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Abitur in der Corona-Krise: Schüler im Saarland demonstrieren vor Bildungsministerium

Kostenpflichtiger Inhalt: Streit wegen der Ansteckungsgefahr durch das Corona-Virus : Heftige Proteste gegen Schulprüfungen (aktualisiert)

Schüler protestieren online und offline gegen die anstehenden Prüfungen. Die Bildungsministerin wendet sich derweil mit einem offenen Brief an die Schüler.

Abiturienten verschiedener Gymnasien, Gemeinschaftsschulen und Fachoberschulen machen seit Donnerstagabend ihrem Protest gegen die ab 20. Mai im Saarland angesetzten Abitur-Prüfungen am Bildungsministerium in Saarbrücken Luft. An einem Baugerüst vor dem Ministerium und in dessen Eingang haben die Schüler, die wegen der Ansteckungsgefahr durch das Corona-Virus bei den Prüfungsterminen ein Durchschnittsabitur auf Basis ihrer bisherigen Leistungen fordern, Plakate und Stoffbanner aufgehängt. Deren Botschaften sind an Deutlichkeit kaum zu überbieten: „Abi bestanden, Oma tot“ ist da etwa zu lesen.

Mehrere Dutzend der Botschaften an Bildungsministerin Christine Streichert-Clivot (SPD) hängen inzwischen dort. „Das ist eine stille Demo. Wir hoffen jetzt auf ein Gespräch mit der Ministerin, um einen Kompromiss zu finden“, sagte Lilli Jäckels, Abiturientin am Theodor-Heuß-Gymnasium in Sulzbach, die zum Organisationsteam der „Stillen Demo“ zählt. Durch die Aufrufe auf Facebook und Instagram verbreitet sich die Forderung nach einem Durchschnitts-Abitur, das bisher von der Kultusministerkonferenz abgelehnt wird, wie ein Lauffeuer unter den Abiturienten des Saarlandes. Die Protestierenden wollen auch eine „echte“ Demonstration mit den gebührenden Sicherheitsabständen am kommenden Montag vor dem Bildungsministerium veranstalten. Doch suchen sie noch jemanden, der die Demo anmeldet und die Verantwortung trägt, sagte Lilli Jäckels.

Am Freitagmorgen standen zwei Abiturienten des Illtal-Gymnasiums Illingen, vorschriftsmäßig mit Gesichtsmasken ausgestattet, vor der Plakat-Ausstellung am Ministerium. Einer von ihnen, Markus Zemmer, erklärte der SZ, dass er die Forderungen voll unterstütze. Er könne sich nicht vorstellen, wie eine fünfstündige Mathe-Prüfung mit Gesichtsmaske zu schaffen sei.

In einem offenen Brief an Bildungsministerin Streichert-Clivot hatten Schüler von elf saarländischen Gymnasien ihre Forderung nach einem Durchschnittsabitur erklärt. Die Vorgaben aus dem Bildungsministerium bezeichneten sie als „nicht tragbar“. Denn: Es sei „nicht möglich, die Abiturprüfungen wie geplant durchzuführen und dabei gleichzeitig eine Garantie für die Gesundheit aller Beteiligten auszusprechen“. Diese mache die Prüfungen „zu einer Gefahr für das Leben aller direkt und indirekt Beteiligten“. Zudem kritisierten die Schüler, dass bundesweit unterschiedliche Regelungen bei den Abschlussprüfungen getroffen worden seien, deshalb verfange das Argument der Vergleichbarkeit nicht. Auch das Gebot des Gleichbehandlungsgrundsatzes sei wegen „mangelnder Planungssicherheit“ durch Terminverschiebungen unterminiert worden.

Am Freitag antwortete die BIldungsministerin ihrerseits mit einem offenen Brief an die Schülerschaft. Darin äußerte Streichert-Clivot zwar Verständnis für die Verunsicherung, schrieb aber auch: „Ich kann Ihnen versichern: Wir treffen unsere Entscheidungen nach bestem Wissen und Gewissen auf dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen Forschung. Wir setzen niemanden – nicht Sie, keine Lehrerin und keinen Lehrer, keine Familienmitglieder – sehenden Auges unkalkulierbaren Risiken aus. Menschen aus Risikogruppen werden wir besonders schützen.“ Zudem heißt es: „Nach allem, was wir jetzt wissen und geplant haben, um den Infektionsschutz und die Hygiene sicherzustellen, können wir die schrittweise und vorsichtige Wiederöffnung und die Durchführung der Abiturprüfungen verantworten. Und natürlich tragen auch Sie Verantwortung dafür, die notwendigen Hygieneregeln einzuhalten und so Ihre Gesundheit und die anderer Menschen zu schützen.“ Der Verzicht auf die Abiturprüfungen wäre nicht nur ungerecht denjenigen gegenüber, die sich intensiv auf die Prüfungen vorbereitet hätten, sondern die Zukunftsperspektiven für die Schüler „wahrscheinlich deutlich verschlechtern“. Ein sogenanntes Durchschnittsabitur würde zwar in anderen Ländern anerkannt, aber mit Ausgleichsregelungen versehen werden. „Denn um die bundesweite Anerkennung des Abiturs herzustellen, würde ein Durchschnittsabitur um einen bestimmten Faktor korrigiert werden müssen – und zwar zu Ihrem Nachteil!“ Abschließend erklärte Streichert-Clivot: „Wäre ich nicht selbst zutiefst überzeugt davon, dass die Entscheidung für die Wiederöffnung unserer Schulen, für die Abiturprüfungen, für Ihre Zukunftsperspektiven richtig ist, hätte ich sie nicht so getroffen.“

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert derweil zum Schulstart am 4. Mai ein „funktionierendes Hygienekonzept“. Insbesondere bei Berufsschulklassen sei das schwierig, weil die Schüler durch Arbeit in Betrieben „einen größeren Bewegungsradius“ hätten. Besser sei es, von den Abschlussprüfungen der Berufsfachschulen und des Berufsvorbereitungsjahres abzusehen.