist, weil da niemand wartet, weil da alle so viel erwarten, aber keiner will allein sein.“ So lautet einer der Schlüsselsätze aus Falk Richters Stück „Die Verstörung“, das am Samstag in einer Aufführung der „acting and arts Company“ in der privaten Saarbrücker Schauspielschule Premiere feierte.

Solche Sätze fallen viele in diesem Episodendrama, bei dem einige Schicksale miteinander verknüpft sind, andere isolierte Härtefälle zeigen. Die bittere Kälte spiegelt die innere Leere, den Seelenfrost und die Haltlosigkeit der Protagonisten. Ihre Depression verdeutlicht Regisseurin Petra Lamy mit kommentierender Musik und der metallischen Sterilität einer funktionalen Kulisse (Bühnenbild: Ensemble), in der nur wechselnde Videos im Hintergrund und auf einer mobilen Leinwand für einen Tupfer Farbe sorgen.

Gleichzeitig löst Lamy mit diesen Projektionen, die mit zynischem Humor Szenen zweier unterschiedlicher Ehen und einen wenig souveränen Psychologen zeigen, geschickt ein Besetzungsproblem: Peter Tiefenbrunner und Benjamin Kelm tauchen lediglich in den Einspielern auf. Dafür übernehmen einige der live agierenden Darsteller gleich mehrere Rollen.

Es dominiert Hilflosigkeit: „Lass einen kommen, der mir sagt, wie ich leben soll!“ fleht eine alleinerziehende Mutter, verkörpert von Valentina Knauber. Sie spielt auch die eskalierende Pflegerin in dem Heim, in das der homosexuelle Regisseur Paul (Manuel Franz) seine Mutter (Beate Petri-Ruth) abgeschoben hat. Die büxt aus und kümmert sich um einen scheidungsverwaisten Jungen (Fabian Hanis) als Ersatz für ihren verlorenen Sohn. Der wiederum liebt sich wund an seinem Freund, dargestellt von Nicolas Hübschen, der außerdem als kiffender Regieassistent und Patient des besagten Psychologen brilliert.

Pauls verzweifelter Versuch, sich mit einem One-Night-Stand mit einem eitlen Macho (Christian Heß) zu trösten, endet desaströs. Heß wiederum begegnet uns außerdem als erfolgloser Schauspieler, der auch als Vater versagt. Und seine Kollegin (Silke Jarmut) ist ebenfalls nicht so glücklich, wie sie vorgibt.

Von Angst und Wunschdenken getrieben, reibt man sich aneinander auf. Dialoge werden zu Wortgefechten, Annäherungsversuche enden in Lethargie, Verletzung, Hysterie, Überforderung und sogar handgreiflicher Notwehr. Alles scheint zerrüttet: Paar-Konstellationen und Eltern-Kind-Beziehungen, auch beruflich findet keiner Erfüllung. Wer aufmuckt, wird mit einem brutalen „Sei still und halt’s einfach aus!“ nieder geschrien.

Einige Szenen lässt Lamy drastisch ausspielen, widersteht jedoch, von einigen Überzeichnungen abgesehen, der Versuchung pathetischer Melodramatik. Die Thematik ist typisch für Falk Richters Stücke, die oft Bindungsunfähigkeit beschreiben: Es geht um die Unmöglichkeit, Nähe zuzulassen und sich festzulegen, und um den unsteten Hunger nach einem undefinierten Mehr an Alternativen. Zwangsläufig verzweifeln die Protagonisten an der Welt und sich selbst. So auch hier, wo am Ende alle wie lebende Tote auf die Zuschauer zu wanken. Intensive Darsteller, starke Inszenierung.

Infos und weitere Aufführungen unter www.acting-and-arts.com

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